Aktivierung des ländlichen Raums für eine nachhaltige Entwicklung

In Deutschland herrscht ein starker Kontrast zwischen Stadt und Land, insbesondere im Osten. Man geht beispielsweise davon aus, dass die Bevölkerung in Brandenburg in den nächsten 20 Jahren um nahezu 30 Prozent schrumpfen wird.

Die Tendenz dort und in anderen ostdeutschen Bundesländern zeigt, dass zunehmend Arbeitsplätze verloren gehen und Einrichtungen der täglichen Versorgung wie Ärzte, Banken, Geschäfte schließen. Es ist ein sich selbstverstärkender Prozess: je weniger Versorgungseinrichtungen, desto weniger Arbeitsplätze und abnehmende Kaufkraft, und somit weniger Versorgungseinrichtungen.

Die Lebensqualität verschlechtert sich und die Wege werden länger. Das führt letztlich dazu, dass die gut ausgebildete junge Generation aus dem ländlichen Raum in die Stadt zieht. Man nennt diesen Prozess salopp „braindrain“.

Und so leben bereits 77 Prozent der Menschen in Städten oder städtischen Ballungsräumen. Zumal es auf dem Land an digitaler Infrastruktur fehlt, um das nach Corona zunehmend akzeptierte und gewünschte Homeoffice tatsächlich auch im Dorf zu installieren.

Keine Wohnungen in Städten, massenhaft auf dem Land

Unter anderem wegen dieser Urbanisierungstendenzen für die in die Städte ziehenden Menschen lt. Berechnung der Bundesregierung 400.000 Wohnungen. Diese sollen jährlich in Deutschland realisiert werden, bevorzugt in oder in unmittelbarer Nähe von Städten.

Doch Lieferengpässen, Genehmigungsprozesse, steigende Inflation und steigende Baupreise sind Hemmschuhe für das Erreichen dieses Ziels – während gleichzeitig im ländlichen Raum 1,7 Millionen Wohnungen leer stehen.

Alternde Gesellschaft verstärkt Wohnungsmangel

Verstärkt wird der Wohnungsmangel durch die Überalterung der Gesellschaft, sprich: Menschen werden durchschnittlich immer älter. Lag das durchschnittliche Höchstalter 1960 noch bei 69 Jahren, so werden Menschen derzeit 80 Jahre alt.

Das hat vielerlei Folgen: Es gibt immer mehr alleinstehende alte Menschen. Diese leben in verhältnismäßig großen Wohnungen im ländlichen Raum. Doch diese sind in den seltensten Fällen barrierefrei. Zudem ist die Versorgung durch ambulante Pflegedienste meist unzureichend.

Die Rente reicht meist nicht aus, um das Leben allein im großen Haus mit den täglichen Bedarfen und den Instandhaltungskosten ihrer Immobilien zu bestreiten.

Viele Menschen verarmen oder müssen ihre gewohnten Umgebung verlassen – auch, weil die früher üblichen Nachbarschaften einer sozialen Gemeinschaft nicht mehr existieren.

Wohnen im Ländlichen, Leben in der Stadt

Dabei besteht eine Grundtendenz zum Wohnen im ländlichen Raum. Gründe sind etwa die eher erschwinglichen Grundstückspreise, frischere Luft, mehr Grün in einem eigenen Garten.

Und so bauen junge Familien am Ortsrand neue Häuser, während alleinstehende Ältere aus dem Dorfkern ausziehen – der vielzitierte Donut-Effekt, das Loch in der Mitte entsteht.

Und trotz der jüngeren neuen Dorfbewohner wird nur selten eine soziale Gemeinschaft gebildet, die vergleichbar mit der früheren ländlicher Siedlungen ist.

  • Denn die Eltern arbeiten meist in der Stadt und pendeln zu ihren Arbeitsplätzen.
  • Mitgliedschaften in den ortsansässigen Vereinen sind nicht en vogue.
  • Die angesagten Freizeitaktivitäten der Kinder sind meist nicht am Ort zu finden. Auch sie pendeln in die Stadt.

Nur so wird scheinbar „das Beste aus beiden Welten“ für alle Familienmitglieder erreicht.

Nachteile für die Umwelt

Neben diesen Nachteilen für die soziale Qualität hat dieses System gravierende ökologische Nachteile: Die verbauten Emissionen eins Quadratmeters Wohnfläche liegen bei konventionellen Neubauten bei etwa 500 kg CO2e/m2.

Das bedeutet, dass bei der Herstellung von 400.000 m2 Wohnfläche pro Jahr ca. 12 Mio. Tonnen CO2 produziert werden.

Es besteht also offensichtlich eine Wechselwirkung der Herausforderungen in den Bereichen CO2-Bilanz, Mobilität, Soziale Gemeinschaften, Altersarmut, ambulante Pflege und Konsum.

Und es stellt sich die Frage, wie man diese sehr unterschiedlichen Herausforderungen durch einen transdisziplinären Konzeptansatz bewältigen könnte.

Konzept für die Revitalisierung des Ortskerns in Allendorf. Bildquelle: Maik Neumann

Ansatz aus Allendorf

Beispielhafte Ansätze zeigen sich in einem Projekt im hessischen Allendorf/ Lumda. Diese Ortschaft hat gut 4.000 Einwohner und eine Geschichte, die bis in das 8. Jahrhundert zurückreicht.

