Innovationen als Gesellschaftskitt? – Das Beispiel Israel

Israels Gesellschaft ist durchzogen von tiefen politischen, ethnischen und religiösen Gräben, die mit ihrer Geschichte als Einwanderungsland verknüpft sind. In der Vergangenheit hat Israel stark von der Pluralität seiner Gesellschaft profitiert, so beispielsweise vom massenhaften Zuzug gut gebildeter Einwander:innen aus der Sowjetunion. Mittlerweile allerdings sind große Bevölkerungsgruppen wirtschaftlich abgehängt, was die Gräben in der Gesellschaft vertieft und die Pluralität zu einer Bürde werden lässt. Die Politik scheint in dieser Gemengelage aktuell Teil des Problems und nicht der Lösung zu sein. Hat aber stattdessen Israels weltweit gerühmter Technologiesektor mit seiner enormen Innovationskraft das Potential, die gesellschaftlichen Gräben zu überbrücken?

Innovationen made in Israel

Israel wurde in den Jahren nach dem Yom Kippur Krieg 1973 von einer schweren Wirtschaftskrise heimgesucht. Die folgenden Jahre sind als „verlorenes Jahrzehnt“ in die Geschichte des Landes eingegangen. Der Aufschwung kam erst Anfang der 1990er-Jahre, als der vor allem exportbasierte Technologiesektor die israelische Wirtschaft wieder zurück auf die Spur brachte. Dass dies gelang, war kein Zufall: Vorausschauend und klug erkannten die Israelis bereits in den 1960er-Jahren, dass es für ein kleines Land ohne nennenswerte Bodenschätze und umringt von feindlich gesonnenen Nachbarstaaten nur eine erfolgsversprechende Strategie geben konnte – Forschung und Entwicklung (R&D). Der Staat trieb diese Strategie maßgeblich voran. So wurden bereits 1969 das Office of the Chief Scientist eingerichtet und frühzeitig Inkubator Programme geschaffen. Dank dieser Einrichtungen war es möglich, das Potential der Migrantenströme, die zum Beispiel mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel kamen, voll zu entfalten.

Die Resultate sind beeindruckend. Heute ist die Innovationsleistung pro Kopf ist in fast keinem Land so hoch wie in Israel. Auf je 1400 Einwohner:innen des Landes kommt ungefähr ein Startup – das ist ein absoluter Spitzenwert. Seit seiner Gründung 1948 hat sich Israel vom Agrarstaat zum Hightechstandort gemausert und ist in den Augen vieler damit Paradebeispiel für gelungene Standort- und Innovationspolitik. Erst jüngst hat eine Studie zur Menge an sogenannten Weltklassepatenten pro Land den Erfolg dieser Politik eindrucksvoll unterstrichen: Israel kann, trotz seiner geringen Größe, Industrienationen weltweit das Wasser reichen in Sachen Autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz, Virtual Reality und zahlreichen anderen zukunftsrelevanten Bereichen. Die Gründe dafür sind vielfältig und wurden vielfach dargelegt.

Inklusives Wachstum ist Fehlanzeige

Bedauerlicherweise hat Israel es versäumt, das außerordentliche Wachstum seiner Innovationsbranchen, allen voran der High-Tech-Industrie, inklusiv zu gestalten. Große Bevölkerungsteile haben keinen Anteil am weltweit gepriesenen Erfolg der Startup-Nation. Am stärksten betrifft das ausgerechnet zwei der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen Israels: arabische Israelis sowie ultraorthodoxe Jüdinnen und Juden. Obwohl die arabischen Israelis rund 20 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung ausmachen, werden gerade einmal knapp 1 Prozent der aktuellen Startups von ihnen gegründet. 2018 hat der Anteil arabischer Israelis in der Tech-Branche erstmals die 2-Prozent-Marke überschritten – der Weg zur gleichberechtigten Teilhabe ist also noch weit. Auch die Gruppe der Ultraorthodoxen ist unterdurchschnittlich repräsentiert in Israels Wachstumsbranchen – allerdings auch, weil sich viele von ihnen gezielt vom weltlichen Leben und dem Staat abschotten. Mit 12 Prozent stellen sie einen weiteren beträchtlichen Anteil der israelischen Bevölkerung dar, und das mit immer weiter steigender Tendenz. Die israelische Innovationsbehörde hat diese Entwicklung erkannt und versucht gezielt Anreize zu setzen, Vertreter:innen dieser Gruppe zu Gründer:innen zu machen oder deren Onboarding in die Tech-Industrie zu erleichtern.

Allerdings sind nach wie vor nur circa 3 Prozent der Arbeitnehmer:innen in dieser Industrie ultraorthodox; gleichzeitig verdienen sie weniger als die Hälfe ihrer säkularen Kolleg:innen in der gleichen Branche. Neben diesen beiden großen marginalisierten Bevölkerungsgruppen hat auch die im Süden des Landes lebende kleine Gruppe der Beduin:innen einen geringeren Anteil am Innovationsboom. Erst im Juni dieses Jahres titelten die Zeitungen, dass neun weiteren, vornehmlich von Beduinen bewohnten Regionalverwaltungen, kabelloser Internetzugang (!) zur Verfügung gestellt werden solle. Dass dies in der Startup-Nation Israel eine Schlagzeile wert ist, spricht Bänder über den aktuellen Stand ihrer Integration.

