Corona-Pandemie – Schub oder Bremse für die Produktivität?

Als Folge der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise haben viele Unternehmen mit massiven Produktionseinbrüchen zu kämpfen. Da die Produktionskapazitäten dabei jedoch zumindest kurzfristig mehr oder weniger konstant bleiben, bedeutet ein geringeres Produktionsvolumen gleichzeitig einen Rückgang der Produktivität. Wie sich die Auswirkungen der globalen Rezession mittel- und langfristig darstellen werden, ist dagegen derzeit noch nicht absehbar.

Corona-Pandemie als Produktivitätsschub

Vielleicht klingt es zunächst erstaunlich, aber es gibt eine Reihe von Entwicklungen, die dazu führen, dass die coronabedingte Wirtschaftskrise die gesamtwirtschaftliche Produktivität in entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland steigern kann.

So hat sich die Pandemie für die Unternehmen zu einem zusätzlichen Anreiz entwickelt, zukünftig verstärkt Maschinen, Roboter und andere digitale Technologien einzusetzen. Der Hintergrund: Diese Automatisierung erspart Unternehmen zukünftig nicht nur den epidemiebedingten Ausfall von Beschäftigten, sie steigert gleichzeitig sogar ihre Produktivität.

Denkbar ist auch, dass sich viele Unternehmen an Online-Meetings und Video-Konferenzen gewöhnt haben und von nun an gerne mit ihnen weiterarbeiten möchten. Immerhin sparen diese digitalen Formen des Austauschs im Vergleich zu persönlichen Treffen auch noch Zeit und das Geld für Fahrt- und Übernachtungskosten. Für Unternehmen bedeutet das einen Produktivitätsgewinn (vgl. Quicke und Jones 2020, S. 12 f.).

Ein Innovationsschub ergibt sich zudem, wenn Unternehmen ihr krisenbedingt unterbeschäftigtes Personal einsetzen, um neue Produkte und Technologien zu entwickeln oder bestehende Produktionsverfahren und Organisationsabläufe zu optimieren (vgl. Rammer 2011, S. 14). Eine Beschäftigungsmaßnahme? Schon, aber mit ihr können Unternehmen günstige Voraussetzungen schaffen, um nach dem Wiederhochfahren der Wirtschaft ihre Marktanteile und Gewinne zu erhöhen.

Ein weiterer Schub kann sich ergeben, wenn die Regierungen in ihren Konjunkturpaketen zur Ankurbelung der Wirtschaft verstärkt Maßnahmen zur digitalen und ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft fördern. So enthält das Anfang Juni 2020 vom Koalitionsausschuss auf den Weg gebrachte Konjunkturpaket eine Reihe von derartigen Maßnahmen, u. a. Investitionen in Klimatechnologien, die Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich der Elektromobilität, der Batteriezellfertigung, der künstlichen Intelligenz und der Quantentechnologien sowie steuerliche Vorteile für Investitionen (vgl. Koalitionsausschuss 2020).

Schließlich ist noch daran zu denken, dass eine Krise den Strukturwandel einer Volkswirtschaft beschleunigen kann. Wenn Unternehmen, die wenig wettbewerbsfähig sind, während einer Rezession bankrottgehen, setzt das die dort gebundenen Produktionsfaktoren frei. Diese können stattdessen in produktiveren, zukunftsfähigeren Sektoren eingesetzt werden. Diese „schöpferische Zerstörung“ ist aus Sicht der verdrängten Unternehmen und der dort Beschäftigten selbstverständlich ein Desaster, das eine sozialpolitische Flankierung erfordert. Doch für die Volkswirtschaft als Ganzes führt dieser Prozess zur langfristigen Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

So gesehen kann die Corona-Pandemie ein Katalysator für technologische Fortschritte sein und damit produktivitätssteigernd wirken. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, dass sich aus der Wirtschaftskrise mittel- und langfristig auch nachteilige Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität ergeben.

