Corona und die doppelte Produktivitätskrise

Seit anderthalb Jahren beschäftigen wir uns in Rahmen des Projektes „Produktivität für inklusives Wachstum“ und dem Blog „Inclusive Productivity“ mit einer entscheidenden Frage für den gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland: Wieso wächst die Produktivität kaum mehr?

Diese Frage wird auch mit der Corona-Krise nichts an Aktualität und Brisanz einbüßen –im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass sich dieses Phänomen vor allem darauf zurückführen lässt, dass sich viele große Unternehmen im Zuge der Digitalisierung deutlich schneller und dynamischer entwickeln als kleinere und mittlere Unternehmen. Von der Corona-Krise sind aber gerade KMU besonders betroffen. Der beobachtete Effekt könnte sich also noch verstärken, mit schwerwiegenden Folgen für Löhne und regionale Disparitäten auch in Deutschland.

Deswegen sind wir davon überzeugt, dass es weiterhin absolut unerlässlich ist, sich mit dem Thema Produktivität zu beschäftigen. Denn es geht im Kern um die Resilienz unseres Wirtschafts- aber auch unseres Gesellschaftsmodells – und letztlich auch um gesellschaftlichen Wohlstand und Teilhabemöglichkeiten möglichst vieler in unserer Gesellschaft. All dies steht nicht erst seit der Corona-Krise auf dem Spiel. Schon vor Ausbruch der Pandemie standen wir in Deutschland und anderen Industrienationen mitten in einer doppelten Produktivitätskrise.

Entwickelte Volkswirtschaften brauchen Produktivitätszuwächse

Was meinen wir damit? Das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktivität hat sich in den meisten Industrieländern – und so auch in Deutschland – in den 2000er-Jahren abgeschwächt. Seit der Finanzkrise 2008 hat sich dieser Trend noch einmal deutlich verstärkt. Dies ist die erste Dimension der doppelten Produktivitätskrise. Denn entwickelte Volkswirtschaften brauchen Produktivitätszuwächse, alleine schon, um ihre sozialen Sicherungssysteme aufrecht zu erhalten. Noch mehr trifft dies für alternde Gesellschaften wie die unsere zu. In wenigen Jahren wird in Deutschland das so genannte Erwerbspersonenpotenzial einbrechen. Wenn dann viel weniger Menschen als heute arbeiten, müssen diese produktiver sein als die heute Tätigen. Sind sie es nicht, kann es zu erheblichen Wohlstandseinbußen kommen.

Wieso steigt die Produktivität nicht mehr? Viele Volkswirte waren so erstaunt über die Verlangsamung der Produktivitätsentwicklung, dass einige von ihnen dies zunächst als Messfehler deuteten. Heute ist klar: Die Verlangsamung des Produktivitätswachstums findet in Wirklichkeit statt. Und die Ursachen dafür sind vielschichtig. Einiges deutet darauf hin, dass die Ursache für die Verlangsamung vor allem seit der Finanzkrise im Jahr 2008 zum Teil zyklischer Natur ist. So ist die Abschwächung des Produktivitätswachstums gerade in vielen europäischen Ländern in den Jahren nach der Krise auch auf eine schwache Investitionstätigkeit zurückzuführen.

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Heute können wir aber auch strukturelle Gründe für das schwache Produktivitätswachstum ausmachen. In der Debatte haben sich zwei grundsätzliche Positionen herausgebildet. Pessimisten gehen davon aus, dass die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie seit den 1990er-Jahren weniger Veränderungspotenzial haben als bahnbrechende Innovationen der Vergangenheit. In dieser Lesart sticht die Glühbirne den Algorithmus. Optimisten gehen hingegen von einer „vierten industriellen Revolution“ aus, in der die Digitalisierung zu einem neuen Produktivitätsschub führen wird. Ein solcher Schub steht uns noch bevor, wenn die Potenziale der Digitalisierung besser ausgenutzt werden.

Neuordnung des Wirtschaftsmodells

Beide Erklärungsmuster hören sich plausibel an. Doch reichen Sie weit genug? Mit Blick auf Befunde der Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) und auf Ergebnisse aus unserer eigenen Arbeiten bekommen wir einen anderen Eindruck. Demnach sieht es vielmehr so aus, dass beide Entwicklungen jetzt schon – und zwar parallel – stattfinden. Nicht die Stagnation im Aggregat ist der eigentliche Kern des Problems. In Wirklichkeit erleben wir eine völlige Neuordnung unserer Unternehmenslandschaft, ja unseres gesamten Wirtschaftsmodells.

Dies ist die zweite Dimension der doppelten Produktivitätskrise: Die Digitalisierung scheint die wirtschaftliche Entwicklung zu teilen. Die Unterschiede im Produktivitätswachstum zwischen Unternehmen und Regionen nehmen seit Beginn der 2000er-Jahre merklich zu. Einige – insbesondere große – Firmen und einige – insbesondere urbane – Regionen werden tendenziell produktiver und prosperieren entsprechend. Andere Firmen und v. a. der ländliche Raum bleiben wirtschaftlich eher zurück. Diese Produktivitätsunterschiede spiegeln sich auch in Einkommensunterschieden und in wachsenden Wohlstandsunterschieden zwischen Regionen wider. Die Produktivitätsentwicklung und das Wirtschaftswachstum werden somit zunehmend weniger inklusiv, Teilhabechancen sinken.

Es gibt ein ganzes Bündel von Treibern dieser Entwicklung. Ein Faktor ist die zunehmende Marktmacht globaler und nationaler Player. Marktmacht und Skaleneffekte der digitalen Plattformökonomie erschweren den Marktzugang weiterer Unternehmen und beschränken das Produktivitätswachstum auf wenige Unternehmen. Zu den Treibern gehört aber scheinbar auch, dass die Anforderungen an erfolgreiche Innovationsfähigkeit immer komplexer und aufwendiger werden und sich damit Innovationserfolg immer weiter konzentriert. Parallel dazu nimmt die Diffusionsgeschwindigkeit von Innovationen in die Breite der Unternehmenslandschaft ab.

Neue Studie zu Produktivität und inklusivem Wachstum

Die Gemengelage ist also so schon sehr herausfordernd – nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Sozialpartner und für eine Wirtschaftspolitik, deren Ziel es ist, für eine breite Teilhabe am Wohlstand zu sorgen und die Wettbewerbsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft zu erhalten. Doch die Zusammenhänge zwischen Produktivität und verschiedenen Dimensionen gesellschaftlicher Teilhabe wurden bisher noch nicht umfassend untersucht.

Dies hat nun das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) in unserem Auftrag vorgenommen. Die Studie „Produktivität und inklusives Wachstum“ ist nun im Verlag der Bertelsmann Stiftung erschienen. Die AutorInnen beschreiben die Mechanismen, die zur ungleichen Produktivitätsentwicklung führen. Das Forscherteam bietet darüber hinaus einen Analyserahmen, um Politikinstrumente in ihrer Wirkung auf Wachstum und gesellschaftliche Teilhabe beurteilen zu können. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Politikfeldern Wettbewerbs- und Regulierungspolitik, öffentliche Investitionen und Investitionsförderung sowie Innovationspolitik.

Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder auch auf diesem Blog einzelne Fragestellungen und Analysen aus dieser mehr als 300-seitigen Studie aufgreifen und zur Diskussion stellen.



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