Dem Produktivitätsparadoxon auf der Spur

Wie lässt es sich erklären, dass sich trotz aller Fortschritte insbesondere im Bereich von Digitalisierung und Computertechnik die Produktivität in vielen hochentwickelten Volkswirtschaften langsamer entwickelt als in den vergangenen Jahrzehnten? Und welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen könnten dazu beitragen, dieses „Produktivitätsparadoxon“ aufzulösen und den Trend umzukehren? So lauteten zwei zentrale Fragen auf dem ersten „Nationalen Produktivitätsdialog“, der am 10. Februar 2020 vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) und der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland gemeinsam im Europäischen Haus am Pariser Platz in Berlin ausgerichtet wurde. Eine Zusammenfassung der Veranstaltung.

Nach der Begrüßung durch Dr. Jörg Wojahn, Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland, erläuterte Dr. Ulrich Nussbaum, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, in seiner Ansprache zur Eröffnung der Veranstaltung, dass die Bundesregierung insbesondere in der Erhöhung der öffentlichen Investitionen und der Gestaltung besserer Rahmenbedingungen für private Investitionen zentrale Hebel sehe, um Wachstumspotenziale zu erschließen und eine möglichst dynamische Entwicklung der Produktivität zu ermöglichen.

Als eine mögliche Ursache für das Produktivitätsparadoxon ging Dr. Nussbaum darauf ein, dass die Kapitalintensität insbesondere infolge der Digitalisierung deutlich zurückgegangen sei. Entsprechende Investitionen hätten zu Beginn der 1990er-Jahre noch einen Prozentpunkt der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate ausgemacht (von drei Prozent Wachstum sei also ein Drittel auf Investitionen entfallen) während dieser Beitrag am aktuellen Rand nur noch einen Zehntelprozentpunkt ausmache. Umso entscheidender sei es, dass Unternehmen intensiv in die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) investierten, um die damit realisierbaren Produktivitätspotenziale zu erschließen. Hier lägen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland deutlich zurück, etwa gegenüber den USA: hierzulande würden aktuell gut 900 Euro pro Beschäftigten in IKT investiert, auf der anderen Seite des Atlantiks sei der Betrag mit rund 1900 Euro mehr als doppelt so hoch. Und lediglich 20 Prozent der deutschen Unternehmen würden derzeit in die Digitalisierung ihres Geschäftsmodells investieren.

Der Kompositionseffekt als Teil des Produktivitätsparadoxons

In der anschließenden Vorstellung des ersten Nationalen Produktivitätsberichts gab Professor Dr. Dr. h.c. Christoph M. Schmidt anschließend einen Überblick der Analysen, die der von ihm geleitete Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) in seiner neu übernommenen Funktion als nationaler Ausschuss für Produktivität vorgelegt hat. Prof. Schmidt verwies darauf, dass der verzögerte Einsatz neuer Technologien vermutlich zum Produktivitätsparadoxon beitrüge. Auch in der Vergangenheit hätten neue Grundsatztechnologien wie etwa die Eisenbahn oder die Elektrifizierung eine gewisse Reifezeit benötigt, bevor sie zu Produktivitätsfortschritten auf breiter Front geführt hätten. Zudem hätte der in immer mehr Industriestaaten spürbare einsetzende demografische Wandel tendenziell eine bremsende Wirkung.

Der beobachtete Rückgang in der Gründungsdynamik neuer Unternehmen, die eine zentrale Triebfeder des Produktivitätswachstums sei, könnte zum Teil auf die voranschreitende Alterung der Gesellschaften zurückgeführt werden. Dass die Produktivitätsdynamik in Deutschland auch im Vergleich der Industriestaaten relativ gering ausfalle, sei zudem zumindest teilweise die Kehrseite einer sehr erfreulichen Entwicklung: Seit dem Jahr 2005 konnten mehrere Millionen Menschen erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Da es sich dabei häufig um Beschäftigte mit einer geringeren Produktivität handele, erkläre dieser so genannte Kompositionseffekt auch einen Teil des Produktivitätsparadoxons.

