Digitalisierung – Chance, aber auch Risiko für ein nachhaltiges Wachstum

Mehr Produktivität bei weniger Ressourcenverbrauch, wie schaffen wir das? Na klar, mit Digitalisierung! Sie macht alles schneller, effizienter und einfacher – oder nicht?

Der Megatrend Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik mehr. Er greift über vielfältige technologische Entwicklungen wie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Internet der Dinge (IoT) oder Künstliche Intelligenz (KI) in alle wirtschaftlichen Sektoren und gesellschaftlichen Bereiche ein.

Bits und Bytes sind allgegenwärtig in unserer schönen neuen modernen Welt, sei es im Konsum, der Mobilität, dem Energiesektor, in Logistikzentren oder im medizinischen Bereich. Doch über das schnelle Bezahlen mit dem Smartphone, das Management der immer komplexeren und dezentralen Energiewirtschaft per Blockchain oder das Jonglieren tausender Warensendungen per Barcode kann schnell in den Hintergrund geraten, dass die Digitalisierung auch große Risiken birgt.

Daher muss die Umsetzung nicht nur die technologischen Möglichkeiten, sondern auch ihre Auswirkungen auf verschiedene Aspekte im Blick haben.

Diverse Einsatzmöglichkeiten – und Schattenseiten

So vielseitig wie die Einsatzgebiete der digitalen Anwendungen und Schnittstellen sind auch diese möglichen Schattenseiten divers. Das beginnt beim Ausschluss vulnerabler Gruppen auf der Anwenderseite (etwa Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen mit begrenztem Zugang zu Smartphones oder zu digitalen Zahlungsmitteln) bis hin zu Haftungsfragen beim bekannten Notfalldilemma eines autonomen Fahrzeugs (Klippe oder verunfallter Fahrradfahrer auf der Bergstraße).

Im Folgenden möchte ich die Aspekte einer klimaneutralen Wirtschaft bei gleichzeitig nachhaltigem Wachstum in den Mittelpunkt stellen.

Chancen für nachhaltiges Wachstum

Schauen wir dabei zuerst auf die Chancen, die uns die Digitalisierung bietet. Das Fundament der Veränderung und Verbesserung sind Informationen. Eine hohe Transparenz aller von einem Produkt ausgehenden Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Menschen trägt nachweislich dazu bei, dass wir uns für nachhaltigere Lösungen entscheiden.

Noch besser funktioniert das, wenn die erfassten Auswirkungen an monetäre Effekte gekoppelt werden.

Das schafft Anreize nicht nur für Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch für global agierende Großunternehmen. Die Digitalisierung ermöglicht die immer schnellere und genauere Erfassung sowie Auswertung von immer mehr der dafür unabdingbaren Daten. Das kann in Zukunft wesentlich zur sogenannten Internalisierung der externen Kosten unseres Wirtschaftens beitragen.

Daneben können durch die Entwicklung neuer digitaler Technologien sowie die Einbindung digitaler Komponenten in bestehende Systeme in quasi allen Wirtschaftssektoren Energie, Zeit, Platz und Ressourcen eingespart werden.

Johny Goerend

In der Landwirtschaft etwa kann das durch moderne Sensorik und Automatisierung ermöglichte precision farming zu einer signifikanten Einsparung von Wasser, Dünger, Fungi- und Pestiziden führen.

Oder nehmen wir den Verkehrsbereich: Autonome Nahverkehrsbusse können durch das eingesparte Personal dafür sorgen, dass sich auch in ländlichen Regionen ein durchgängig dichter Versorgungstakt rechnet.

Damit wird es der dort lebenden Bevölkerung wesentlich erleichtert, das Auto stehen zu lassen. Gleichzeitig steigt für Menschen, die aus verschiedenen Gründen kein Auto fahren können, bei einer regelmäßigeren und verlässlicheren Mobilitätsanbindung die Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Ich könnte hier noch seitenweise Beispiele aufzählen.

Dass sich hier ein hohes Potential für nachhaltiges Wachstum bietet, hat auch die EU erkannt. Alles in allem schätzt sie, dass der globale CO2-Ausstoß durch digitale Technologien um 15 Prozent gesenkt werden könnte[1]. Im Rahmen des European Green Deal ist die Digitalisierung daher einer der zentralen Bausteine, um Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen.

Die Schattenseiten für nachhaltiges Wachstum

So weit, so schön, würde die Digitalisierung nicht selbst dazu beitragen, dass sich unsere Klima- und Umweltprobleme noch verschärfen.

Denn natürlich benötigen die in den oben angerissenen Szenarien eingesetzten Verfahren und Komponenten selbst ebenfalls Ressourcen und Energie für Produktion und Betrieb. Allein die Rechenzentren in Deutschland verursachten 2020 nach einer Bilanz des Borderstep Instituts 16 Milliarden kWh, 7 Prozent mehr als im Vorjahr[2].