Und sie weist alle Merkmale des Donut-Effekts auf.

Zudem leben mehr als 15 Prozent der Bevölkerung in Single-Haushalten mit oder ohne Kinder.

Durch eine Initiative aus der Bevölkerung wurde in Zusammenarbeit mit Bürgern und dem TransMIT-Zentrum für integrales Bauen ein Konzept für die Revitalisierung des Ortskerns entwickelt, das bei dem 2. Hessischen Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau einen ersten Preis erhielt.

Analyse zeigte Mängel auf

Der Prozess basierte auf einer intensiven Analyse der vorhandenen Ortsstrukturen. Dieser ergab, dass das Gebiet durch heterogene, meist ältere, historische Bausubstanz (Fachwerk) geprägt ist. Einige dieser Fachwerkgebäude wurden hochwertig saniert. Die meisten befinden sich jedoch in einem schlechten Zustand.

Hinzukommt, dass Hofsituationen „verbaut“ und ungepflegt sind. Dieser vernachlässigte Eindruck trägt unter anderem dazu bei, dass die Attraktivität des Quartiers stetig gesunken ist.

Weiterhin wurde unter anderem ein Mangel an öffentlichen Begegnungsflächen, nutzungsrelevanten Einrichtungen, verbesserungsfähigen Mobilitätskonzepten sowie sanierungsbedürftiger Gebäudesubstanz festgestellt.

Diese wurden anhand einer Auswahl von Kriterien der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) geordnet, mit Zielen versehen und somit messbar gemacht.

Initiative der Bürger essentiell

Das Erreichen der Ziele kann dabei nur über eine starke Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger funktionieren. Kernelement ist die Bildung einer Genossenschaft für nachhaltiges Wirtschaften mit ökologisch-sozialer Ausrichtung.

Die Genossenschaft wird regelmäßig Gespräche mit den Anwohnern zur Präzisierung der Wünsche und Ziele führen und so den Partizipationsprozess aktiv gestalten und den Informationsaustausch aller Generation in Veranstaltungen und im Bürgercafé ermöglichen.

Konkrete Planungen

Konkret soll baulich zunächst als Anker für das Gebiet ein Mehrgenerationenhaus als Begegnungsort zur Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders durch die Umnutzung von drei Bestandscheunen erstellt werden.

Multifunktionsräume oder Gemeinschaftsräume, wie zum Beispiel eine Cafeteria, Fitnessangebote, Bibliothek sowie Räumlichkeiten für Kinderbetreuung, Wickelmöglichkeiten, Kinder- und Seniorenaufenthalts- und -spielbereiche und Veranstaltungsmöglichkeiten für ortsansässige Vereine und Anwohner sollen entstehen. Der zugehörige Außenraum soll als Bürgergarten für alle Generationen nutzbar sein.

Weitere Maßnahmen wie eine Tagespflege und Senioren-Wohngemeinschaften als barrierefreier und bezahlbarer Wohnraum sind geplant. Erste Planungsaufträge und Wirtschaftlichkeitsberechnungen wurden begonnen.

Es braucht Bewusstsein – bei allen Akteuren

Die vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft in Deutschland und anderen Staaten ist interdisziplinär. Die isolierten Betrachtungen einzelner Themen werden im  besten Fall „nur“ Synergiepotentiale vergeuden. Letztlich könnten über das interdisziplinäre Ziel einer CO2-Minimierung Handlungsansätze bei der Innenentwicklung ländlicher Siedlungsstrukturen priorisiert werden.

Doch realistischerweise hängt der Erfolg des Projekts in Allendorf von Finanzierungsmodellen, der Motivation der örtlichen Beteiligten und den Kompetenzen und Fähigkeiten privater und offizieller Akteure ab.

Eine koordinierte Anstrengung insbesondere seitens der Politik über einfache Fördermöglichkeiten, die Bereitstellung von Projektlotsen bis hin zu Vor-Ort-Guides können Ansatzpunkte für eine Minimierung von Ressourcen und CO2-Ausstößen durch die Vermeidung von Neubauten, Flächenversiegelungen, Materialverbräuchen und auch Pendlerbewegungen sein.

Das erfordert eine rasche und klare Aufklärung der Bevölkerung. Diese muss verstehen, dass zum einen eine Änderung des Lebensstils für eine Verbesserung der ökonomischen und ökologischen Situation führen kann.

Gleichzeit müssen Arbeitgeber und die Politik begreifen, dass in dem Wunsch der Arbeitnehmer nach einer Balance von Freizeit, Familie, Einkommen, gesundem Leben und Komfort ein immenses Potential liegt, dem man den Weg durch klare Bekenntnis zum ländlichen Raum und zur Verbesserung der Infrastruktur bahnen sollte. Die aktuellen Temperaturen und die Dürre sprechen eine klare Sprache. Während wir allein in unseren Autos bei verbesserter Pendlerpauschale zur Arbeit fahren.

Es bedarf eines neuen Bewusstseins bei allen Akteuren. Jetzt.


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