Eine inklusivere und produktivere Arbeitswelt als Antwort auf den Fachkräftemangel

Die Folgen der schwachen Produktivitätsentwicklung in Deutschland können fatal sein. Doch nicht nur die sinkende Arbeitsproduktivität stellt die Wirtschaft vor Herausforderungen, sondern auch die sinkende Anzahl der verfügbaren Arbeitskräfte in unserer Volkswirtschaft.

Schätzungen gehen davon aus, dass aufgrund des demografischen Wandels bis 2040 mehr als vier Millionen Fachkräfte weniger zur Verfügung stehen könnten (Geis-Thöne, 2021). Ohne Zuwanderung würde das Erwerbspersonenpotenzial bereits heute sinken (Burstedde et al., 2021).

Dagegen steigt die Arbeitskräftenachfrage seit Jahren. Die Zahl der offenen Stellen für qualifizierte Fachkräfte aller Niveaus hat sich seit 2010 fast verdoppelt und liegt im Jahresdurchschnitt 2021 bei mehr als 1,0 Millionen (KOFA-Berechnungen auf Basis von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit).

Bereits seit einigen Jahren gibt es in vielen Berufen und Regionen nicht genügend passend qualifizierte Fachkräfte, um alle offenen Stellen zu besetzen.

Fast jede dritte offene Stelle kann nicht besetzt werden

Die Corona-Pandemie ist zwar noch nicht überwunden, dennoch hat sich der Arbeitsmarkt in vielen Bereichen wieder erholt. Die Zahl der Arbeitslosen ist gesunken, die Zahl der Beschäftigten gestiegen. Was auf der einen Seite positiv ist, stellt auf der anderen Seite eine Herausforderung für viele Arbeitgeber dar, die händeringend nach Fachkräften suchen.

So fehlten im Jahresdurchschnitt 2021 insgesamt fast 350.000 qualifizierte Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Im Jahr 2010 waren es noch 60.000. Das bedeutet, dass heute jede dritte offene Stelle nicht besetzt werden kann.

Es fehlen vor allem Fachkräfte

  • in der Alten- und Krankenpflege
  • im Handwerk
  • in Metall- und Elektroberufen
  • in IT-Berufen
  • in der Baubranche.

Mittlerweile gehören zu den knappen Berufen aber auch Sozialpädagogen und Physiotherapeuten.

Arbeitsmarkt wird Bewerbermarkt

Der Arbeitsmarkt dreht sich also zu einem Bewerbermarkt um. Dies ist nicht nur eine individuelle Herausforderung für die Personalabteilungen der Unternehmen, sondern auch ein ernstzunehmendes Produktivitätshemmnis.

Im Oktober 2021 behinderte der Fachkräftemangel die Geschäftstätigkeit von 43 Prozent aller Unternehmen (KfW-ifo-Fachkräftebarometer, 2021) und schränkte damit auch erheblich das Wirtschaftswachstum ein.

Eine Simulation aus dem Jahr 2018 ging davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt um 30 Milliarden Euro höher ausgefallen wäre, wären alle damals offenen Stellen besetzt worden (Burstedde et al., 2018).

Aber nicht nur das quantitative Wirtschaftswachstum steht auf dem Spiel. Auch wichtige, gesellschaftliche Transformationen, wie die Digitalisierung und der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft, erfordern die Verfügbarkeit von entsprechend qualifizierten Fachkräften, zum Beispiel für den Bau von Windkraftanlagen.

© Natalino D’Amato – unsplash.com

KMU besonders von Fachkräftemangel betroffen

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit eigenen Personalabteilungen haben Schwierigkeiten, ihre Stellen zu besetzen.

Gerade bei der Positionierung als attraktiver Arbeitgeber und in der Qualifizierung von Mitarbeitenden hinken die Kleinen gegenüber den Großen stark hinterher (Koneberg et al., 2021). Dadurch haben es Branchen mit vielen kleinen Unternehmen, wie zum Beispiel das Handwerk, besonders schwer.

Aufträge müssen abgelehnt werden, und Unternehmen erreichen schneller ihre Auslastungsgrenze. Auf lange Sicht drohen Betriebsschließungen. Nicht nur etablierte KMU leiden unter Wettbewerbsnachteilen, zunehmend haben auch Start-ups mehr Probleme, ihre Stellen zu besetzen (Deutscher Startup Monitor, 2021).

Eine ausreichende Zahl von innovativen und florierenden kleinen und mittleren Unternehmen sowie der entsprechende Wettbewerb ist aber wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung. Daher unterstützt das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung auf www.kofa.de auch explizit kleine und mittlere Betriebe.

Um langfristig dem Fachkräftemangel zu begegnen, können zwei Ansätze verfolgt werden.

Zwei Ansätze zur Lösung

Zum einen kann versucht werden durch eine inklusivere Arbeitswelt alle bisher ungenutzten Fachkräftepotenziale zu aktivieren. Das gilt zwar zunächst für die inländischen Potenziale, ist aber auch für die nachhaltige Integration von internationalen Fachkräften, auf die unsere Volkswirtschaft angewiesen ist, essentiell. Zum anderen kann eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität angestrebt werden, so dass mit der gleichen Zahl an Fachkräften mehr produziert werden kann.

