Ganz Deutschland weg vom Gas – ein Ding der Unmöglichkeit?

In der Debatte um einen potentiellen Importstopp russischer Fossilenergie ist der größte Einwand, dass die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland unabschätzbar, aber wohl immens seien.

In einem neuen Policy Paper wollte ein Team von Ökonomen zumindest die Unabschätzbarkeit widerlegen. Sie erläutern dort, wie sie auf einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts von ca. 0.5 bis 3 Prozent kommen.

Eine Zahl fernab der Endzeitszenarien

Eine Zahl, die durchaus signifikant ist, aber fernab jeglicher Endzeitszenarien liegt, wie sie seitens einiger Politiker, Ökonomen und Industrievertreter ausgemalt werden.

Bislang wurde von diesen keine quantitative, transparente Analyse veröffentlicht, deren Zahlen weit außerhalb des im Paper geschätzten Intervalls liegen. Doch scheint sich jenes Ergebnis nicht mit dem Bauchgefühl vieler zu vereinbaren, dass ein urplötzlicher Einspeisungsstopp von Gas in das filigrane Uhrwerk der deutschen Wirtschaft weitaus schlimmere Konsequenzen hervorrufen würde.

Russische Energie als erster, fallender Dominostein?

So sagte jüngst Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, als er in Katar neue Gaslieferungen zu vereinbaren suchte: „[Das] heißt eben, dass in bestimmten Regionen, in bestimmten Branchen, die auf Gas angewiesen sind, […] es kalt wird oder die Arbeitsprozesse komplett zusammenbrechen. Deswegen ist ja die bittere Nachricht: Wir brauchen noch russisches Gas.“

Oder neuerdings, bei Markus Lanz am 31. März 2022: „Jetzt reden wir vor allem von der Grundstoffindustrie. Es heißt, wenn wir die chemischen Produkte nicht mehr herstellen können, haben wir ganz am Anfang der industriellen Kette den Verlust. Alles was danach kommt, alles was danach produziert wird, findet dann nicht mehr statt.“

Befürchtungen wie diese sind stellvertretend für weitverbreitete Aussagen, mit denen Industrievertreter wie Bundesminister ein düsteres Bild eines Importstopps russischer Energie zeichnen.

Gleichwohl illustrieren diese, wie unsere Entscheidungsträger das deutsche Wirtschaftssystem sehen: Als Aneinanderreihung fragiler Produktionsprozesse, wo der Ausfall eines Inputs wie ein erster fallender Domino alle nachfolgenden Steine mit in den Abgrund zieht.

Beispiele aus der Geschichte

In diesem Beitrag möchten wir tiefer auf solche Befürchtungen eingehen, basierend auf einem neuen Nachtrag zum Policy Paper. Dazu nennen wir zunächst Beispiele, wo eng verzahnte Prozesse in Zeiten außerordentlicher Belastung sich überraschend kreativ und schnell anpassen.

Danach brechen wir aus der Fließbandperspektive aus und erläutern, warum wir aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive deutlich optimistischer sein können – selbst wenn einzelne Firmen es nicht sind.

Im letzten Teil deuten wir an, was das für die Politik bedeutet und wie die Gesamtgesellschaft jene Teile schützen kann, die von einem Importstopp zunächst stark betroffen zu sein scheinen.

Wenn wir uns die jüngere Weltgeschichte anschauen, gibt es höchst unterschiedliche Beispiele aus verschiedenen Jahrzehnten, in denen die Verfügbarkeit eines kritischen Inputs plötzlich wegbrach.

Ziel dieser Beispiele ist ausdrücklich nicht, eine exakte Analogie zu einem Importstopp russischer Energie herzustellen (sonst könnten wir direkt eine empirische Schätzung durchführen), sondern das Bauchgefühl von vermeintlich unüberwindbarer Ressourcenknappheit zu hinterfragen.

2010: Exportembargo seltener Erden

Ein direktes Sanktionsbeispiel stammt aus dem Jahr 2010, als China ein inoffizielles Exportembargo von seltenen Erdelementen[1] gegen Japan verhängte. Mit China als Hauptlieferant and Japan als Hauptabnehmer dieser für die Elektronikindustrie kritischen Rohstoffe bestand die Sorge ernsthafter Kettenreaktionen in der japanischen Wirtschaft.

Firmen reagierten aber mit einem Rückgang der Nachfrage. Getrieben durch hohe Preise wurde Material effizienter eingesetzt. Andere Verbraucher hingegen waren gar nicht auf die seltenen Erden angewiesen, sondern hatten sie schlicht wegen der damals niedrigen Kosten benutzt.

