„Die Digitalisierung bietet gerade für den Mittelstand Potenziale“

Ein Großteil der deutschen Wirtschaft ist bisher wenig innovativ. Das zeigt auch eine kürzlich von der Bertelsmann Stiftung veröffentliche Studie. Darunter leidet auch die gesamtgesellschaftliche Produktivität, die in Deutschland seit Jahren stagniert. Woran liegt es, dass gerade in KMU zu wenig investiert und innoviert wird? Was könnte die Politik tun, um die Rahmenbedingungen zu verbessern? Diesen Fragen wollen wir im Rahmen unserer Serie „Produktivität aus Unternehmenssicht“ nachgehen. Zu Wort kommen dabei Vertreterinnen und Vertreter von mittelständischen Unternehmen, die sich im Prozess der Automatisierung und Digitalisierung befinden. Im dritten Teil unserer Serie heute: Martin Lundborg, Leiter der Begleitforschung bei der Initiative „Mittelstand-Digital“.

Ben Schröder: Herr Lundborg, KMU sind ein elementarer Bestandteil der deutschen Wirtschaft: Sie stellen über die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland und erwirtschaften rund 35 Prozent der gesamten Firmenumsätze. Gleichzeitig nutzen viele dieser Unternehmen die Chancen der Digitalisierung nur unzureichend, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Inwieweit hat der deutsche Mittelstand international an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt?
Martin Lundborg: 
Der deutsche Mittelstand ist traditionell sehr gut aufgestellt. Um in der Zukunft weltweit erfolgreich zu sein, sind aber deutlich mehr Investitionen in neue, digitale Technologien und Anwendungen notwendig. Zwar wurden in kleinen und mittleren Unternehmen in den vergangenen Jahren mehr Digitalisierungsprojekte umgesetzt, allerdings sind diese Projekte in der Regel eher klein, wie das repräsentative KfW-Mittelstandspanel zeigt. Demnach investierten KMU in Deutschland im Zeitraum von 2016 bis 2018 im Durchschnitt lediglich 17.000 Euro in Digitalisierungsprojekte. Das wird in den kommenden Jahren nicht ausreichen, um international den Anschluss zu wahren.

National hinken KMU den großen Konzernen außerdem in puncto Arbeitsproduktivität hinterher, wie eine weitere Studie der Bertelsmann Stiftung verdeutlicht. Könnte eine stärkere Digitalisierung des Mittelstands dabei helfen, diese Lücke zu schließen oder zumindest zu reduzieren?
Definitiv. Ein Beispiel: KMU nutzen das Potenzial von Daten deutlich seltener als große Unternehmen. Eine besonders große Diskrepanz ist bei der Nutzung von Daten zur Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle zu sehen: Über die Hälfte der Großunternehmen setzt ihre Daten hierfür ein, während diese Möglichkeit lediglich von jedem vierten Unternehmen aus dem Mittelstand genutzt wird. Die Unternehmen im Mittelstand beschäftigen sich aktuell hauptsächlich mit der Identifikation ihrer Datenbestände, der Transparenzmachung von internen, datenbezogenen Prozessen und deren effizienten Ausgestaltung. Nur wenige KMU setzen ihre Daten gewinnbringend oder sogar in disruptiven Geschäftsmodellen ein.

Die Digitalisierung bietet in vielen Bereichen gerade für den Mittelstand Potenziale, die bisher noch nicht ausgeschöpft wurden. So kann beispielsweise die systematische Analyse und Vernetzung großer Datenmengen eine effizientere Produktion ermöglichen, neue Produkte und Geschäftsmodelle können von den Unternehmen entwickelt und neue Vertriebswege genutzt werden. Das sind große Potenziale im Bereich Produktivität und Innovation, welche unbedingt ausgeschöpft werden sollten.

Das Thema ist mittlerweile auch auf der politischen Agenda angekommen. So sind unter anderem im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in den vergangenen Jahren diverse Initiativen entstanden, die KMU bei der Digitalisierung unterstützen sollen. Eine davon ist „Mittelstand-Digital“. Wie genau hilft die Initiative Unternehmen dabei, den technologischen Wandel voranzutreiben?
Mittelstand-Digital informiert KMU über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren in ganz Deutschland helfen mit Expertenwissen, Demonstrationszentren, Netzwerken zum Erfahrungsaustausch, Veranstaltungen und praktischen Beispielen. Interessierte Unternehmerinnen und Unternehmer können sich mit ihren Fragen zur Digitalisierung an unsere über 130 Anlaufstellen der Kompetenzzentren wenden und bekommen hier anbieterneutrale Informationen und Unterstützung bei der Umsetzung ihres Vorhabens. Das BMWi ermöglicht die kostenfreie Nutzung aller Angebote von Mittelstand-Digital. Neben den Angeboten der 26 Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren ist im September mit „Digital Jetzt“ ein neues Förderprogramm gestartet, das Zuschüsse zu den Investitionskosten bereitstellt, wenn Unternehmen sich entscheiden, auf digitale Geschäftsprozesse umzustellen.

Ein Ziel von „Mittelstand-Digital“ ist es, für Unternehmen die Risiken von Investitionen in neue Technologien zu reduzieren. Wie versuchen Sie dies zu realisieren?
Im Vergleich zu allgemeinen Investitionen finanzieren Mittelständler ihre Digitalisierungsvorhaben zu einem geringeren Anteil über externe Quellen, dafür stärker aus internen Mitteln.  Dies erklärt sich mit typischen Merkmalen von Digitalisierungsprojekten: Gefühlte Unsicherheit über den Erfolg, Schwierigkeiten bei der Bewertung dieser Vorhaben sowie fehlende Sicherheiten. Dem wird mit dem Investitionszuschussprogramm „Digital Jetzt“ dadurch entgegengewirkt, dass KMU ihrer geplanten Investitionen im Bereich Digitalisierung fördern lassen können.

