Muss die Wirtschaft schrumpfen, um das Klima zu retten?

Die Welt wird immer wärmer. Seit dem 19. Jahrhundert ist die globale Durchschnittstemperatur um 1,3 Grad gestiegen. Das hat jetzt schon katastrophale Folgen: Feuersbrünste, Hitzewellen, Hurrikanes und mehr sind auf Rekordniveau.

Und der jüngste Bericht des Weltklimarats IPCC schlägt weiter Alarm: das Ziel vieler Regierungen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnte schon jetzt nicht mehr erreichbar sein.

Schrumpfen statt wachsen?

Was kann man also tun, um den Klimawandel schnell und effektiv zu stoppen? Die Postwachstums-Bewegung (im Englischen Degrowth-Bewegung) hat eine einfache Idee: Die Weltwirtschaft darf nicht mehr wachsen, sie muss schrumpfen.

Wie Abbildung 1 zeigt, steigen die weltweiten CO2-Emissionen mit dem Wachstum der weltweiten Produktion (gemessen als BIP pro Kopf). Produktion braucht Energie und Energie wird weiterhin vor allem durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe gewonnen.

Sieht man sich die Abbildung an, scheint die Schlussfolgerung offensichtlich: Sollen die Emissionen schnell sinken, muss die Weltwirtschaft schrumpfen.

Abbildung 1: Weltweites BIP pro Kopf und CO2-Emissionen (1960=100)

Quelle: Our World in Data

Die blinden Flecken der Postwachstumsbewegung

Die Logik ist einfach und scheint bestechend. Aber sie hat viele Haken. Wenn die Wirtschaft schrumpft, hat das enorme negative soziale Folgen. Und die Ideen der Postwachstumsanhänger, wie man diese Folgen umgehen soll, sind sehr realitätsfern.

Wozu eine schrumpfende Wirtschaft führt, zeigt gerade die Rezession infolge der Corona-Krise: sinkt das BIP, wird weniger verkauft und Unternehmen stehen vor der Pleite; weniger Menschen werden für die Produktion gebraucht und die Arbeitslosigkeit steigt.

Und weil Pleiteunternehmen und Arbeitslose keine Steuern zahlen, brechen die staatlichen Einnahmen weg. Dann steigen entweder die öffentlichen Schulden oder staatliche Leistungen müssen gekürzt werden.

Besonders krass ist es in Entwicklungsländern: Weil es dort so gut wie keinen Sozialstaat gibt, ist durch die Corona-Krise die weltweite Armut nach Jahren des Rückgangs wieder gestiegen.

So ein Szenario wollen die Postwachstumsanhänger natürlich nicht. Deswegen antworten sie darauf, dass Postwachstum etwas ganz anderes sei als eine Rezession.

Vertreter der Post-Wachstumswirtschaft wollen die Wirtschaftsschrumpfung sozial nachhaltig gestalten. Dabei blenden sie aber viele praktische und politische Probleme schlicht aus (Ich beziehe mich im Folgenden auf Ideen des Anthopologen Jason Hickel und der Ökonomen Girogos Kallis und Nico Paech).

Verteilungskämpfe würden sich verschärfen

Wenn die Wirtschaft wächst, kann im Prinzip mehr an alle verteilt werden, weil die Einkommen höher sind. Das entspannt die Verteilungskämpfe, die es auch bei steigender Wirtschaftsleistung in jeder Gesellschaft gibt.

Schrumpft die Wirtschaft aber, sinken die Einkommen und die Verteilungskämpfe verstärken sich ungemein. Darauf antworten viele Postwachstumanhänger, dass man einfach die Steuern besonders für die Reichen stark erhöhen müsse. Damit könne man den Armen helfen und bei schrumpfender Wirtschaft sogar die Ungleichheit verringern.

Diese höheren Steuern sollen nicht nur dabei helfen, die Armut trotz Wirtschafts- und Einkommensrückgängen im Zaum zu halten, sondern auch „sozial nützliche“ Industrien auszubauen, wie erneuerbare Energien oder öffentlichen Dienstleistungen.

Gleichzeitig sollen besonders „zerstörerische und sozial unnütze“ Industrien stark schrumpfen. Dazu gehören laut Hickel die Produktion fossiler Energieträger, SUVs, Werbung, zu große Häuser, Waffen, Fleisch oder Privatjets.