So wurden zum Beispiel Seltenerdmagnete in Kopfhörern oder Portemonnaies durch andere Typen ersetzt. Wenngleich die Rohstoffpreise während des Embargos in die Höhe schnellten (oder: gerade WEIL), konnte Japan den Ausfall absorbieren.

2019: Sperrung der Druschba-Pipeline

Aktuell sorgt sich die Politik um technische Schwierigkeiten beim Transport von Öl und Gas, wenn es mit dem aus anderen Bezugsquellen substituiert werden würde. Ein Fallbeispiel hierzu ist die Druschba-Pipeline, welche das russische Öl aus der Tatarstan-Region nach Ostdeutschland und einer Reihe weiterer Länder in Europa transportiert.

Ein Drittel aller deutschen Importe an Rohöl geschieht über Druschba. Insbesondere die Raffinerien in Leuna und Schwedt beziehen im Grunde ihre gesamte Geschäftsgrundlage über diese Pipeline.

2019 wurden plötzlich Verunreinigungen in der Pipeline festgestellt, welche Korrosionsschäden in Raffinerien hervorrufen können. Die Pipeline musste daraufhin für mehrere Wochen gesperrt werden.

Trotz des Ausfalls dieses kritischen Transportmediums musste keine der beiden Raffinerien ihren Betrieb einstellen, da der Öltransport kurzfristig mit Schiffen über Hafenterminals in Rostock und Danzig umgeleitet wurde.

© Richard R. Schünemann – unsplash.com

Zweiter Weltkrieg: Produktion von Kampfflugzeugen

Eine ganze Reihe interessanter Beispiele bietet der Zweite Weltkrieg. Bei Kriegseintritt der USA gab Präsident Roosevelt das mehr als ambitionierte Ziel einer Produktion von 50.000 Kampfflugzeugen pro Jahr vor.

Namhafte Ökonomen und Vertreter der Industrie hielten die Bestellungszahlen der US-Streitkräfte dagegen für völlig unrealistisch. Unter dem Druck der Erwartungen begannen US-Firmen aber, ihre Produktionsweise zu ändern.[2]

So übernahmen sie zum Beispiel die Fließbandproduktion aus der Automobilindustrie, welche sie zuvor als für Flugzeuge unimplementierbar erachteten. Das für alle Beteiligten überraschende Resultat: Allein 1944 produzierten die USA fast 100.000 Kampfflugzeuge.

Zu diesem Zeitpunkt war Nazi-Deutschland schon länger von Öllieferungen der Hauptproduzenten USA und UdSSR abgeschnitten.

Treibstoff war Mangelware, obwohl dessen Verfügbarkeit für die Wehrmacht von kriegsentscheidender Bedeutung war. Daher wurden immer mehr Zivilfahrzeuge mit „Holzvergasern“ ausgestattet: zylindrische Tanks, in denen Holz verbrannt wurde.

Das resultierende „Holzgas“ wurde dann anstatt des knappen Treibstoffs in den Motor geleitet. Diese recht unaufwendige Modifikation von bis zu 500.000 Zivilfahrzeugen erlaubte es, deren Sprithunger für den Frontgebrauch einzusparen – eine signifikante Zahl, angesichts circa 600.000 eingesetzten militärischen Fahrzeugen beim Überfall auf die Sowjetunion.

Zweiter Weltkrieg: Fanta und Nutella

Das Dritte Reich litt nicht nur unter einem Mangel an militärischen Gütern. Die Coca-Cola Company konnte nach Kriegseintritt der USA ihren Sirup nicht mehr importieren, sodass die deutsche Unternehmenstochter stattdessen aus Nebenprodukten der Molkerei und Apfelsaftherstellung das Erfrischungsgetränk „Fanta“ erschuf.

Knapp war in ganz Kontinentaleuropa auch unmittelbar nach dem Krieg die Exotenware Kakao, sodass ein Konditor namens Pietro Ferrero im Piemont eine Creme aus Kakao, Haselnüssen und Zucker auf den Markt brachte. Diese sollte einige Jahre später als „Nutella“ weltweit bekannt werden.

Tatsächlich basierte Ferreros Kreation auf einer langen Tradition seiner Region, der „Gianduja“-Creme. Diese entstand um 1813 unter ähnlichen Umständen, als Napoleon im Zuge der Kontinentalblockade gegen Großbritannien Strafzölle auf britische Einfuhren erhob, darunter auch auf Kakao aus den Kolonien.

Wirtschaft kann auf Knappheiten reagieren

Diese Beispiele zeigen, wie flexibel die Wirtschaft auf Knappheiten reagieren kann.

Wir sehen zudem, dass Substitution sehr breit gefasst werden kann.

Zwar waren Holzgas, Fanta, und Nutella nicht identisch mit den Produkten, welche sie ersetzen sollten. Allerdings schufen sie einen akzeptablen Ersatz.

