Bedingungsloses Grundeinkommen – Chance oder Risiko für die Produktivität?

Über das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird schon seit langem diskutiert. Zwar gibt es Modellversuche, aber in einer gesamten Volkswirtschaft wurde es bisher noch nicht eingeführt. Interessant ist, wie sich dieses Konzept auf die wichtigen gesamtwirtschaftlichen Faktoren eines Landes auswirkt, z.B. die Produktivität.

Ein BGE ist ein Einkommen, das allen Bürgern eines Staates ohne eine Gegenleistung und ohne irgendwelche Bedingungen dauerhaft gezahlt wird. Im Gegenzug werden steuer- oder beitragsfinanzierte Sozialtransfers abgeschafft. Eine Ausnahme hierfür gilt in den meisten Modellen für die Kranken- und Pflegeversicherung, für die es unterschiedliche Lösungsansätze gibt (z.B. eine Grundversicherungspflicht für Bürger, um deren Prämie das BGE erhöht wird, oder eine steuerfinanzierte Grundversorgung, die für alle Bürger kostenlos angeboten wird, oder eine direkte Überweisung der Gesundheits- und Pflegeprämien durch den Staat an die Krankenkassen). Das BGE wird steuerfinanziert. Wie erwähnt, gibt es unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten (einheitlicher Steuersatz auf das Bruttoeinkommen, Mehrwertsteuererhöhung, Vermögensteuer, Börsenumsatzsteuer etc.). Das BGE selbst ist dabei wiederum von der Steuer befreit. Die Höhe des BGE entspricht in den meisten Vorschlägen mindestens dem sozioökonomischen Existenzminimum.

Die Effekte eines BGE auf zentrale makroökonomische Indikatoren (Beschäftigung, Lohnsatz, Zinssatz, Inflationsrate, Bruttoinlandsprodukt, Exporte) lassen sich schwer vorhersagen. Grund für diese Unsicherheit ist die Tatsache, dass die Auswirkungen eines BGE von vielen Einflussfaktoren abhängen. Neben der konkreten Höhe des BGE spielen zwei Aspekte eine besondere Rolle:

  1. Wie reagieren die Bürger?
    Die Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass Menschen weitgehend extrinsisch motiviert sind, um tätig zu werden: Erwerbsarbeit wird nur aufgenommen, wenn dafür ein Lohn gezahlt wird. Die Zahlung eines BGE reduziert den Zwang, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit zu verdienen, sodass das Arbeitsangebot der Bürger tendenziell zurückgeht. Gleichzeitig aber gibt es auch eine Reihe von Tätigkeitsfeldern oder Arbeitssituationen, in denen die Menschen auch intrinsisch motiviert sind. Dort gilt dieser Automatismus nicht mehr, sodass die Einführung eines BGE das Arbeitsangebot nicht notwendigerweise verringert.
  2. Wer zahlt die Zeche?
    Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines BGE können nicht ohne die Berücksichtigung der Finanzierung dieses Einkommens untersucht werden. So hat beispielsweise eine Erhöhung der Umsatz- bzw. Mehrwertsteuer andere ökonomische Auswirkungen als eine Erhöhung der Lohnsteuer oder die Einführung einer Robotersteuer. Auch Änderungen des Steuersystems rufen Verhaltensänderungen hervor, die wiederum makroökonomische Auswirkungen haben. Die möglichen Effekte eines BGE haben also eine relativ hohe Bandbreite.

Was geschieht mit der gesamtwirtschaftlichen Produktivität?

