„Gerade für eine Zeit nach Corona braucht der Mittelstand wieder mehr Handlungsspielräume“

Ein Großteil der deutschen Wirtschaft ist bisher wenig innovativ. Das zeigt auch eine kürzlich von der Bertelsmann Stiftung veröffentliche Studie. Darunter leidet auch die gesamtgesellschaftliche Produktivität, die in Deutschland seit Jahren stagniert. Woran liegt es, dass gerade in KMU zu wenig investiert und innoviert wird? Was könnte die Politik tun, um die Rahmenbedingungen zu verbessern? Diesen Fragen wollen wir im Rahmen unserer Serie „Produktivität aus Unternehmenssicht“ nachgehen. Zu Wort kommen dabei Vertreter:innen von mittelständischen Unternehmen, die sich im Prozess der Automatisierung und Digitalisierung befinden. Im vierten Teil unserer Serie heute: Diana Scholl, Leiterin des Bereichs „politische Netzwerke und Strategien“ beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW).

Ben Schröder: Frau Scholl, der Mittelstand gilt als Rückgrat und Jobmotor der deutschen Wirtschaft. Gleichzeitig sind viele mittelständische Unternehmen bislang wenig innovativ, die Chancen der Digitalisierung werden nur unzureichend genutzt, wie auch eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Was hindert den Mittelstand daran, verstärkt in Innovation und Digitalisierung zu investieren?
Diana Scholl:
Der Wille, die Digitalisierung voranzutreiben, ist bei mittelständischen Unternehmen auf jeden Fall gegeben. Oft scheitert es aber an den Möglichkeiten. Als Stichwort kann man hier den Breitbandausbau nennen. Vor allem im ländlichen Raum mangelt es zum Teil noch an geeigneter Infrastruktur, um Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Es sind die Rahmenbedingungen, die es Unternehmerinnen und Unternehmern erschweren, mehr in Digitalisierung und Innovation zu investieren. Auch das Thema Bürokratie spielt eine Rolle. Denken Sie zum Beispiel an die Datenschutzgrundverordnung, die im Mittelstand zu viel Verunsicherung – auch im Hinblick auf Digitalisierungsthemen – geführt hat.

Ein Ziel des BVMW ist es, die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands in Deutschland zu stärken. Was sind Initiativen Ihrerseits, um dies zu erreichen?
Wir verstehen uns grundsätzlich als die Stimme des Mittelstands. Nur wenige Unternehmen haben die Kapazitäten und Möglichkeiten, ihre Interessen auf politischer Ebene zu vertreten. Ein wichtiges Element unserer Arbeit ist es deshalb, dem Mittelstand Gehör zu verschaffen, Probleme und Anliegen gegenüber Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zu kommunizieren. Es ist richtig, dass der Mittelstand gerne als „Rückgrat“ oder „Jobmotor“ der deutschen Wirtschaft bezeichnet wird. Das sind Bezeichnungen, die sicher schmeichelhaft sind und auch von Politikerinnen und Politikern gerne in Sonntagsreden verwendet werden. Wenn es aber um die konkrete Gestaltung von Politik geht, haben wir oft das Gefühl, dass der Mittelstand vergessen wird. Gerade deshalb ist es für unsere Mitglieder wichtig, dass der BVMW dafür sorgt, dass sie gehört werden.

Wo sehen Sie auf politischer Ebene zurzeit den dringlichsten Handlungsbedarf, damit der Mittelstand auch in Zukunft international wettbewerbsfähig bleibt?
Tatsächlich haben wir unter unseren Mitgliedern erst kürzlich eine Umfrage dazu gemacht. Eins der dringendsten Probleme habe ich eben bereits kurz erwähnt: die Bürokratie. Unsere Mitglieder sehen sich in vielen Bereichen mit bürokratischen Hürden konfrontiert, die nicht sinnvoll sind und die unternehmerische Gestaltungsfreiheit zum Teil stark einschränken. Das verschlingt Zeit und Ressourcen, die schlichtweg an anderer Stelle gebraucht werden. Gerade für eine Zeit nach Corona braucht der Mittelstand wieder mehr Handlungsspielräume, die Freiheit, unternehmerisch zu gestalten. Eine Maßnahme, die hier helfen könnte und für die wir uns seit Jahren engagieren, ist die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Für mittelständische Unternehmen würde dies Mittel freisetzen, die zum Beispiel in Digitalisierungsprojekte investiert werden könnten.

Abgesehen von den politischen Rahmenbedingungen: Was hält mittelständische Unternehmen noch davon ab, stärker in Digitalisierung und Innovation zu investieren?
Bei vielen Unternehmerinnen und Unternehmern herrscht immer noch große Unsicherheit und zum Teil auch Unwissenheit darüber, welche Potenziale die Digitalisierung für das eigene Geschäftsmodell bietet. Aufklärungsarbeit ist deshalb der erste Schritt. Wir begrüßen daher das Engagement des Bundeswirtschaftsministeriums, das in den vergangenen Jahren Förderprogramme wie „Mittelstand digital“ oder „Digitalisierung jetzt“ auf den Weg gebracht hat. Wir als BVMW beteiligen uns mit einem Kompetenzzentrum in Berlin und Brandenburg aktiv an diesen Programmen. Unser Ansatz ist es dabei, Unternehmerinnen und Unternehmern einen niedrigschwelligen Zugang zu Digitalisierungsthemen zu ermöglichen, zum Beispiel durch Erklärvideos und Checklisten. Hinzu kommen Veranstaltungen, die in diesen Zeiten vor allem digital stattfinden,  von unseren Mitgliedern aber sehr gut angenommen werden.