Neben diesem Investitionsrisiko: Was hält KMU noch davon ab, stärker in Digitalisierung und technischen Fortschritt zu investieren?
Das hat auch mit strukturellen Hemmnissen zu tun. KMU besitzen in der Regel wenig Knowhow zu Digitalisierungsthemen und zum Change Management. Auch die Beschäftigten in den Unternehmen haben derzeit noch unzureichende Digitalkompetenzen. Hierbei geht es zunächst um Grundkompetenzen zum Bedienen von digitalen Arbeitsmitteln, die von 80 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen dringend benötigt werden. Darüber hinaus haben ein Viertel der kleinen und mittleren Unternehmen großen Bedarf an fortgeschrittenen Digitalkompetenzen für beispielsweise statistische Datenauswertung, Entwicklung von Anwendungen oder zum Programmieren. Rund ein Drittel aller KMU leidet unter Engpässen bei mindestens einer dieser Kompetenzkategorien.

Um diese Kompetenzengpässe zu beseitigen stehen den Unternehmen grundsätzlich drei Optionen zur Verfügung: Einstellung von Fachpersonal, Auslagerung von Tätigkeiten oder Weiterbildung der Belegschaft. Allgemeiner Fachkräftemangel und insbesondere der intensive Wettbewerb um IT-Personal erschweren die Rekrutierung. Auch Auslagerungen gehen nur in Grenzen. Für die kleinen und mittleren Unternehmen spielen somit Weiterbildungsmaßnahmen eine immer wichtigere Rolle. Aktuell kann man sicherlich außerdem sagen, dass die Folgen der Corona-Pandemie und damit entstandenen Unsicherheiten die Investitionen in Digitalisierungsthemen weiter ausgebremst haben. Aus diesem Grund hält „Digital Jetzt“ bis 2021 eine nochmals höhere Förderquote bereit, die Anreize für Investitionen schafft.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier betonte zuletzt, die Corona-Krise habe vielen Unternehmen zwar einen Digitalisierungsschub gegeben, zugleich aber auch Schwächen in der technologischen Entwicklung verdeutlicht. Wieso ist es für KMU Unternehmen gerade jetzt wichtig, in Digitalisierung und Innovation zu investieren?
Die Corona-Krise hat die Umsätze, Lieferketten und Prozesse kleiner und mittlerer Unternehmen hart getroffen. Waren sich die Unternehmen schon vorher darüber bewusst, dass eine digitale Transformation ihrer Betriebe für den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg erforderlich ist, so legten die Pandemie-Maßnahmen zu Kontaktbeschränkungen schlagartig offen, dass Unternehmen mit digitalisierten Prozessen den Geschäftsbetrieb leichter aufrecht erhalten konnten. Dies umfasst sowohl den Kontakt auf digitalen Wegen zur Kundschaft, als auch zur Belegschaft und zu Lieferanten. Digitale Lösungen werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, weshalb es jetzt schon wichtig ist, die eigenen Prozesse einer digitalisierten Welt anzupassen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig mitzunehmen.

Wie zuvor angesprochen, gibt es mittlerweile eine Reihe von Initiativen, die KMU bei der Digitalisierung unterstützen. Gibt es Bereiche, in denen Sie dennoch noch politischen Handlungsbedarf sehen, um die Förderung effektiver zu gestalten?
Die vorhandenen Initiativen unterstützen KMU in verschiedenen Facetten und Digitalisierungsphasen. Da fließt eine Menge Geld, das sicher gut investiert ist. Wie eben beschrieben, mangelt es kleinen und mittleren Unternehmen aber nicht nur an den finanziellen Möglichkeiten, sondern es fehlen die Fachkräfte und das nötige Knowhow, um Ideen und Projekte voranzubringen. In diesem Bereich sollte meiner Meinung nach einer der Schwerpunkte künftiger Förderarbeit liegen. Es geht um den Aufbau und die Entwicklung von Kompetenzen in den Unternehmen selbst. Dafür setzt sich auch Mittelstand-Digital ein. Wir versuchen KMU zu zeigen, welche Vorteile Digitalisierung bietet, etwa durch Praxisbeispiele oder Workshops.

Die Digitalisierung und zunehmende Vernetzung der Wirtschaft betrifft alle Branchen, vom Autokonzern bis zum Handwerksbetrieb. Wie erklären Sie beispielsweise der Betreiberin eines Friseursalons, dass sie sich mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen muss?
Friseure mit kreativen Lösungen wie beispielsweise Onlineshops konnten die Folgen der Schließungen während des Lockdowns zumindest teilweise abmildern. Aber auch außerhalb von Krisenzeiten lohnt sich für diesen Berufszweig die Auseinandersetzung mit digitalen Geschäftsmodellen, wie etwa durch Websites, die Terminreservierungen ermöglichen. Diese Entwicklungen sind bereits auf dem Markt vorzufinden. Davon profitieren nicht zuletzt auch die Kunden.

Weitere Blog-Beiträge, die bisher im Rahmen unserer Unternehmensserie erschienen sind:

Roland Bent (Phoenix Contact): „Aus dem Labor heraus kann man nur begrenzt innovativ sein“

Christoph Geyer (Saertex): „In vielen Branchen konkurriert man heute nicht mehr mit Produkten, sondern mit Technologien“



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