Neben dem hohen Energieverbrauch benötigen digitale Technologien Rohstoffe, die selten sind und zu großen Teilen in Entwicklungsländern unter hohen Einbußen für Mensch und Natur gewonnen werden, wie etwa Neodym, Iridium oder Cobalt.

Die Lieferketten, die sich rund um den Globus spannen sind undurchsichtig und schwer zu kontrollieren. Oft wissen auch die ambitioniertesten Produzenten am Ende der Wertschöpfungsketten nicht, unter welchen Umständen die Rohstoffe aus den ihnen zugelieferten Teilen gewonnen werden.

Weiterhin steigt durch den Einsatz von immer mehr elektronischen Komponenten auch das Aufkommen an Elektroschrott an. Gemäß der letzten Mitteilung des Statistischen Bundesamts wurden 2019 947.100 Tonnen Elektro- und Elektronikaltgeräte entsorgt.

Prozentual gesehen, erreichte die Sammelquote für Elektroschrott damit 44,3 Prozent.[3] Das ab 2019 von EU-Seite vorgeschriebene Ziel einer Sammelquote von 65 Prozent wurde damit weit verfehlt.[4] Um dieses zu erreichen, müssten gut 420.000 Tonnen mehr Elektroschrott pro Jahr gesammelt werden.[5]

Langlebige Produkte und Kreislaufwirtschaft

Die Lösung für das Rohstoff- und Müllproblem kann nur ein Zusammenspiel aus langlebigen Produkten und einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft sein. Hier gibt es vielversprechende Ansätze, doch eine wirtschaftliche Umsetzung im großen Maßstab ist noch Zukunftsmusik. Oft läuft es auf die Verbrennung des Elektroschrotts hinaus.

Bezieht man diese „thermische Verwertung“ in die Statistik mit ein, kommen wir immerhin auf eine Verwertungsquote von 85% für Elektronikaltgeräte in Deutschland. Schaut man aber auf die tatsächliche Recyclingquote, erreichen wir gerade mal 39%.[6] Eine wichtige Voraussetzung, um diese zu erhöhen, sind Normen und Standards – etwa für die Batteriekonstruktion zur Ermöglichung eines modellübergreifenden Demontageprozesses.

All diese Beispiele verdeutlichen, dass eine nachhaltige digitale Transformation kein Selbstläufer ist. Laut einer Studie des WBGU berührt die Digitalisierung jedes der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 (SDG) im positiven wie im negativen Sinn[7]. Um die positiven Trends zu stärken und die negativen Auswirkungen zumindest einzudämmen, sind steuerungspolitische Elemente unabdingbar.

Die Hebel müssen jetzt an der richtigen Stelle angesetzt werden.

Der gebotenen Eile steht jedoch die Langwierigkeit solcher politischen Prozesse gegenüber, insbesondere vor dem Hintergrund der globalen Dimension des Themas. Klar ist, dass die Richtungsweisung auf dem Weg in eine nachhaltige digitale Zukunft nicht allein Aufgabe der Politik ist, wenn sie auch die Federführung übernehmen sollte.

Die Einbeziehung aller Beteiligten, von der Wissenschaft über die Entwickler hin zu Großunternehmen und Mitarbeitenden bis zum Endverbraucher, in die Gestaltung und Umsetzung der Maßnahmen ist unabdingbar. Denn nur, wenn sich alle Akteure sowohl der Chancen, als auch der Risiken bewusst sind und entsprechend handeln, können wir dafür sorgen, dass die Nachhaltigkeits-Bilanz der Digitalisierung am Ende positiv ausfällt.

Literatur

[1] European Union (2020): Supporting the Green Transition, Shaping Europes Digital Future, Brüssel: Öffentlichkeitsarbeit der EU-Kommission, DOI: 10.2775/932617

[2] Hintemann, R. (2021). Rechenzentren 2020. Cloud Computing profitiert von der Krise. Energiebedarf der Rechenzentren steigt trotz Corona weiter an. Berlin: Borderstep Institut.

[3] Statistisches Bundesamt (2021): 10,8 % mehr recycelte Elektroaltgeräte im Jahr 2019, Pressemitteilung Nr. 064 vom 12. Februar 2021, zuletzt besucht am 04.10.2021

[4] EU-Richtlinie 2012/19/EG (WEEE II).

[5] Fachverband Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling (2021): „So kann Recycling nicht funktionieren: E-Schrott-Sammelquote enttäuschend niedrig“, Pressemitteilung vom 29.06.2021, zuletzt besucht am 04.10.2021

[6] Eurostat (2021): Indikatoren für die Kreislaufwirtschaft. Verfügbar hier, zuletzt besucht 04.10.2021

[7] WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2019): Unsere gemeinsame digitale Zukunft, Berlin: WBGU



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