Hinsichtlich des oft bemühten Vergleiches zwischen der Europäischen Union (EU) und den USA wies Prof. Schmidt, im Hauptamt Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, darauf hin, dass EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland und Frankreich hinsichtlich der Produktivität pro eingesetzter Arbeitsstunde durchaus auf dem Niveau der USA seien. Andere gesellschaftliche Präferenzen dies- und jenseits des Atlantiks führten jedoch zu einer geringeren Zahl geleisteter Arbeitsstunden in Europa und mithin zu einer geringeren Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Umsetzung von Innovationen in Unternehmen entscheidend

Zwei Podiumsdiskussionen widmeten sich dem Thema anschließend aus nationaler und internationaler Perspektive. Auf dem ersten Panel ging es um die Frage, wie die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland so verbessert werden können, dass mehr Innovationen entstehen und die Produktivitätsdynamik wieder gesteigert werden kann. Hier diskutierten Prof. Dr. Irene Bertschek (ZEW Mannheim und EFI – Expertenkommission Forschung und Innovation), Bettina Hagedorn (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium), Prof. Dr.-Ing. Dieter Spath (acatech-Präsident) sowie – als Vertreter des Sachverständigenrates – Prof. Volker Wieland, Ph.D. (Goethe-Universität Frankfurt) und Prof. Christoph Schmidt.

Große Einigkeit herrschte darüber, dass es zur Realisierung der Chancen in der Digitalwirtschaft neben der Generierung neuer Innovationen vor allem auf ihre Umsetzung in den Unternehmen ankommt. Die Ausbildung von Fachkräften und die gezielte Weiterbildung im Bereich der digitalen Kompetenzen seien daher von großer Wichtigkeit. Prof. Spath wies zudem darauf hin, dass die deutsche Volkswirtschaft bei der weiteren Verschiebung ihres „Geschäftsmodells“ darauf achten müsse, für die an Bedeutung immer weiter zunehmenden Dienstleistungen adäquate Preise zu erzielen.

Der Umfang an hochwertigen, produktbegleitenden Dienstleistungen nehme seit Jahren kontinuierlich zu, etwa die Call-Center-Verbindung per Knopfdruck im Bereich der Premium-Automobile. Auch im Bereich des Maschinenbaus werde heute nicht mehr die einzelne Anlage verkauft, sondern oft die komplette Fabrikplanung drumherum. Es gelänge der Wirtschaft aber noch nicht, für diese zusätzlichen Aufwendungen adäquate Preise zu erzielen. Sollte das auch künftig nicht gelingen, bleibe als Ausweg nur, die produktbegleitenden Dienstleistungen noch viel rationeller herzustellen.

Um die internationale Dimension des Themas ging es anschließend auf dem zweiten Podium mit Steffen Kampeter (Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, BDA), Stefan Körzell (Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, DGB), Kerstin Jorna (stellvertretende Generaldirektorin Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission), Dr. Ludger Schuknecht (stellvertretender Generalsekretär der OECD) und den SVR-Mitgliedern Prof. Dr. Dr. h.c. Lars P. Feld (Universität Freiburg) und Prof. Dr. Achim Truger (Universität Duisburg-Essen).

Thematisch ging es um die Bedeutung der Produktivitätsentwicklung im Kontext von Herausforderungen wie des durch die Klimapolitik forcierten, umfassenden Strukturwandels oder eines verschärften internationalen Steuerwettbewerbs. In ihrer Vorstellung des „Green Deal“ der EU-Kommission betonte Kerstin Jorna, dass es sich dabei nicht nur um ein Instrument der Klimapolitik handele, sondern neben weiteren ökologischen Aspekten wie etwa der Erhalt der Biodiversität auch soziale und wirtschaftspolitische Ziele darin eine große Bedeutung hätten. Der EU-Kommission sei sehr bewusst, dass die Verwirklichung sozialer und ökologischer Ziele elementar davon abhänge, dass die Europäische Union ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalte.

Auch Ludger Schuknecht verwies darauf, dass die Dekarbonisierung der europäischen Volkswirtschaften extrem viel kosten werde und es deshalb von zentraler Bedeutung sei, den Klimaschutz so kosteneffizient wie möglich zu realisieren. Die sukzessive Ausweitung des Europäischen Emissionshandels zu einem alle Sektoren umfassenden System und seine Verknüpfung mit ähnlichen Systemen im internationalen Kontext seien dafür der richtige Ansatz. Solange eine CO2-Bepreisung jenseits des Energiesektors nur in Europa erfolge seien damit aber Risiken für die internationale Wettbewerbsfähigkeit verbunden, die mit den bisherigen Schutzmechanismen nicht dauerhaft adressiert werden könnten. Daher sei es trotz der handelspolitischen Risiken richtig und notwendig, dass die EU-Kommission im Rahmen des „Green Deal“ ein System für einen Grenzausgleich der CO2-Bepreisung vorbereite.

Ein Interview mit Professor Dr. Dr. h.c. Christoph M. Schmidt über das schwächelnde Produktivitätswachstum in Deutschland und die Ziele des Nationalen Produktivitätsdialogs lesen Sie hier.



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