Corona-Pandemie als Produktivitätsbremse

Ein erstes Produktivitätshemmnis entsteht häufig schon in Verbindung mit der Frage: Wie können betriebliche Investitionen finanziert werden? Wenn rezessionsbedingte Verluste das Eigenkapital reduzieren und umfangreiche Kredite während der Pandemie eine weitere Kreditaufnahme erschweren, dann rücken die finanziellen Mittel für produktivitätssteigernde Investitionen in weite Ferne.

Zweitens ist zu berücksichtigen, dass viele Unternehmen versuchen werden, die Verluste während des Lockdowns so schnell wie möglich zu kompensieren. Dieses Ziel kann u. a. erreicht werden, indem Unternehmen an ihrem bestehenden Kapitalbestand festhalten, weil neue Anschaffungen die Abschreibungen – und damit die Produktionskosten – erhöhen würden. Das Motiv der Kostenreduzierung kann auch dazu führen, dass Unternehmen während und nach der Krise ihre Forschungs-, Entwicklungs- und Investitionsausgaben zurückfahren, wodurch ihre Produktivitätsentwicklung auf mittlere und lange Sicht gesehen einen zum Teil enormen Schaden nimmt.

Drittens besteht die Gefahr, dass die staatlichen Rettungsmaßnahmen den Strukturwandel verlangsamen. Dies kann passieren, wenn Liquiditätshilfen und Steuersenkungen nicht mehr wettbewerbsfähige Unternehmen am Leben erhalten. Ertragsschwache Unternehmen, die so auf dem Markt bleiben, werden – makaber, aber nicht ganz unpassend – als „Zombieunternehmen“ bezeichnet. Sie drücken auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität (vgl. BMWi 2018 sowie Zoller-Rydzek und Keller 2020).

Viertens ist zu berücksichtigen, dass für Produktivitätssteigerungen qualifizierte Mitarbeiter gebraucht werden. Kommt es in der Krise zu Kündigungen, geht Unternehmen damit eine zentrale Voraussetzung für zukünftige Produktivitätssteigerungen verloren. Solange die Beschäftigten trotz Produktionseinbrüchen nicht entlassen werden – was sich z. B. durch das Instrument des Kurzarbeitergeldes verhindern lässt –, bleibt diese Voraussetzung jedoch erfüllt. Dennoch besteht aus gesamtwirtschaftlicher Sicht die Gefahr, dass eine Wirtschaftskrise zulasten des Humankapitals geht: Wenn eine Rezession länger andauert und jungen Menschen bzw. Berufsanfängern der Einstieg in das Berufsleben versperrt wird, drohen Humankapitalverluste, die die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft beeinträchtigen.

Fünftens erhöht die Corona-Pandemie die wirtschaftliche Unsicherheit erheblich. So ist z. B. nicht klar, ob es in absehbarer Zeit einen weiteren Lockdown gibt, wie lange die Konsumzurückhaltung der Verbraucher andauert und wie schnell sich die wirtschaftliche Lage in den wichtigsten Exportländern erholt. Diese Unsicherheit ist Gift für Investitionen – und ohne Investitionen gibt es keine Produktivitätssteigerungen.

Schließlich kann sich auch noch aus dem Rückgang der internationalen Arbeitsteilung ein Dämpfer für die Produktivität ergeben. Die abrupte Unterbrechung der internationalen Lieferketten dürfte sowohl bei Unternehmen als auch in der Gesellschaft den Wunsch hervorrufen, essenzielle Vorleistungen und Endprodukte zukünftig von Unternehmen zu beziehen, die sich näher am eigenen Standort befinden (Reshoring). Die positive Seite: Die damit verbundene geringere Abhängigkeit von Importen verringert die Krisenanfälligkeit für die Volkswirtschaft. Die negative Seite: Dieser Unabhängigkeitsgewinn geht mit gesamtwirtschaftlichen Effizienzverlusten einher (vgl. Petersen 2020).

Corona-Pandemie kann Produktivitätsunterschiede vergrößern

Unabhängig davon, wie sich die gesamtwirtschaftliche Produktivität im Zuge der Corona-Pandemie und nach deren Überwindung entwickelt, ist zu erwarten, dass es bei der zukünftigen Produktivitätsentwicklung zwischen einzelnen Unternehmen erhebliche Unterschiede geben wird.

