Ehrlicher Umgang mit Konflikten und Zeitkonstanten – die Herausforderungen für die Energieversorgung von Morgen

Eine hinreichend schnelle Umsetzung der Klimaschutzziele ist nicht ohne einen ehrlichen und offenen Umgang mit den Konflikten und den Zeitkonstanten möglich.

Im Verlauf des Jahres 2021 wurden fünf große Transformationsstudien veröffentlicht, die zeigen, wie Deutschland seine selbst gesteckten Klimaschutzziele erreichen kann. Trotz der unterschiedlichen Auftraggeber sind sie sich in den Ergebnissen und der Analyse weitgehend einig.

Die Ergebnisse kurz gefasst

  • Die für das Erreichen von Treibhausgasneutralität notwendigen Maßnahmen sind grundsätzlich bekannt und die notwendigen Technologien in den letzten drei Dekaden weitgehend entwickelt worden.
  • Für die Umsetzung der Ziele gibt es kein Königsinstrument. Sondern es ist das gesamte Portfolio an Klimaschutzstrategien zu nutzen, anders ausgedrückt: Es gibt wenig Raum für Selektivität.
  • Weitgehende Maßnahmen sind in allen Sektoren schnell und konsequent gefordert – insbesondere in Energiewirtschaft, Verkehr, Gebäude, Industrie und Landwirtschaft.
  • Eine besondere Herausforderung besteht darin, die aus heutiger Sicht als unvermeidbar geltenden Treibhausgas-Emissionen, wie prozessbedingte CO2-Emissionen der Zementherstellung und CO2– und Methanemissionen aus der Landwirtschaft, durch negative Emissionen zu kompensieren. Hierfür bedarf es neuer Technologie wie beispielsweise die Abtrennung von CO2 aus der Luft.
  • Eine hinreichend schnelle Umsetzung erfordert die Bündelung aller Kräfte und gelingt nur, wenn sich alle relevanten Akteur*innen ihrer Verantwortung bewusst sind und gemeinsam vorangehen.
  • Für die Zielerreichung braucht es massive zusätzliche Investitionen, die sich aber rechnen: unter anderem durch eingesparte Energiekosten, verringerte Importrisiken, durch die durch den Wandel ausgelösten Innovations- und Beschäftigungsimpulse sowie vermiedene Schadens- und Anpassungskosten. Die immensen „Kosten des Nichtstuns“ gilt es zu vermeiden.
  • Das Erreichen der Ziele wird nur gelingen, wenn der Transformationsprozess sozialverträglich gestaltet wird und die Menschen auf dem Weg mitgenommen werden, d.h. ihnen Raum zur Mitgestaltung gegeben wird. Dabei geht es um eine echte Trägerschaft und eine Beteiligungskultur statt reiner akzeptanzschaffender Maßnahmen.

Die Liste der heute vorliegenden Erkenntnisse ließe sich noch beliebig fortsetzen. Allein mangelt es bisher an der konsequenten Umsetzung.

Zweifelsohne ist das Erreichen der Klimaschutzziele kein Selbstläufer.

Grundlegende Voraussetzungen

Grundlegende Voraussetzung aus dem Umsetzungsdilemma herauszukommen, ist zunächst einmal mehr Ehrlichkeit und Transparenz. Das erfordert ein Eingeständnis, dass die notwendigen Veränderungen für Einzelne zu Zumutungen führen können und entsprechend die Bereitschaft, die mit der Energiewende verbundenen vielfältigen Konflikte offenzulegen und aktiv Lösungsoptionen zu suchen.

Der verstärkte Dialog zwischen Bundesregierung und Vogelschutz-/Naturschutzverbänden und die gemeinsame Suche nach einem möglichst standardisierten Vorgehen für die Bewertung von Windkraftanlagen geht in die richtige Richtung. Erforderlich ist aber ein weiteres Eingeständnis, nämlich die Anerkennung von Zeitkonstanten, die es zu überwinden gilt.

Dies betrifft unter anderem die Fragen

  • wie schnell die langen Planungs- und Genehmigungszeiten substantiell verringert werden können
  • wie schnell die fehlenden Handwerker*innen-Kapazitäten ausgeglichen werden können
  • wie schnell der regulatorische Rahmen verändert werden kann, d.h. ein vollständig neues Marktdesigns im Energie- und Strommarkt geschaffen werden kann
  • wie schnell Verhaltensroutinen geändert werden können

Entscheidend ist aber auch, ob es gelingt, das Präventionsparadoxon zu überwinden – das heißt, den Unterschied zwischen dem Wissen über die Risiken und die Folgen des Klimawandels versus die Bereitschaft des schnellen und konsequenten Handelns.

Die Welt ist komplex und scheint immer komplexer und herausfordernder zu werden. Hinzu kommt nämlich, dass sich die Welt in den letzten zwei Jahren weiter verändert zu haben scheint und vermehrt Krisen das Bild beherrschen.

Jahrzehntelange Gewissheiten gelten nicht mehr, Risiken und Unsicherheiten nehmen zu, die Herausforderungen werden immer komplexer und erfordern gleichzeitig immer schnelleres und in der Intensität bisher nie dagewesenes Handeln und Umsteuern.