Wenn durch eine inklusivere Arbeitswelt auf alle inländischen Potenziale zurückgegriffen werden kann, bereitet dies auch denjenigen Chancen, die bis dato nicht so gut in den Arbeitsmarkt integriert waren.

Eine geringe Erwerbsbeteiligung dieser Gruppen lag mitunter auch daran, dass die Bedingungen in der Arbeitswelt, wie Arbeitszeiten, Ausstattung für Barrierefreiheit etc. nicht für alle Gruppen gleich gut gepasst haben. Doch der Druck auf Unternehmen wächst, die betrieblichen Arbeitsbedingungen anzupassen.

Bessere Arbeitsbedingungen können nicht nur zu einer stärkeren Erwerbsbeteiligung, sondern auch zu einer Ausweitung der Arbeitszeiten der verschiedenen Gruppen führen. Beispielhaft sind im Folgenden einige Maßnahmen aufgelistet:

  • Die Möglichkeit von Homeoffice und das Angebot von Kinderbetreuung, um die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern zu erhöhen.
  • Barrierefreiheit und die Verfügbarkeit von technischen Hilfsmitteln, um Menschen mit Behinderung besser zu integrieren.
  • Arbeitsanweisungen auf Englisch und Mentoring-Programme, um Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete besser einzugliedern.
  • Flexible Arbeitszeiten, um Menschen mit Pflegeverantwortung zu unterstützen.

Fehlende Kompetenzen nachvermitteln

Um ungenutzte Potenziale zu aktivieren, reicht es aber nicht immer, nur bessere Arbeitsbedingungen anzubieten. Häufig ist es auch notwendig, fehlende Kompetenzen nachzuvermitteln. Denn Menschen ohne Erwerbstätigkeit gibt es, zumindest noch gegenwärtig, einigermaßen viele in Deutschland.

Jedoch haben diese meist nicht die benötigten Qualifikationen. So gibt es zum einen viele Arbeitslose, die gar keine formale berufliche Ausbildung haben, zum anderen gibt es Arbeitslose, die zwar eine Ausbildung haben, aber nicht in den auf dem Arbeitsmarkt benötigten Berufen.

Es gilt zu schauen, wie Menschen die benötigten Qualifikationen aus Engpassberufen auch noch später im Erwerbsleben erlangen können, beispielsweise durch eine Ausbildung im Alter, eine Umschulung oder Weiterbildung.

Wichtig ist es aber auch, Passungsproblemen auf dem Arbeitsmarkt frühzeitig vorzubeugen, zum Beispiel durch eine gute Berufsorientierung, die über die zukünftigen Arbeitsmarktchancen in den verschiedenen Berufen informiert.

Mehr aus der geleisteten Arbeit herausholen

Gleichzeitig muss es auch darum gehen, mehr aus der geleisteten Arbeit herauszuholen und die Produktivität zu erhöhen, zum Beispiel durch flexible Arbeitsmodelle oder den Einsatz von digitalen Technologien.

Aber auch kontinuierliche Weiterbildungen und Anpassungen an den technologischen Wandel gewinnen an Bedeutung, da die Haltbarkeitszeit des Wissens abgenommen hat.

Durch eine kontinuierliche Weiterbildung kann die Arbeitsproduktivität der Beschäftigten gesteigert werden. So kann nicht zuletzt der Druck, der durch den Fachkräftemangel entsteht, auch dazu beitragen, dass durch eine intelligente Nutzung digitaler Technologien und der Implementierung von gezielter Weiterbildung, die Arbeitsproduktivität gesteigert wird. Dies würde bedeuten, dass bei gleichem Arbeitseinsatz, also mit gleicher Anstrengung, ein größerer wirtschaftlicher Output geleistet werden kann.

So ist Produktivität für alle Seiten ein Gewinn.

Inklusivere Arbeitswelt erforderlich

Insgesamt ist daher eine inklusivere und produktivere Arbeitswelt erforderlich, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Eine offene Gesellschaft und Arbeitswelt sind notwendig, um alle Gruppen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ungenutzte Potenziale zu aktivieren und die Produktivität zu erhöhen.

Dafür müssen weitreichende Veränderungen im Mindset bei Arbeitgebern und Mitarbeitenden passieren. Neben den richtigen Arbeitsbedingungen und dem Einsatz von digitalen Technologien spielt das lebenslange Lernen dabei eine entscheidende Rolle.

Doch der Veränderungsdruck ist so hoch wie noch nie, da die erfolgreiche Entwicklung unserer Volkswirtschaft maßgeblich davon abhängt. Durch den akuten Handlungsdruck kann der Fachkräftemangel somit die Inklusion benachteiligter Gruppen und die Erhöhung der Arbeitsproduktivität beschleunigen. So liegt in jeder Krise auch eine kleine Chance.



Kommentar verfassen