Die Produktivität einer Volkswirtschaft wird maßgeblich durch das Bildungsniveau der Bürger, die Dauer der Arbeitszeit, die Höhe des Kapitalstocks und die Investitionen in neue Technologien bestimmt. Ein BGE kann alle diese Elemente beeinflussen:

  • Bildungsniveau der Bürger: Ein BGE kann den Anreiz zur Investition in die eigene Bildung reduzieren, wenn die Bürger der Ansicht sind, dass ihnen das Grundeinkommen für ein gutes Leben reicht. In diesem Fall lohnt sich eine Arbeitsaufnahme nicht. Sofern Bildungsanstrengungen lediglich dem Zweck dienen, die Einkommenschancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, lohnen sich auch keine Investitionen in die eigene Bildung. Wenn dieses Entscheidungskalkül für viele Menschen gilt, sinkt die Arbeitsproduktivität der Volkswirtschaft. Denkbar ist allerdings auch, dass Menschen, die sich nicht mehr um die Sicherung ihres Lebensunterhalts sorgen müssen, aus Gründen der Selbstverwirklichung ihre Kompetenzen erhöhen. In diesem Fall kommt es zu einer Verbesserung der Arbeitsproduktivität. Die Bildungsanstrengungen – und damit auch die Arbeitsproduktivität – könnten sogar zunehmen, weil die Zahlung eines BGE die Opportunitätskosten der eigenen Aus- und Weiterbildung reduziert.
  • Dauer der Arbeitszeit: Geht man davon aus, dass die Arbeitsproduktivität mit steigender Arbeitsdauer zurückgeht, bewirkt eine Reduzierung der täglichen Arbeitsdauer (z.B. durch einen Wechsel von Vollzeit in Teilzeit), die mit der Einführung des BGE einhergehen kann, einen Anstieg der Arbeitsproduktivität.
  • Höhe des Kapitalbestands: Ein BGE führt über einen tendenziellen Lohnanstieg dazu, dass vermehrt Kapital in der Produktion eingesetzt wird. Dadurch wird die Arbeitsproduktivität der Volkswirtschaft erhöht.
  • Technischer Fortschritt: Hier gilt die gleiche Argumentation wie bei der Höhe des Kapitalbestands: Der durch die Lohnsteigerung ausgelöste Anreiz zum technischen Fortschritt erhöht die Arbeits- und Kapitalproduktivität der Volkswirtschaft.

Es gibt also eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass ein BGE zu einer Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Arbeits- und Kapitalproduktivität führt. Das wiederum hätte Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt: Wenn wegen der höheren Arbeitsproduktivität eine gegebene Menge an Gütern und Dienstleistungen mit weniger Arbeit produziert werden kann, bewirkt das eine geringere Arbeitsnachfrage und damit einen tendenziellen Rückgang der Löhne. Zudem haben Produktivitätssteigerungen einen Inflationsdämpfenden Effekt.

Einschränkend ist jedoch darauf hinzuweisen, dass eine Voraussetzung für den technischen Fortschritt und einen hohen Kapitalbestand darin besteht, dass es nicht zu einer Kapitalflucht kommt. Sollte die Finanzierung des BGE zu einer hohen Belastung von Kapitaleinkommen führen, kann dies eine Kapitalflucht und eine Reduzierung der Ersparnisbildung nach sich ziehen. Die für eine höhere Produktivität erforderlichen Investitionen können dann nicht getätigt werden, in der Folge sinkt die gesamtwirtschaftliche Produktivität.

Fazit und Ausblick

Bei aller Unsicherheit über die makroökonomischen Effekte eines BGE kann festgehalten werden, dass diese Auswirkungen letztendlich davon abhängen, wie sich das Arbeits- und Kapitalangebot der privaten Haushalte verändert.

Was die Bewertung schwierig macht ist, dass regional und zeitlich begrenzte Modellversuche im Fall des BGE keine makroökonomisch relevanten Erkenntnisse ergeben. Wenn nur wenigen Tausend Personen versuchsweise ein BGE gezahlt wird, können sich wegen der begrenzten Zahl von BGE-Empfängern gar keine relevanten makroökonomischen Effekte ergeben: Selbst wenn ein großer Teil der Empfänger eine bestehende Erwerbsarbeit aufgeben sollte, resultiert daraus kein gesamtwirtschaftlicher Lohnanstieg. Damit unterbleiben dann auch die hier skizzierten Folgewirkungen. Zudem werden die BGE-Versuche aus dem laufenden Haushalt finanziert. Es kommt also zu keinen markanten Veränderungen des Steuersystems und folglich auch nicht zu dadurch hervorgerufenen Verhaltensänderungen.