Unternehmen, die aufgrund der Nutzung digitaler Technologien relativ gut durch die Krise kommen und keine umfangreichen Liquiditätskredite benötigen, können ihren technologischen Vorsprung durch weitere Innovationen und entsprechende Investitionen ausbauen. Gleiches gilt für etablierte Unternehmen, die Kredite und staatliche Hilfen erhalten.

Wer jedoch bereits vor der Corona-Pandemie technologisch hinterherhinkte, gerät durch die Pandemie weiter unter Druck, wenn die steigende Verschuldung weitere Kredite für Innovationen verhindert. Auch dynamische junge Unternehmen können in Bedrängnis geraten, falls sie mangels ausreichender Kreditwürdigkeit nicht die nötigen Finanzmittel erhalten. Wenn dann auch noch die staatlichen Hilfsprogramme für junge Unternehmen nur bedingt wirken, leiden Start-ups besonders stark unter der coronabedingten Wirtschaftskrise – was im Hinblick auf die Innovationsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft zu einem echten Handicap werden kann (vgl. BJDW 2020, S. 1 f.).

Fazit

Die mittel- und langfristigen Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität sind unklar. Es gibt Lichtblicke, aber auch Risiken. Die Risiken gehen vor allem von der hohen Unsicherheit aus, die die Corona-Pandemie selbst und die von ihr ausgelöste Rezession hervorrufen. Verbraucher reduzieren ihren Konsum, zum Teil aus Angst vor einer Ansteckung, zum Teil aber auch, weil sie wegen der ungewissen Beschäftigungsaussichten ihre Ersparnisse erhöhen. Für Unternehmen lohnen sich dann keine Investitionen. Damit droht ein Nachlassen der gesamtwirtschaftlichen Innovationskraft, was wiederum auch zulasten der Produktivität geht.

Eine zentrale Aufgabe für die Wirtschaftspolitik besteht folglich darin, diese Unsicherheiten zu verringern. Neben der Bereitstellung von Liquiditätshilfen tragen dazu die Maßnahmen des Anfang Juni auf den Weg gebrachten Konjunkturpakets bei. Die dort geplante Förderung von zukunftsweisenden Technologien und Branchen stabilisiert die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage und fördert gleichzeitig die Produktivität. Mit einer auch über die Pandemie hinausgehenden Steigerung der öffentlichen Investitionen für Bildung, Digitalisierung und ressourcenschonende Technologien kann die technologische Transformation der Volkswirtschaft vorangetrieben werden – inklusive einer nachhaltigen Steigerung der Produktivität.

Literatur

BJDW (Beirat Junge Digitale Wirtschaft beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) (2020). BJDW-Positionspapier zum Thema Startups und die Corona-Krise. Berlin.

BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) (2018). „Unternehmen mit anhaltender Ertragsschwäche“. Schlaglichter der Wirtschaftspolitik – Monatsbericht Dezember 2018, S. 27–31.

Koalitionsausschuss (2020). Corona-Folgen bekämpfen, Wohlstand sichern, Zukunftsfähigkeit stärken. Ergebnis Koalitionsausschuss 3. Juni 2020. Ohne Ort.

Petersen, Thieß (2020). „Globale Lieferketten zwischen Effizienz und Resilienz“. ifo Schnelldienst (73) 5, S. 7–10.

Quicke, Audrey, und Emily Jones (2020). Civil aviation emissions reductions under COVID-19 in Australia and globally and the potential long-term impacts to emissions in the sector. Discussion Paper des Australia Institute. Canberra 2020.

Rammer, Christian (2011). „Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Innovationstätigkeit der Unternehmen in Deutschland“. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung (80) 3, S. 13–34.

Zoller-Rydzek, Benedikt, und Florian Keller (2020). COVID-19: Guaranteed Loans and Zombie Firms (5. Juni 2020). Winterthur.



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