Die Rolle von Narrativen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft

In den vergangenen Jahrzehnten haben internationale Produkt- und Stoffströme stetig zugenommen. Mit dem Zuwachs an Konsumgütern steigen auch die Umweltauswirkungen wie Treibhausgase, Wasserverbrauch und Abfallberge.

Auf der Suche nach Lösungen hat die Kreislaufwirtschaft in Forschung, Politik und Praxis an Bedeutung gewonnen. Mit diesem Ansatz sollen Umweltbelastungen von der Rohstoffgewinnung bis zur Abfallentsorgung minimiert werden, um sowohl Produktion als auch Konsum nachhaltig zu gestalten.

Kurz gesagt: endliche Ressourcen unendlich machen – dass ist das Ziel einer Kreislaufwirtschaft.

Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, müssen jedoch die vorherrschenden Kreislaufwirtschaftsnarrative verstanden, reflektiert und neue Narrative für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft entwickelt werden, sowie auch die Rolle der beteiligten Akteure und Akteurinnen in Betracht gezogen werden.

Wie schon von Holger Glockner und Dr. Christian Grünwald in einem vorangegangenen Beitrag dieses Blogs dargelegt, spielen Narrative eine essentielle Rolle in Transformationsprozessen. Das Narrativ ist eine der stärksten Formen der menschlichen Kommunikation, indem es sozialen und physischen Phänomenen eine Bedeutung zuschreibt und eine Abfolge von Ereignissen zu einer Handlung verbindet.

Auf diese Weise können Akteure und Akteurinnen komplexe Themen und Debatten greifbar machen und durch die Moral der Geschichte bestimmte Handlungsanweisungen oder Lösungen einbringen. Vorherrschende Narrative bestimmen daher, was wir unter einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft verstehen und welche Lösungen wir entwickeln, um dieses Ziel umzusetzen.

Unterschiedliche Ansichten in der Forschung

In der Forschung gibt es viele Narrative über die Kreislaufwirtschaft, die das Potential dieses Konzeptes für eine Nachhaltigkeitstransformation hervorheben. Das Venn Diagramm unten zeigt, welche unterschiedlichen Dimensionen die Narrative beleuchten. Es gibt sowohl Übereinstimmungen als auch Unterschiede zwischen den Narrativen.

Kurz gesagt gibt es einerseits ein optimistisches Narrativ, das die Kreislaufwirtschaft als essentiellen Treiber für Nachhaltigkeitstransformationen beschreibt. Andererseits gibt es ein skeptisches Narrativ, das den Nutzen der Kreislaufwirtschaft für den Wandel zur Nachhaltigkeit insgesamt in Frage stellt. Dieses geht davon aus, dass Kreislaufwirtschaft das aktuelle, auf Wachstum fokussierte Wirtschaftsmodell mit all seinen negativen Konsequenzen für Umwelt und Mensch weiterführt. 

Zwischen diesen Beiden gibt es ein reformistisches Narrativ, welches davon ausgeht, dass Kreislaufwirtschaft Transformationspotential hat – aber nur, wenn bestimmte Bedingungen, wie zum Beispiel das Einbeziehen sozialer Aspekte, erfüllt sind.

Diese unterschiedlichen Forschungsnarrative zur Kreislaufwirtschaft bestimmen die Wahl des Forschungsthemas, der Daten und der Forschungsfragen, sowie die politischen Empfehlungen, die davon abgeleitet werden.

Diese Unterschiede in den wissenschaftlichen Grundannahmen werden bisher wenig diskutiert, was zu Ambiguität und zu widersprüchlichen Ratschlägen führt. Eine bessere Auseinandersetzung mit den Forschungs- und Praxis-Narrativen wäre nicht nur für die Umsetzung und Bewertung der Kreislaufwirtschaft hilfreich. Sie wäre auch für eine fruchtbare Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik entscheidend, da die Narrative helfen, die Vielfalt von wissenschaftlichen Ergebnissen zu strukturieren, zu vergleichen und politisch zu bewerten.

Abbildung: Venn Diagramm mit den wichtigsten Unterschieden und Übereinstimmungen der drei Forschungsnarrative. Quelle: Leipold et al. (2021).

Über den Tellerrand blicken

Das vorherrschende Narrativ, das die EU und andere wichtige globale Akteure wie China von der Kreislaufwirtschaft erzählen, baut auf der optimistischen Perspektive auf und ordnet die Ideen im aktuellen wirtschaftlichen System ein.

