Die Ressource Fläche: Grenzen der Effizienz am Beispiel der Logistik

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland jeden Tag rund 60 Hektar Fläche versiegelt. Das sind doppelt so viel, wie von der Bundesregierung in der zuletzt 2018 aktualisierten Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie geplant (Bundesregierung, 2018).

Bis zum Jahr 2030 müsste diese Flächeninanspruchnahme idealerweise auf null Hektar pro Tag reduziert sein (Bundesrat, 2011, S. 4). Das Bundesumweltministerium sieht die Erreichung eines Netto-Flächenverbrauchsziel null im Rahmen einer EU-weiten Flächenkreislaufwirtschaft allerdings erst im Jahr 2050 (BMU, 2019, S. 68).

Das politische Ziel null Nettoflächenverbrauch ist für Unternehmen ein äußerst wichtiges Signal.

Wichtiges Signal für Unternehmen

Zum einen wird mit diesem Ziel die für uns Menschen überlebenswichtige Bedeutung des Bodens als zentrale Funktion unserer Umwelt betont. Dazu zählt zum Beispiel die Bedeutung des Bodens als Lebensraum oder als Grundlage für resiliente Ökosysteme, für die Unternehmen eine Mitverantwortung tragen.

Zum anderen wird damit deutlich, dass Unternehmen mit der Ressource Fläche deutlich effizienter umgehen müssen als in der Vergangenheit.

Sichtbarer Flächenverbrauch in der Logistik

Besonders sichtbar wird der Flächenverbrauch in der Logistikbranche. Riesige Lagerhallenkomplexe veränderten entlang der Autobahnen und in ländlichen Regionen das Landschaftsbild in Deutschland.

Ein wichtiger Grund dafür ist die steigende Anzahl an Personen, die ihre Produkte bequem online bestellen und dadurch eine flächenintensive Logistik einfordern.

In der Logistikbranche wird die Debatte über verfügbare Flächen durch die zunehmende Kritik von Anwohnenden (Veres-Homm & Weber, 2019) am Neubau von großen Logistikhallen und dem einhergehendem Lärm sowie Emissionen verschärft.

Gleichzeitig stehen auch immer mehr Kommunen der Ansiedlung von Logistikstandorten kritisch gegenüber, da die modernen Logistikzentren vergleichsweise wenige Arbeitsplätze schaffen und weithin sichtbar sind.

In vielen Städten stehen schon jetzt keine bebaubaren Flächen mehr zur Verfügung. Es ist also ein effizienterer Umgang mit der Ressource Boden notwendig. Aber wie kann eine gesteigerte Ressourcenproduktivität in der Logistik aussehen? Dieser Frage nachzugehen, ist eines der Ziele des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes Logist.Plus. Im Folgenden werden wir daraus einige Kernpunkte zusammenfassen (z.B. Kotzold et al, 2021).

Ressourceneffizienz durch frühzeitige Planung

Chancen für eine effizientere Nutzung von Flächen für Logistikprozesse zeigen sich vor allem ganz am Anfang – bei der Planung von Logistikprozessen und den dazu notwendigen Gebäuden, die das Fundament für weitere Optimierungsmöglichkeiten bieten.

So lassen sich beispielsweise benachbarte Grünflächen schützen und aufwerten, beim Kauf von bereits bebauten Flächen wieder Entsiegelungen vornehmen oder ausreichend Grünfläche auf dem Gelände und einen umfangreiche Dach- und Fassadenbegrünung einplanen.

Neben einer Mehrstöckigkeit sind auch flächensparende Mehrzwecknutzungen denkbar. So wurden zum Beispiel auf dem Parkhausdach Moffet Place High Gardens in Redwood (USA) mehrere Sportplätze platziert (Förster et al., 2017).

Eine Nachnutzung bereits einmal bebauter und versiegelter Flächen und die Nachnutzbarkeit von Gebäuden ist generell anzustreben und würde im Verbund mit anderen Maßnahmen die Ressource Fläche schützen.

© marcinjozwiak – pixabay.com

Ressourceneffizienz durch Kooperationen

Die Kooperation zwischen dem weltgrößten Onlinehändler Amazon und dem Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble zeigt einen weiteren Weg auf, wie sich durch eine intensive Zusammenarbeit der Bedarf an Lagerflächen reduzieren lässt.

Um eine Lieferetappe einzusparen und dadurch Kunden schneller beliefern zu können, ist Amazon in mehreren Distributionszentren von P&G vertreten. Amazon spart dadurch Kosten sowie Lieferzeit und minimiert nebenbei die eigene Lagerfläche, da Produkte nun nicht zuerst in das eigene Handelslager transportiert werden, sondern direkt aus den Distributionszentren an die Kunden versandt werden.

Anhand von Kooperationen wie zwischen Amazon und Proctor & Gamble wird ersichtlich, dass auch die enge Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Unternehmen vielfältige Möglichkeiten bietet, um die Flächennutzung effizienter zu gestalten (Loderhose, 2013).

Ressourceneffizienz durch neue Technologien

Weitere Möglichkeiten, Flächen effizienter zu nutzen, zeigen sich durch den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.

Mit Blick auf Sensortechnik in den verschiedenen Bereichen der Logistik ist zum Beispiel der Einsatz von Radio-Frequency Identification (RFID) zur Identifizierung und Lokalisierung von Objekten als gewinnbringend einzuordnen (z.B. Matheus & Klumpp, 2008; Emmerich et al. 2012).