Politik ist Hemmschuh anstatt Problemlöser

Es wäre also an der Politik, dafür zu sorgen, dass arabische Israelis, ultraorthodoxe Jüdinnen und Juden sowie Beduin:innen Anteil an Israels Wachstumsbranchen haben. Zwar führt die vergleichsweise geringe Sperrklausel von 3,25 Prozent des israelischen Parlament, der Knesset, dazu, dass alle drei angesprochenen Gruppen politisch repräsentiert werden (Beduin:innen als Untergruppe arabischer Abgeordneter) und theoretisch Fürsprecher für ihre Anliegen haben. Jedoch folgt aus der geringen Hürde auch, dass regelmäßig Kleinstgruppen im Parlament vertreten sind, wodurch Koalitionsbildungen und stabile Regierungsverhältnisse notorisch schwierig sind. Entsprechend stolpert Israel von einer politischen Krise in die nächste und hat seit April 2019 bereits drei neue Parlamente gewählt.

Die Auswirkungen dieser politischen Achterbahnfahrt auf die Innovationsbranche sind verheerend, das zeigt auch der jüngste Bericht der israelischen Innovationsbehörde. Trotz kontinuierlichen Wachstums des Innovationssektors identifiziert der Bericht politische Instabilität mittlerweile als den größten Störfaktor der Branche überhaupt. Wiederholte Wahlen haben zu Verzögerungen von Haushaltbeschlüssen geführt, die wiederum unmittelbare Auswirkungen auf die Budgets der Innovationsbehörden haben. Wichtige gesetzgeberische Anpassungen im Innovationssektor blieben aus, weil die Regierung für mehrere Monate arbeitsunfähig war. Nicht zuletzt zeigt auch ein unkluger Umgang mit der Coronakrise, dass auch Israels Wirtschaft, mag sie noch so innovationsaffin sein, anfällig ist für politisches Missmanagement.

Die politische Großwetterlage in Form des nach wie vor instabilen Verhältnisses Israels zu seinen arabischen Nachbarn wirkt zusätzlich verunsichernd. Wie Expertengespräche im Rahmen eigener Studien gezeigt haben, wägen Unternehmer:innen mitunter ab, ob sich ein Markteintritt in Israel mit Hinblick auf Sicherheitslage und schwierige Nachbarschaftsverhältnisse lohnt, wenn sich damit zeitgleich eine Vielzahl an Türen in die arabische Welt hinein verschließen. Obgleich sich hier gerade ein politischer Wandel abzuzeichnen scheint, wie die Normalisierungsvorgänge mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigen, ist Israel noch weit davon entfernt, krisensichere Verhältnisse zu seinen Nachbarstaaten zu unterhalten.

© Ri Butov – pixabay.com

Inklusives Wachstum als gesellschaftlicher Kitt?

Im weltweit gerühmten israelischen Innovationssektor spiegelt sich die Ungleichheit der israelischen Gesellschaft exemplarisch wider. Dabei könnte die Branche Teil der Lösung des Problems sein. Denn der gesellschaftliche Zusammenhalt in Israel wird künftig maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich angesprochene Randgruppen an den israelischen Wachstumsmärkten werden teilhaben können. Wird die Gesellschaft inklusiver gestaltet, wird das Rückwirkungen auch auf die politischen Grabenkämpfe haben, die dem Land in diesen Tagen so großen Schaden zufügen.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür sind denkbar gut, denn die Startup-Nation wandelt sich immer mehr zur Scale-Up-Nation. Gründer:innen ist immer weniger am schnellen und hochpreisigen Verkauf des wenige Jahre alten Startups ins Ausland gelegen, sondern am Aufbau und erfolgreichen Verwalten eigener Betriebe; das hat positive Rückwirkungen auf die heimische Wirtschaft. Und: Der Tech-Branche gehen längst die Fachkräfte aus, dafür hat der Zuzug zahlreicher multinationaler Großkonzerne und ihre exorbitanten Gehälter gesorgt.

Damit die Wachstumsbranchen auf diesem Wege aber positiven Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt Israels haben können, ist es entscheidend, arabischen Israelis, ultraorthodoxen Jüdinnen und Juden und anderen Randgruppen strukturiert, das heißt schon über gleiche Ausbildungs- und Karrierechancen, den Weg in diese Wachstumsbranchen zu ebnen. Dann würde der Fachkräftemangel beseitigt, die wirtschaftlichen Nachteile in diesen Gruppen Schritt für Schritt abgebaut und deren gesamtgesellschaftliche Integration voranschreiten. Schließlich könnten damit auch auf politischer Ebene Grabenkämpfe zwischen Kleinstgruppen minimiert werden. Wäre das nicht wahrhaftig innovativ?



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