Die Postwachstumsvertreter lassen aber meist offen, wie ein stark wachsender öffentliche Sektor bei allgemeiner Schrumpfung und damit verbundenen Steuerausfällen finanziert werden soll – denn die Reichen bleiben ja nicht reich, wenn ihre Einkommen schrumpfen.

Der (aus meiner Sicht) begrüßenswerte Ausbau öffentlicher Dienstleistungen und die dafür notwendigen Steuererhöhungen sind schon bei Wachstum politisch nur sehr schwer durchsetzbar.

Wie man das alles bei schrumpfender Wirtschaft und geringeren Einkommen durchsetzen will, darüber schweigen sich viele Postwachstumsanhänger aus oder hoffen einfach, dass sich schon niemand beschweren wird.

Arbeitszeit verkürzen und verteilen?

Hickel und Co. sehen auch, dass eine schrumpfende Wirtschaft zu Arbeitslosigkeit führen kann. Aber auch hier haben sie eine vermeintlich schnelle Lösung bei der Hand: Man müsse die Arbeitszeiten insgesamt reduzieren und dann auf mehr Köpfe verteilen.

Auch hier ist die große Umverteilung wieder die Lösung für alles. Wie das praktisch – etwa im deutschen System der Tarifautonomie – funktionieren soll, darauf findet man wenig Antworten.

Kurz: Was Hickel und viele andere Postwachstumsanhänger wollen, ist schon bei wachsender Wirtschaft mit steigenden Verteilungsspielräumen schwierig. In einer schrumpfenden Wirtschaft mit scharfen Verteilungskämpfen dürfte das unmöglich sein.

Global umverteilen?

Bei der radikalen Umgestaltung der ökonomischen Verhältnisse im nationalen Rahmen bleibt es bei Hickel und Co. allerdings nicht. Da Ressourcenverbrauch und Emissionen weltweit sinken müssen, muss nicht nur innerhalb von Ländern umverteilt werden, sondern auch zwischen Ländern: Laut Hickel soll die Wirtschaft ärmerer Länder weiter wachsen, um dort die Armut zu reduzieren. Dafür müssten die reichen Länder aber umso mehr schrumpfen.

Das würde entweder eine vollkommen realitätsferne Einsicht der einzelnen Staaten voraussetzen oder eine Weltregierung, die tief in die nationalen Wirtschaftssysteme eingreift.

Schon bei den Pariser Klimaverhandlungen von 2015 waren viele Regierungen nicht bereit, substanzielle Pläne zur Emissionssenkung vorzulegen – nicht zuletzt aus Angst um ihr Wirtschaftswachstum. Es ist kaum nachvollziehbar, wie Hickel und Co. diese Regierungen dazu bewegen wollen, für das Klima auf ihr Wachstum zu verzichten.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das immer noch verhältnismäßig arme China, das mittlerweile der weltweit mit Abstand größte Treibhausgasemittent ist, sich vom Westen seine Wachstumsraten vorschreiben lässt?

Und wie wahrscheinlich nehmen BürgerInnen in den Industriestaaten enorme Einkommenseinbußen hin, um Entwicklungsländern mehr Wachstum zu ermöglichen?

Wie viel Lebensqualität bringt das BIP?

Hier kommt dann aber das vermeintliche Killerargument von Hickel und vielen anderen Postwachstumshanhängern. Sie versuchen zu zeigen, dass eine hohe Wirtschaftsleistung und hohe Einkommen gar nichts mit Lebensqualität zu tun hätten und es auch bei viel geringerem Einkommen allen Menschen gut gehen könne.

So verweisen sie – zurecht – darauf, dass Naturkatastrophen wegen der folgenden Wiederaufbauten oder die Waffenproduktion positiv für das Wachstum sind, während viele soziale Dienstleistungen, die etwa in der Familie geleistet werden, gar nicht ins BIP einfließen.

Hickel und Kallis verweisen auch auf das Beispiel von Kuba und den USA: Kuba sei zwar am BIP pro Kopf gemessen ein armes Land (mit entsprechend niedrigen Emissionen), habe aber eine viel bessere medizinische Versorgung bei etwa gleich hoher Lebenserwartung wie die USA.

Aber weder ist das BIP unabhängig von Lebensqualität noch beweist der Vergleich zwischen Kuba und den USA das Gegenteil. Im Durchschnitt ist die Lebensqualität in reichen Ländern mit hohem BIP pro Kopf sehr viel höher als in armen Ländern: Je höher das BIP, desto höher ist

Und je reicher Länder sind, desto geringer sind Säuglings– und Müttersterblichkeit bei der Geburt und desto geringer ist die Arbeitszeit.

