Innovation for Transformation: Eine Zukunftsagenda für mehr Innovationskraft

Die Nachhaltigkeitswende wird nur durch gezielte Innovationen gelingen. Die Voraussetzungen hierfür sind in Deutschland gut. Dennoch bedarf es einer strategischen, kulturellen und institutionellen Neuausrichtung der Innovationspolitik, um Innovationen in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Darum soll es im fünften und letzten Beitrag der Serie „Innovation for Transformation“ der Bertelsmann Stiftung und des Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI gehen. 

Ob zur Bewältigung des Klimawandels oder der Corona-Pandemie, zur Entwicklung ganzheitlicher Mobilitätskonzepte oder zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung – selten wurde so beherzt und intensiv über die Notwendigkeit zum Innovieren diskutiert wie derzeit.

Auffällig ist dabei, dass „Innovation“ nicht mehr als eher technische Angelegenheit gilt, sondern zunehmend als einer der wichtigsten Hebel einer nachhaltigen und zukunftsträchtigen Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung.

Hiermit geht auch ein neues Verständnis von Innovationspolitik einher: Waren technologischer Fortschritt und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit über lange Zeit die allem übergeordneten Ziele, so soll und muss Innovation heute auch und besonders zur wirksamen Lösung gesellschaftlicher Probleme, etwa mittels sogenannter Missionen, beitragen.

Gerade die Erschütterungen durch die Corona-Pandemie haben dieses Erfordernis eindrücklich vor Augen geführt.

Welcher Weg führt zum Ziel?

Positiv festzuhalten ist, dass immer mehr Menschen, Organisationen, Unternehmen und Parteien hierzulande und weltweit die Notwendigkeit zum Handeln erkennen. Ebenfalls herrscht vielerorts Zustimmung dazu, dass althergebrachte Methoden, Politiken und Instrumente nicht ausreichen werden, um den großen Problemen Herr zu werden.

Im Gegenteil: Oft sind es gerade überkommene Strukturen und eine zu starke Marktgläubigkeit, die uns in die derzeitige Situation gebracht haben. Heiß debattiert wird jedoch die Frage, wo nun ansetzen ist: Braucht es Anreize oder Regulierungen? Mehr oder weniger Staat? Setzt man auf Aushandlung und Partizipation oder auf starkes Leadership?

Auch die innovationspolitischen Akteure sind aufgerufen, auf diese Fragen Antworten zu finden – und die Forschungs- und Innovationssysteme dahingehend zu befähigen, die Herausforderungen unserer Zeit effektiv angehen zu können. Wiederum positiv zu konstatieren ist, dass die Innovationspolitik in Deutschland und Europa noch nie über so gute Voraussetzungen verfügte wie heute.

Doch klar ist auch: die Zeit drängt, und das sich durch die Bundestagswahl und Zukunftsdebatten aktuell öffnende Gelegenheitsfenster sollte zügig zur strategischen, kulturellen und institutionellen Neuausrichtung der hiesigen Innovationspolitik genutzt werden.

Gelingt diese Neuausrichtung, dann kann Innovation wirklich zum Schlüssel einer grundlegenden Systemtransformation werden.

Worauf kommt es dabei an? Und an wem könnte man sich orientieren? Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat die Bertelsmann Stiftung eine Zukunftsagenda für mehr Innovationskraft formuliert.

Ausgangspunkt hierfür war eine weltweite Good-Practice-Recherche nach vorbildhaften Ansätzen der Innovationsförderung. Das Ergebnis: Wir brauchen wertebasierte Ziele und moderne Kollaborations-, Förderungs- und Entwicklungsinstrumente, um gesellschaftliche Problemlösung und Wettbewerbsfähigkeit zusammenzuführen (s. Abbildung).

Quelle: Bertelsmann Stiftung

Die Agenda-Punkte im Einzelnen:

1. Attraktive Visionen und ambitionierte missionsorientierte Strategien formulieren

Innovationen sollten als Motor sowohl gesellschaftlicher Problemlösung als auch ökonomischer Leistungsfähigkeit verstanden und entsprechend auf strategischer Ebene verankert werden. Es braucht ambitionierte und wertebasierte Visionen, aus denen sich konkrete politische Missionen ableiten lassen.

Dabei ist wichtig, dass diese Visionen für die Gesellschaft attraktiv und für die Ministerien verbindlich sind. Beispielsweise könnte sich Deutschland als globaler Vorreiter bei „grünem Wachstum“ positionieren. Wie man Innovationspolitik an gesellschaftlichen Zielen ausrichten kann, zeigen die Beispiele Schwedens und Kanadas.

2. Eine wirksame Umsetzung der Transformationsziele sicherstellen und die Innovationspolitik stärker inklusiv und partizipativ gestalten

Der Querschnittscharakter von Innovation erfordert die Überwindung politischer Silos und die aufrichtige Einbindung der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen und Stakeholder. Transformationspfade lassen sich nur dann erfolgreich beschreiten, wenn Ownership übernommen wird und die politischen Richtungsentscheidungen auf Akzeptanz stoßen.

Um dies zu gewährleisten, sollte man institutionelle Anpassungen erwägen: Zum Ersten die Einrichtung einer Stabstelle im Bundeskanzleramt unter Führung des Bundeskanzlers, die mehrmals pro Jahr Repräsentant:innen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Forschungs- und Bildungseinrichtungen im Sinne einer Beratungsarena zusammenführt. Vorbildhaft wäre der schwedische Innovationsrat.