Eine Möglichkeit, verschiedene Technologien zu Leistungsbündeln zu kombinieren, kann durch die Verbindung von RFID, kabellosem Sensornetzwerk und einem Software Agent erfolgen.

Ein solches Bündel kann zum Beispiel an einem Behälter für Güter angebracht werden, um eine selbstständige Überwachung während des Transportes zu gewährleisten. Dies ermöglicht eine schnelle Meldung bei Schäden und eine Unterstützung bei Entscheidungen, da die Daten bei einem Schaden nicht nur an den Fahrer, sondern auch an die zentrale Leitstelle übermittelt werden (Jedermann et al., 2006).

Desweiteren kann die RFID-Technologie zur

  • Lagerhaltung
  • zur Lagerplatzbewirtschaftung
  • zur Inventur und Bestandsgenauigkeit
  • zur Ein- und Auslagerung
  • zur Warensicherung
  • zur Kommissionierung
  • zur Rückverfolgung der Ware

genutzt werden. Gerade bei der Lagerplatzbewirtschaftung kann viel Fläche eingespart werden (Lenzbauer, 2007).

Bessere Ressourcennutzung durch verändertes Verhalten

Soll das Flächenverbrauchsziel null erreicht werden, kommen jedoch auch gut geplante, kooperative, hochdigitalisierte Logistikprozesse bei stetig steigendem Volumen an ihre Grenzen. Das sind in Anlehnung an das Buch “Die Grenzen des Wachstums” (Meadows et al., 1987), die Grenzen der Effizienz.

Es müssen also auch die derzeit immer wieder aufgeschobenen Fragen diskutiert werden:

Welche Produkte müssen wirklich transportiert werden und welche nicht? Wie lassen sich Flächen in der Logistik in einer Kreislaufwirtschaft nutzen?

Dann wird deutlich, dass ein großer Zielkonflikt zwischen einer auf Wachstum ausgerichteten Volkswirtschaft in Deutschland und der nachhaltigen Nutzung der Ressource Fläche beziehungsweise Boden (Netto-null Verbrauch) existiert.

Auch ist ersichtlich, dass die derzeit in Deutschland praktizierte Strategie der Ressourceneffizienz im Umgang mit Flächen nur begrenzte Wirkung hat. Unternehmen der Logistikbranche besitzen derzeit größtenteils geringe Ambitionen, ihre Geschäftsmodelle signifikant nachhaltiger auszurichten.

Daher wäre es wünschenswert, wenn im politischen und gesellschaftlichen Austausch frühzeitiger darüber öffentlich diskutiert wird, wie ein “Null-Neue-Flächen-Szenario” für die Logistikbranche aussehen kann.

Ideen, zum Beispiel flexible Logistiksysteme in Berlin oder 3D-Drucker, die Produkte ohne Lager herstellen, gibt es bereits. Sie geben einen Einblick, wie die optimale Flächeneffizienz aussehen könnte.

Ein Masterplan für die nächsten 20 Jahre würde jedoch insbesondere kommunalen Vertreterinnen und Vertretern helfen. Um nicht heute unter dem Druck von Unternehmen und im interkommunalen Konkurrenzkampf doch noch Flächen für die Logistik freizugeben, die die Gesellschaft eigentlich unversiegelt für ihr Überleben morgen benötigt.

Quellen

BMU (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) (2019) Klimaschutzplan. Klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung. (Zuletzt aufgerufen am 06.04.2021)

Bundesrat (2011) Beschluss des Bundesrates. Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäi­schen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: Fahrplan für ein ressourcen-schonendes Europa, Druck­sache 590/11 (Beschluss) vom 25.11.11 . (Zuletzt aufgerufen am 14.4.2021)

Bundesregierung (2018) Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie – Aktualisierung 2018. (Zuletzt aufgerufen am 05.04.2021)

Emmerich, J., Roidl, M., Bich, T. et al. (2012) Entwicklung von energieautarken, intelligenten Ladehilfsmitteln am Beispiel des inBin, Logistics Journal, Proceedings, 1–7

Förster, A., Wenzel, S., Thierstein, A. et al. (2017) Gewerbe & Stadt. Gemeinsam Zukunft gestalten, Technische Universität München. (Zuletzt aufgerufen am 05.04.2021)

Jedermann, R., Behrens, C., Westphal, D. et al. (2006) Applying autonomous sensor systems in logistics—Combining sensor networks, RFIDs and software agents, Sensors and Actuators A: Physical, 132 (1), 370–375 

Kotzold, D., Hüer, L., Griese, K.-M., Franz, M. (2021) Flächensparen in der Logistik, Standort (eingereicht am 22.04.2021)

Lenzbauer, S. (2007) RFID-Anwendungen in der Logistik, Institut für Transportwirtschaft und Logistik. (Zuletzt aufgerufen am 12.04.2021)

Loderhose, E. (2013) Amazon mietet sich bei P&G ein, Lebensmittel Zeitung, 42, 1-1

Matheus, D. & Klumpp, M. (2008) Radio Frequency Identification (RFID) in der Logistik.(Zuletzt aufgerufen am 05.04.2021)

Meadows, D. et al. (1987) Die Grenzen des Wachstums, 14. Auflage Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart.

Veres-Homm, U. & Weber, N. (2019) Logistikimmobilien – Dreh- und Angelpunkt der Supply Chain, Fraunhofer SCS, 3. Auflage



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