© Khamkéo Vilaysing – unsplash.com

Was können und was müssen wir aus den aktuellen Krisen lernen?

Wir müssen lernen, dass wir ein erhöhtes Maß an Sensibilität gegenüber potenziellen Risiken brauchen – und da, wo notwendig und möglich, Vorsorge treffen müssen. Und zwar auch dann, wenn dies finanzielle und strukturelle Vorleistungen erfordert.

Nach der Corona-Pandemie ist die zugespitzte geopolitische Lage in Bezug auf die Erdgas- und Ölversorgung überraschend, aber mit großer Macht auf die Agenda gekommen. Das heißt, ohne dass die Entscheidungsträger*innen in Politik und Wirtschaft sowie die Verbraucher*innen darauf wirklich vorbereitet gewesen sind – nicht zuletzt vor dem Hintergrund jahrzehntelanger zuverlässiger Lieferungen (auch zu Zeiten des Kalten Krieges).

Was im letzten Quartal des Jahres 2021 mit einem auf verschiedene Effekte (anspringende Weltkonjunktur mit hoher Nachfrage, windarmes Jahr etc.) zurückzuführenden, drastischen Anstieg der Energiepreise anfing, kumulierte mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine in Bezug auf die Energieversorgung in eine Situation, in der geopolitische Risiken das Bild bestimmen. Hiermit verbunden waren weitere drastische Preisaufschläge bei den fossilen Energieträger, vor allem beim Gas.

Für den Umgang mit der Energieversorgungs- und Energiepreis-Krise sind ohne Zweifel adäquate Lösungen und ein dauerhaft tragfähiger Ausweg notwendig.

Gleichzeitig ist aber auch klar, dass diese Lösungen nicht zulasten der Klimaschutzziele gehen dürfen – um nicht mit einem Beitrag zur Lösung der einen Krise eine andere, die Menschheit ebenso bedrohende Krise sich weiter zuspitzen zu lassen.

Anders ausgedrückt: Die jetzt anstehenden Entscheidungen müssen entsprechend aus einer ganzheitlichen Perspektive getroffen werden. Lock-in-Situationen und Pfadabhängigkeiten, die für das Klima in eine Sackgasse führen, sind zu vermeiden.

Risiko-Check ist nötig

Umgekehrt ist für die Zukunft vor diesem Hintergrund aber auch klar: Es bedarf eines generellen Risiko-Checks für die zentralen Energiewende- und Klimaschutz-Strategien und -Pfade. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Sicherheit der Bereitstellung von Energieträgern, aber für ein Industrieland wie Deutschland in ganz entscheidender Weise auch für die Versorgung mit Grundstoffen für die Industrie.

Hinzu kommt nicht zuletzt die Notwendigkeit einer hinreichenden und sicheren Verfügbarkeit von Rohstoffen, wie etwa Seltener Erden für die Herstellung zentraler Klimaschutztechnologien oder stabile Bezugsstrukturen für zentrale Komponenten und Produkte.

In diesem Sinne gilt es beispielsweise zu überlegen, ob die weitgehende Abhängigkeit vom Import von Photovoltaik-Modulen aus China den Anforderungen gerecht wird oder im stärkeren Maße wieder auf eine heimische Produktion gesetzt werden sollte. Dabei geht es nicht darum, vollständig autarke Strukturen aufzubauen, sondern Verletzlichkeiten und Risiken zu reduzieren oder sich diesen in jedem Fall bewusst zu sein.

Neben der Diversifikation von Bezugsstrukturen und einer verstärkten heimischen Produktion kann auch der Übergang der heute nach wie vor stark linear geprägten Produktionsstrukturen auf zirkuläre Strukturen (Circular Economy) einen wesentlichen Beitrag zur Risikominderung leisten.

Ausbau der Erneuerbaren forcieren

Grundsätzlich muss eine Lehre für die Politik aus der kritischen Versorgungsphase sein, die Bemühungen im Bereich Energieeinsparung und Energieeffizienz, vor allem auch Stromeffizienz (dies schließt energiebewusstes Verhalten, das heißt nicht-technische Maßnahmen mit ein), die in den vergangenen Jahren eher stiefmütterlich betrachtet worden sind, zu stärken, und den Ausbau erneuerbarer Energien noch einmal deutlich zu forcieren.

Denn diese beiden Strategien dienen sowohl dem Klimaschutz als auch der Verringerung unserer Abhängigkeit von Gas, Öl und Kohle.

Zudem sind mittlerweile nicht nur viele Energieeffizienz-Maßnahmen, sondern auch die erneuerbaren Energien kostengünstiger als neue Energieversorgungsoptionen aus fossiler Energie.

 


Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:

Mögliche wirtschaftliche Auswirkungen des Ukrainekriegs auf Deutschland von Dr. Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung

Auf dem Weg zur Klimaneutralität: Weiterentwicklungsperspektiven für die Nutzung von Herkunftsnachweisen in der Industrie von Dr. Alexandra Style, Hamburg Institut

Ampelpläne für die Energiewende: Die Richtung stimmt von Andreas Fischer, Institut der deutschen Wirtschaft



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