Zum Zweiten könnte die Etablierung eines mit hoher Autonomie ausgestatteten, sektorenübergreifend agierenden „Change Agents“ bei der Umsetzung missionsorientierter Politiken helfen. Beispielhaft wären Innovationsagenturen wie Vinnova in Schweden (mehr zu diesen Beispielen).

3. Vorhandene Stärken als Transformationstreiber nutzen, Sprunginnovationen fördern und Pfadabhängigkeiten aufbrechen

Deutschlands traditionell erfolgreiche Wirtschaftssektoren sollten in die Umsetzung der missionsorientierten Politiken intensiv einbezogen werden, denn ihre Expertise und Stärken sind wichtige Treiber des Wandels. Beispielsweise würde die Erschließung neuer Exportmärkte für nachhaltige technologische Lösungen wirtschaftliche wie gesellschaftliche Vorteile mit sich bringen. Daneben braucht es mehr Offenheit für neue Wege.

Sprunginnovationen könnten dabei helfen, große gesellschaftliche Herausforderungen rasch zu bewältigen. Grundlage dafür ist (über die Arbeit von SPRIN-D hinaus) eine konsequente, lösungs- und technologieoffene Förderung innovativer Ansätze mit transformativem Potenzial. Und das über längere Zeiträume hinweg und mit hoher Risikoaffinität. Vorbildhafte Strukturen sind u.a. in den USA, in Japan und Israel zu finden.

4. Starres Denken in der Innovationsförderung überwinden, Unternehmertum stärken und Start-ups als Trendsetter der Transformation verstehen

Die deutsche Forschungslandschaft produziert viele herausragende Ideen und Resultate, von denen jedoch zu wenige in die Anwendung kommen. Das trifft besonders auf jene Ansätze zu, die zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen könnten. Hier bedarf es flexiblerer Formen der Wissensverwertung im akademischen Umfeld, wie beispielsweise ein „Gründen ohne Gründer:in“.

Auch sollten innovative Gründungen und Start-ups mit potenziell gesellschaftlich transformativen Geschäftsideen stärker unterstützt werden, insbesondere durch Beseitigung von Barrieren (auf individueller oder systemischer Ebene) in der Initialphase und durch leichten Zugang zu risikotragendem Kapital. Ansatzpunkte einer besseren Forschungsverwertung, einer flexibleren Gründungsförderung sowie der zielgerichteten Unterstützung gründungswilliger Forscher:innen finden sich in vielen Industriestaaten.

5. Kollaboration, Vernetzung und Austauschprozesse als Beschleuniger des gesellschaftlichen Wandels ausbauen

Innovation entsteht durch Austausch und Dialog über Grenzen aller Arten hinweg. Die vielen in Deutschland bestehenden Vernetzungsinfrastrukturen könnten (z.B. im Rahmen von „Industry-on-Campus“-Konzepten, Reallaboren oder „Co-Creation“-Projekten) gezielt an gesellschaftlichen Herausforderungen oder den SDGs ausgerichtet werden. Wichtig wäre dabei der aktive Einbezug des Öffentlichen Sektors sowie der Zivilgesellschaft.

Ebenfalls zu erwägen wäre der Aufbau nationaler und internationaler Matching-Instrumente, um Nachfrager:innen mit Innovator:innen effektiv und räumlich ungebunden zusammenzubringen. Vorbildhaft sind die schwedischen Science Parks, Matching-Lösungen wie Israels Start-Up Nation Central oder kooperative Infrastrukturen wie das australische Cooperative Research Centres Program (hierzu ausführlich dieser Beitrag).

Vorhandene Potenziale ambitioniert und mutig erschließen

Zweifellos blicken wir in Deutschland und Europa auf lange Traditionen des Erfindens und Innovierens zurück, und auch heutzutage entwickeln unsere Forschungseinrichtungen und Unternehmen herausragende Ideen. Diese Erfolge gilt es zu würdigen.

Dennoch stellt sich angesichts der enormen Herausforderungen und vor dem Hintergrund des technologischen Wandels die Frage, ob die derzeitigen Bemühungen ausreichen, um in Zukunft selbstbestimmt und nachhaltig leben zu können.

Der Blick ins Ausland zeigt: Andere Länder machen sicherlich nicht alles besser, dennoch kann man sich vielerorts etwas abschauen, das dabei helfen kann, die eigenen Potenziale zu erschließen.

Um schließlich ambitionierter, gezielter und risikofreudiger zu innovieren.


Diesem Beitrag liegt die gemeinsam von der Bertelsmann Stiftung und dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI verfasste Publikation „Zukunftsagenda: Innovation Transformation“ zugrunde. Sie beschließt die Studienreihe „Innovation for Transformation“. Darin stellen wir Strategien, Politiken und Instrumente vor, die geeignet sind, die Innovationskraft in Deutschland und Europa zu fördern. Zum einen, um technologisch – und damit wirtschaftlich – wettbewerbsfähig zu bleiben. Und zum anderen, um durch Innovation die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Hierfür wurden Good-Practice-Beispiele aus 13 Ländern analysiert.

 

Vgl. hierzu auch den Policy Brief „Missionsorientierte Innovationspolitik. Von der Ambition zur erfolgreichen Umsetzung“ des Fraunhofer ISI.



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