Produktiver und gesünder durch Arbeitszeitverkürzung bei gleichem Lohn?

Vor einigen Wochen veröffentlichte die WHO/ ILO eine Übersichtsarbeit, aus der die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von zu langer Arbeitszeit deutlich werden (Pega et al., 2021). Aus dieser Studie geht hervor, dass lange Arbeitszeiten eines der größten Risiken für die Gesundheit von Beschäftigten sind. Die WHO empfiehlt daher kürzere Arbeitszeiten.

Auch seitens der Beschäftigten in Deutschland wird der Wunsch nach einer Arbeitszeitverkürzung deutlich. So wünschten sich 60% der Beschäftigten im Jahr 2017 eine geringere Arbeitszeit als vertraglich vereinbart (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Brauner, Wörner & Michel, 2018). Seit einigen Jahren fordern auch deutsche Gewerkschaften, wie beispielsweise die IG Metall, eine Verkürzung der Arbeitszeit, um den steigenden Krankheitszahlen entgegenzuwirken (Böckmann, 2018).

Da eine alleinige Reduktion der Arbeitszeit mit Einkommenseinbußen auf finanzieller Ebene für viele einen großen zusätzlichen Stressfaktor darstellen würde, wäre eine Möglichkeit, die Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohnausgleich zu reduzieren.

Erste Studien weisen darauf hin, dass unter bestimmten Voraussetzungen eine Reduktion der Arbeitszeit sogar mit einer steigenden Produktivität einhergehen kann – was für einen gleichbleibenden Lohnausgleich sprechen würde (Jansen-Preilowski, Paruzel & Maier, 2020).

Arbeitszeit verkürzen und Produktion steigern: ein Widerspruch?

In den vergangenen Jahren haben Unternehmen weltweit aus unterschiedlichen Branchen, wie z.B. Unilever Neuseeland, das Modell der Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibendem Lohnausgleich erprobt. Dabei wurde die Stundenanzahl in unterschiedlichem Ausmaß (zwischen 2,5-25%) reduziert sowie unterschiedlich umgesetzt (Jansen-Preilowski, Paruzel & Maier, 2020).

Auch in Deutschland gibt es bereits erste erfolgreiche Versuche, wie beispielsweise bei der Agentur Rheingans aus Bielefeld. Vor einigen Jahren stellten sie ihre Arbeitszeit auf 25 Stunden, verteilt auf fünf Tage, um und gaben eine gesteigerte Produktivität trotz reduzierter Arbeitszeit an (FAZ, 2019).

In der Agentur wird während der Arbeitszeit auf größere Pausen verzichtet und der (private) Austausch untereinander findet nach der Arbeitszeit bei einem gemeinsamen Mittagessen statt. So kommt es zu weniger Ablenkungen und einer effizienteren Arbeitsweise.

Theoretisch lässt sich die gesteigerte Produktivität mit dem Parkinson’schen Gesetz (1957) erklären. Dabei wird davon ausgegangen, dass Aufgaben an die verfügbare Arbeitszeit angepasst werden.

Somit wird die Ausführung von Tätigkeiten auf die vorgegebene Zeit entweder ausgedehnt oder verkürzt.

Hat man weniger Zeit für eine Aufgabe zur Verfügung, wird die Ausführung häufig effizienter gestaltet und Prozesse meist optimiert.

Das Modell der Arbeitszeitverkürzung lässt sich nicht nur im Verwaltungsbereich umsetzen. Einzelne Krankenhäuser in Schweden haben ihre Arbeitsstunden bei gleichbleibendem Lohn ebenfalls herabgesetzt, um die dauerhafte Überlastung der Mitarbeitenden zu reduzieren und die Arbeitgeberattraktivität zu steigern (Gyllensten et al., 2017).

Zusätzlich zu den verringerten Pausen wurde in den Krankenhäusern auch das Schichtsystem verändert. So wurde es von zwei auf drei Schichten angepasst, wodurch weder zusätzliches Personal eingestellt werden musste noch zusätzliche Kosten entstanden. 

© Veri Ivanova – unsplash.com

Höheres Stressempfinden durch Arbeitsverdichtung?

Erste Studien zeigen, dass sich eine Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibendem Lohn positiv auf die Gesundheit und auf das Wohlbefinden auswirkt (Jansen-Preilowski, Paruzel & Maier, 2020). In den meisten Versuchen führte dies nicht nur zu einer höheren Produktivität, sondern durch eine längere Erholungszeit gleichzeitig auch zu einem geringeren Stress- und besserem Wohlbefinden.

Dem Effort-Recovery Modell zufolge (Meijman und Mulder, 1998) wird nach einer gewissen Beanspruchung ausreichende Erholungszeit benötigt, um dauerhaft gesund zu bleiben, was sich durch eine Arbeitszeitverkürzung besser umsetzen lässt.