Kommen wir nun zur aktuellen Lage rund um das Coronavirus. Mittlerweile verzeichnet auch Deutschland wieder höhere Infektionszahlen. Wie schätzen Sie die momentan Stimmung im deutschen Mittelstand ein? Ein zweiter Lockdown erscheint auch in Deutschland nicht gänzlich ausgeschlossen …
Für viele Unternehmen wäre ein zweiter Lockdown der Genickbruch. Die Angst davor ist somit groß, das erleben wir in den Gesprächen mit unseren Mitgliedern hautnah. Viele mittelständische Unternehmen in Deutschland haben schon während des ersten Lockdowns an der Existenz gekratzt. Die staatlichen Kredite haben zwar geholfen, müssen irgendwann aber auch zurückgezahlt werden. Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist es deshalb das Wichtigste, jetzt wieder arbeiten und Geld verdienen zu können. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, Wirtschaft und Gesundheit gegeneinander auszuspielen. Unserer Meinung nach muss aber beides zusammen gedacht werden. Wir als BVMW plädieren deshalb immer wieder an unsere Mitglieder, die notwendigen Maßnahmen – zum Beispiel im Hinblick auf den Mindestabstand – im unternehmerischen Alltag unbedingt umzusetzen. Auch auf unseren eigenen Veranstaltungen achten wir darauf sehr genau. So kann jede und jeder einen Beitrag dazu leisten, einen zweiten Lockdown zu verhindern.

Der BVMW berichtet auf seiner Homepage auch von mittelständischen Unternehmen, die die Corona-Krise für positive Veränderungen und Innovationen genutzt haben. Was geben Sie Ihren Mitgliedsunternehmen an die Hand, um die Krise zu überstehen oder sogar eine Chance in dieser zu sehen?
Gerade in diesen Zeiten suchen wir sehr intensiv das Gespräch zu unseren Mitgliedern. Dafür hat der BVMW rund 300 Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland, die mittelständische Unternehmen direkt in ihrer Region betreuen. Wir kriegen deshalb vor Ort mit, wo es Probleme gibt, aber auch, was gut läuft. Viele Mittelständler sind sehr innovativ, dass muss auch mal gesagt werden. Wenn man sich anschaut, wie schnell und flexibel viele Unternehmen während des ersten Lockdowns agiert haben, ist das schon beeindruckend. Ohne eine gewisse Innovations- und Veränderungsbereitschaft wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Trotzdem muss man natürlich auch sagen: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Wir versuchen unseren Mitgliedern durch Positivbeispiele deshalb zu zeigen, dass die Krise auch eine Chance sein kann, zum Beispiel um das eigene Geschäftsmodell und die Prozesse im Unternehmen zu überprüfen.

Abseits vom Coronavirus: Was sind Ihrer Einschätzung nach die größten Herausforderungen, mit denen sich mittelständische Unternehmen in Deutschland in den kommenden Jahren konfrontiert werden sehen?
Da lassen sich drei Punkte nennen. Erstens: Fachkräftemangel. Wir sehen, dass die Ausbildungszahlen sinken – und das, obwohl die Unternehmen durchaus auf der Suche nach Nachwuchs sind. Zweitens: Unternehmesnachfolge. Es ist nicht so, dass in jedem Familienunternehmen eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger bereit steht. Viele Unternehmen haben deshalb Probleme, die Nachfolge zu organisieren. Die ersten beiden Aspekte hängen auch mit dem dritten Punkt zusammen: Das Unternehmertum ist in Deutschland sehr negativ konnotiert. Gerade in der derzeitigen Krise sieht man, was es heißt, ein Unternehmen zu führen, Verantwortung für andere Menschen und die eigene Existenz zu übernehmen. Viele Menschen haben davor Angst, sodass der Pool an Menschen, die unternehmerisch tätig sein wollen, kleiner wird. Dazu gehört auch, dass sich Unternehmertum wieder lohnen muss. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer berichten uns: Was wir investieren und am Ende dafür rausbekommen, steht in keinem Verhältnis. Das liegt auch an den eben angesprochenen politischen Hemmnissen. Wir müssen wieder dahin kommen, dass sich Unternehmertum lohnt und gesamtgesellschaftlich positiv bewertet wird.

Weitere Blog-Beiträge, die bisher im Rahmen unserer Unternehmensserie erschienen sind:

Roland Bent (Phoenix Contact): „Aus dem Labor heraus kann man nur begrenzt innovativ sein“

Christoph Geyer (Saertex): „In vielen Branchen konkurriert man heute nicht mehr mit Produkten, sondern mit Technologien“

Martin Lundborg (Mittelstand-Digital): „Die Digitalisierung bietet gerade für den Mittelstand Potenziale“



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