Würden wir unserem Bauchgefühl der Unersetzbarkeit kritischer Inputs folgen, so wären die Panzer der Wehrmacht viel öfter mit leerem Tank stehen geblieben, und die Bänder der deutschen Coca-Cola Fabrik wären von 1942 an stillgestanden.

Perspektive nicht auf spezifische Produktionsprozesse beschränken

Auch soll nochmals hervorgehoben werden, dass wir unsere Perspektive nicht auf die Ebene von spezifischen Produktionsprozessen beschränken dürfen.

So sei laut Industrie russisches Rohöl in Raffinerien nicht sofort durch z.B. Brent-Öl aus der Nordsee ersetzbar, da Dichte und Schwefelgehalt zu unterschiedlich seien. Die ökonomische Antwort auf einen Importstopp wäre ein Umbau der Anlagen, um diese anderen Ölsorten verarbeiten zu können.[3]

Raffinerieprodukte aus anderen Ländern importieren

Währenddessen können Raffinerieprodukte aus anderen Ländern importiert werden. Und selbst wenn die technische Substitution unmöglich oder unrentabel wäre und die Firma komplett schließen müsste, lägen wir mit unserem Bauchgefühl, darin den Kollaps der gesamten Wertschöpfungskette zu sehen, falsch.

Denn dann würden andere Raffinerien ihren Ausstoß steigern, Kunden petrochemische Zwischenerzeugnisse aus dem Ausland importieren und Zwischenprodukte wie z.B. Plastik mit ölärmeren Alternativen ersetzen. Oder es werden – wie in den historischen Beispielen – andere kreative Lösungen gefunden, die wir uns derzeit schlicht noch nicht vorstellen können.

Die makroökonomische Sicht auf Substitution ist also deutlich breiter als die aus der Fließbandperspektive.

Sollte der gegenwärtige Gasimport nun unterbrochen werden, sei es aufgrund eines deutschen Importembargos oder gar auf Weisung Putins, kommt dem Preismechanismus eine zentrale Rolle zu.

Gerade in dieser dynamischen Lage ist die Flexibilität des marktwirtschaftlichen Systems ein Vorteil, um die effiziente Allokation eines knappen Gutes zu gestalten.

Ein steigender Preis würde zuallererst jene Konsumenten zu einem Konsumrückgang verleiten, die Alternativen leichter zur Hand haben – so wie im Japan-Beispiel. Das Problem, welches wir kollektiv angehen müssen, ist die Gasknappheit.

Ein hoher Gaspreis als optimale Reaktion der Marktwirtschaft

Ein hoher Gaspreis dagegen ist die optimale Reaktion der Marktwirtschaft auf diese Knappheit und schafft die richtigen Anreize zum Einsparen und zur Substitution.

Maßnahmen zu ergreifen, welche diese organischen Anpassungsprozesse untergraben, kann oft nach hinten losgehen. So würde ein Tankrabatt oder eine Senkung von Mineralölsteuern den gewünschten Effekten des Preismechanismus diametral entgegenwirken (wobei russisches Öl sogar deutlich leichter zu ersetzen wäre als Gas).

Möchte die Bundesregierung diese Prozesse beschleunigen oder die Wirtschaft im Hinblick auf einen Lieferstopp seitens Russlands vorbereiten, dann könnte sie sogar über einen vorab kommunizierten Zeitplan für kontinuierlich steigende Besteuerung von Erdgas nachdenken.[4]

Das alles schließt Entlastungen besonders betroffener Haushalte und Firmen natürlich nicht aus: Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Transferzahlungen haben bereits während der Corona-Pandemie gewirkt und eine längere Wirtschaftskrise verhindert.

Entscheidend ist aber, dass die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit der Volkswirtschaft nicht mit der falschen Politik untergraben wird.

Literatur

[1] Link zum Wikipedia-Artikel zu seltenen Erdelementen

[2] Ethan Ilzetzki (2022): „Learning by Necessity: Government Demand, Productivity Constraints, and Productivity Growth

[3] Tatsächlich hat der Betreiber eines der beiden von Russland bespeisten Raffinerien in Ostdeutschland gerade von sich aus angekündigt, ab Ende des Jahres kein russisches Öl mehr zu beziehen: Financial Times Artikel, Sueddeutsche Zeitung

[4] Weitere Vorschläge finden sich zum Beispiel hier.


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Mögliche wirtschaftliche Auswirkungen des Ukrainekriegs auf Deutschland von Dr. Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung

Ehrlicher Umgang mit Konflikten und Zeitkonstanten – die Herausforderungen für die Energieversorgung von Morgen von Prof. Dr. Manfred Fischedick, Wuppertal Institut

Die Energiewende als Chance für inklusives Wachstum in Deutschland von Prof. Dr. Enno Wagner, UAS



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