Angesichts der beschriebenen Unsicherheiten wäre die flächendeckende Einführung eines BGE ein großes ökonomisches Wagnis. Schneider weist daher zu Recht darauf hin, dass dieses Risiko „nur dann überschaubar bleibt, wenn das finanzielle Niveau eines solchen Transfers niedrig bleibt“. Gleichzeitig aber bedeutet dies auch, dass die wesentlichen Vorteile eines BGE nicht zum Tragen kommen. Eine zweite Möglichkeit zur Reduzierung des ökonomischen Risikos, das mit der Einführung eines BGE verbunden ist, besteht darin, das BGE erst einzuführen, wenn die Volkswirtschaft bereits eine hohe Kapitalintensität der Produktion besitzt. Wenn sich die gesamtwirtschaftliche Produktion durch eine hohe Kapital-und Technologieintensität auszeichnet, benötigt die Volkswirtschaft relativ wenig Arbeit und kann daher einen Rückgang des Arbeitsangebots durch den vermehrten Kapital- und Technologeinsatz kompensieren. Es könnte jedoch noch zwei Jahrzehnte oder sogar länger dauern, bis eine entwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland diesen Zustand erreicht.

[Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Texts, der im September 2017 auf ZEIT online erschien. Die ausführliche Fassung inklusive aller Quellenangaben finden Sie hier zum PDF-Download.]



Kommentare

  1. / von Martin Spilker

    Danke Thieß für die komprimierte und reflektierte Analyse. Aus der Sicht von jemand, der sich mit Führungs- und Unternehmenskultur-Analysen befasst, ist es sicherlich spannend die Motivationslage des Einzelnen differenzierter und damit stärker in den Fokus zu rücken. Standardisierungen greifen da m. E. zu kurz. Maslow ist zwar out – aber es wäre ja vorstellbar, dass jemand durch das BGE motivierter für andere Tätigkeiten ist … und dort erfolgreicher und produktiver arbeitet, Bei anderen wäre es ggf. genau andersherum. Quasi in Analogie zur Preiselastizität eine Art „Motivationselastizität“ erfinden/berechnen? Gruß Martin

    1. / von Thieß Petersen
      zu

      Ja, absolute Zustimmung! Individuell sind alle Reaktionen möglich: mehr, weniger oder unveränderte Zeit für Erwerbsarbeit, mehr ehrenamtliches Engagement etc. Denkbar ist auch mehr Zeit für eigene Weiterbildung, was dann Produktivität steigert und die vorherige Nicht-Erwerbszeit kompensiert. Über „Motivationselastizität“ muss ich noch nachdenken …

  2. / von U. Popp

    Es wird immer davon ausgegangen, dass keine Motivation zur Arbeit mehr besteht. Eigentlich ist den ganzen „Fachleuten“, aufgrund ihrer guten finanziellen Verhältnisse nicht bekannt, was am Monatsende vom Lohn übig bleibt. Es ist nun mal so, dass das Leben in ganz Europa sehr teuer geworden ist. (Miete, Strom, Heizung usw.). Außerdem möchten sich viele mehr gönnen als sie es heute können. Ein Anstieg der Inlandsnachfrage wäre durch einen höheren Konsum gegeben. Also dadurch auch höhere Steuereinnahmen!
    Ein weiterer Vorteil des BGE wäre, dass die Geburten wahrscheinlich wieder steigen würden, da für Frauen die sonst oft vorprogammierte Armut entfällt und die Eltern sich auch mehr um den Nachwuchs kümmern könnten.

    1. / von Thieß Petersen
      zu

      Danke für die Anregungen!

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