Es betont anhaltendes Wirtschaftswachstum, neue Geschäftsmöglichkeiten, die Entwicklung und Ausweitung von Märkten sowie die Vereinbarkeit wirtschaftlicher und ökologischer Ziele durch neue Technologien und Innovationen.

Obwohl dieses Narrativ für die etablierten Akteurinnen und Akteure in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bequem ist, da sie an ihrem aktuellen Handeln wenig verändern müssen, ergaben Untersuchungen, dass es viele Nachteile hat. So verstärkt es beispielsweise Kämpfe um Macht, Verantwortung und Ressourcen auf nationaler und internationaler Ebene. Zudem führt es zu politischen Ergebnissen, die von vielen Interessengruppen als weitgehend ineffektiv oder als Ursache neuer Probleme bewertet werden.

Ein essentieller Schritt für den Erfolg einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft ist daher die Entwicklung neuer politischer Narrative, die den Status quo infrage stellen und Alternativen aufzeigen, die stärker Gedanken für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel transportieren.

Solche Narrative könnten die Ideen der Kreislaufwirtschaft mit anderen Konzepten der Wirtschaftstransformation verbinden, etwa Postwachstum oder Suffizienz.

In diesem Prozess ist die Anfechtung, Verhandlung und ein gegenseitiges Verständnis von Differenzen zwischen beteiligten Akteuren und Akteurinnen essentiell, sowie das Reflektieren und die explizite Darstellung von eigenen normativen Positionen. Auf dieser Basis können dann eine gemeinsame Identität und Vertrauen geschaffen werden, die Grundvoraussetzungen für eine gemeinsame Erzählung über das Wirtschaften der Zukunft sind.

Wer profitiert, wer verliert

Das Potenzial einer Kreislaufwirtschaft für den gesellschaftlichen Wandel zur Nachhaltigkeit hängt weitgehend von den beteiligten Akteuren und Akteurinnen und ihren Praktiken ab. Studien haben gezeigt, dass vermeintliche Verlierer von Kreislaufwirtschaftsmaßnahmen den politischen Prozess bremsen und das aktuelle, eingeschränkte Narrativ aufrechterhalten.

Ohne die Ursachen dieses Widerstands anzugehen, werden neue Maßnahmen kaum durchsetzbar sein oder von ihren Gegnern, wie zum Beispiel Unternehmen fossiler Energien oder Teilen der verarbeitenden Industrie, untergraben werden. Daher ist es wichtig, sowohl die Gewinner als auch die Verlierer einer Kreislaufwirtschaft in Betracht zu ziehen.

Eine faire Verteilung von Kosten und Nutzen ist der entscheidende Punkt.

Eine erfolgreiche Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert daher neben neuen, vertrauensbildenden Narrativen auch Strategien, die auf die Ängste und Konflikte der Akteure eingehen und die Verlierer des Wandels berücksichtigen.

Zusammengefasst: Um die Transformation hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft erfolgreich zu gestalten, braucht es ein besseres Verständnis der zugrundeliegenden Visionen und widersprüchlichen Ansätze, die Entwicklung neuer transformationsgetriebener Narrative sowie ein gemeinsames Vorgehen verschiedener Interessengruppen, um zusammen den Weg zur Nachhaltigkeit zu realisieren.

Dieser Blog-Beitrag basiert auf Teilen des Betrags von Sina Leipold and Machteld Simoens in “Wandlungsfähig”, Band 168, Politische Ökologie, Seite 71 bis 76. Außerdem beruht er  auf den Ergebnissen des BMBF-geförderten Forschungsprojekts „Circulus – Opportunities and challenges of transition to a sustainable circular bio-economy“. Weitere Ergebnisse und Referenzen können Sie dem Abschlussbericht entnehmen.


Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:

Wie wir aus weniger mehr für alle machen: eine Agenda für Produktivität und Teilhabe von Armando García Schmidt und Dr. Marcus Wortmann, Bertelsmann Stiftung

Die Kraft von Narrativen in Transformationsprozessen von Holger Glockner und Dr. Dr. Christian Grünwald, Z_punkt The Foresight Company

„Um ressourcenschonender zu wirtschaften, müssen wir zukünftig mehr in ganzheitlichen Kreisläufen denken“, Interview mit Dr.-Ing. Julia R. Tschesche, Effizienz-Agentur NRW



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