Im Gegensatz zur Behauptung vieler Postwachstumsanhänger bringt ein hohes BIP pro Kopf viele soziale und gesundheitliche Errungenschaften. Dabei zeigt der Vergleich von Kuba und den USA die Ausnahme, die die Regel bestätigt (dass Kuba eine Diktatur ist, scheint Kallis und Hickel nicht weiter zu stören.).

Das heißt, es ist zwar richtig, dass höheres Wachstum weltweit bisher zu höheren Emissionen geführt hat.

Dass aber ein Schrumpfen der Weltwirtschaft sozial harmonisch und wohlfahrtssteigernd funktionieren kann, ist schlicht Wunschdenken.

Alternativen zum Postwachstum

Zum Glück gibt es eine realistische Alternative. Das ist die Entkopplung von Treibhausgasemissionen und Wirtschaftswachstum. Ein sozial friedliches Wirtschaftsschrumpfen gab es in der Weltgeschichte bisher nicht, aber die Entkopplung ist in vielen Industrieländern schon seit einigen Jahren im Gange.

So hat Zeke Hausfather vom kalifornischen Breakthrough Institute (BTI) festgestellt, dass die CO2-Emissionen in 32 großen Industrieländern – darunter den USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien – zwischen 2005 und 2019 absolut gefallen ist, während die Wirtschaft dort wuchs (Abbildung 2).

Das liegt nicht daran, dass die emissionsreichen Produktionsprozesse nach China oder in andere Länder verlagert wurden. Auch wenn man die importierten Emissionen mitzählt, hat sich der CO2-Ausstoß in diesen Ländern vom Wachstum entkoppelt.

Dass diese Entwicklung nicht im weltweiten Maßstab zu sehen ist, liegt vor allem daran, dass die Emissionen von China und Indien so stark zugenommen haben. Das hat die Erfolge vieler Industrieländer bei der Emissionsreduzierung überkompensiert.

Dass es zu dieser Entkopplung kam, liegt vor allem an der technischen Entwicklung.

Die hat zu einer starken Preissenkung erneuerbarer Energieträger geführt. So sind die Kosten von Solarenergie und Batteriespeicherung seit 2009 etwa um das Zehnfache gefallen. Der Höhepunkt des weltweiten Kohleverbrauchs scheint 2014 überschritten worden zu sein.

Die Entkopplung hat also in den reichen Ländern schon begonnen – nicht zuletzt, weil sie reich genug sind, um Gelder in Forschung und Investitionen für neue Technologien zu stecken. Richtig ist aber auch, dass die Entkopplung nicht schnell genug und nicht in genug Ländern voran geht, siehe China und Indien.

Abbildung 2: Konsumierte CO2-Emissionen und BIP-Wachstum, prozentuales Wachstum, 2005 – 2018

Quelle: Weltbank und Global Carbon Project

Herausforderungen bleiben enorm

Die Herausforderungen bleiben also enorm. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat in einem Szenario für das weltweite Energiesystem berechnet, wie die Welt ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 netto auf null senken könnte. Bis 2030 geht das noch mit Technologien, die schon jetzt auf dem Markt sind.

Ihr Einsatz muss aber stark ausgebaut werden: So müssten laut IEA bis 2030 jährlich vier Mal so viele Gigawatt an Solar- und Windenergieanlagen zugebaut werden wie im Rekordjahr 2020.

Für die Zeit nach 2030 muss die IEA sogar den breiten Einsatz von Technologien annehmen, die im Moment höchstens als Prototypen vorhanden sind. Auch das braucht Rekordsummen an Forschungs- und Entwicklungsausgaben sowie Investitionen.

Wenn die Staaten das aber leisten, könnten die Emissionen 2050 laut IEA-Studie weltweit netto bei null liegen, die Weltwirtschaft wäre um 40 % gewachsen und der Energieverbrauch um 7 % gefallen.

Das heißt, die Herausforderungen sind enorm, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels noch zu verhindern, sowohl die technischen als auch die ökonomischen und politischen.

Aber auch wenn dieses grüne Wachstum nicht leicht sein wird, so hat es schon jetzt weltweit sehr viel mehr politische und gesellschaftliche Unterstützung als der große Verzicht, wie ihn sich die Postwachstumsanhänger vorstellen.

 



Kommentar verfassen