Auch in Island wurde die Arbeitszeitverkürzung in einer groß angelegten Langzeitstudie mit großem Erfolg getestet (Haraldsson & Kellam, 2021). In dem Experiment, bei dem die Arbeitszeit auf 35-36 Stunden, verteilt auf vier Tage pro Woche verkürzt wurde, nahmen in den Jahren 2015-2019 über 2.500 Beschäftigte aus unterschiedlichen Berufen teil.

Dabei gab es keine Einbußen in der Gesamtvergütung.

Die Ergebnisse zeigten auch hier, dass die Produktivität und auch das Wohlbefinden stiegen.

Auch in anderen Ländern, wie z.B. Großbritannien wird eine verkürzte Arbeitszeit nun verstärkt diskutiert. 

Mögliche Nachteile und Risiken

Bei einer Arbeitszeitverkürzung kann es auch zu möglichen negativen Folgen kommen. So kann es zum Beispiel bei einer unsystematischen Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung zum gegenteiligen Effekt kommen: Ist die Arbeit nicht in der vorhandenen Zeit zu bewältigen, kann es zu einer Verdichtung von Arbeit und somit zu einem höheren Stressempfinden und sogar Überforderung kommen (De Spiegelaere und Piasna, 2017).

Zudem könnte es zu einem verringerten sozialen Austausch kommen. Dies könnte sich zum einen negativ auf wichtige Kommunikationsprozesse auswirken. Und zum anderen könnte das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit eingeschränkt werden (Deci und Ryan, 2008). Eine Verschlechterung der Teamarbeit sowie eine Steigerung von Konflikten untereinander wären somit als mögliche Resultate zu betrachten.

Fazit

Das Modell der Arbeitszeitverkürzung liefert den gewünschten Effekt, wenn die Umsetzung systematisch vorbereitet wird (Jansen-Preilowski, Paruzel & Maier, 2020). Das bedeutet, dass Arbeitsprozesse vor der Umsetzung optimiert werden müssen, sodass das Arbeitspensum in der vorgegebenen Zeit auch zu bewältigen ist.

Digitalisierte Prozesse sowie effizientere Kommunikationswege können dabei unterstützend wirken.

Dieses Modell stellt eine wichtige Möglichkeit dar, um die Gesundheit von Beschäftigten nachhaltig zu fördern und gleichzeitig keine Einbußen in der Produktivität hinzunehmen.

Literatur

Brauner, C., Wöhrmann, A. M. & Michel, A. (2018). BAuA-Arbeitszeitbefragung: Arbeitszeitwünsche von Beschäftigten in Deutschland. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Böckmann, C. (2018). IG Metall setzt Arbeitszeitverkürzung durch. vdi Nachrichten.  (Erstellt: 27. Juni 2018). Zugegriffen: 9. Aug. 2021.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2008). Self-determination theory: a macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian Psychology/Psychology randomized, 49(3), 182–185.

De Spiegelaere, S., & Piasna, A. (2017). The why and the how of working time reduction. Brüssel: European Trade Union Institute.Return to ref 2017 in article

Frankfurter Allgemeine Zeitung (Hrsg.). (2019). Lieber mehr Freizeit als mehr Geld. Erstellt: 17. Okt. 2019). Zugegriffen: 9. Aug. 2021.

Gyllensten, K., Andersson, G., & Muller, H. (2017). Experiences of reduced work hours for nurses and assistant nurses at a surgical department: a qualitative study. BMC Nursing, 16(1), 16.

Haraldsson, G. & Kellam, J. (2021). Going Public: Iceland’s journey to a shorter working week. Alda, Association for Democracy and Sustainability. (Erstellt: Juni 2021). Zugegriffen: 10. Aug. 2021.

Jansen-Preilowski, V. V., Paruzel, A., & Maier, G. W. (2020). Arbeitszeitgestaltung in der digitalisierten Arbeitswelt: Ein systematisches Literatur Review zur Wirkung von Arbeitszeitverkürzung in Bezug auf die psychische Gesundheit. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 51(3), 331-343.

Meijman, T. F., & Mulder, G. (1998). Psychological aspects of workload. In P. J. D. Drenth & Thierry (Hrsg.), Handbook of work and organizational psychology: work psychology (2. Aufl. S. 5–33). Hove: Psychology Press.

Parkinson, C. N., & Osborn, R. C. (1957). Parkinson’s law, and other studies in administration (24. Aufl.). Boston: Houghton Mifflin.

Pega, F., Náfrádi, B., Momen, N. C., Ujita, Y., Streicher, K. N., Prüss-Üstün, A. M., … & Woodruff, T. J. (2021). Global, regional, and national burdens of ischemic heart disease and stroke attributable to exposure to long working hours for 194 countries, 2000–2016: A systematic analysis from the WHO/ILO Joint Estimates of the Work-related Burden of Disease and Injury. Environment International154, 106595.

 

 

 



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