Refugee Entrepreneurship: Selbstständigkeit als übersehener Integrationsfaktor?

Die Integration von Menschen mit Fluchtgeschichte in Gesellschaft und Arbeitsmarkt ist nach wie vor ein wichtiges soziales und wirtschaftliches Thema in Deutschland. Bis heute wird für diese Zielgruppe die berufliche Selbstständigkeit allerdings nicht flächendeckend mitgedacht. Hier geht wertvolles Potenzial verloren.

Denn wer gründet, schafft oft nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere einen Arbeitsplatz. Gleichzeitig sorgt die Gründung auch für eine höhere soziale Einbindung und trägt damit auch zur Integration jenseits des Arbeitsmarktes bei.

Langsamer Weg in die Selbstständigkeit

Wer zwischen 2013 und 2019 als volljährige*r Geflüchtete*r nach Deutschland gekommen ist und heute auf selbstständiger Basis arbeitet, ist eine Ausnahme. Er oder sie gehört zu den nur zwei Prozent dieser Kohorte, die bislang diesen Weg gegangen sind.

Das zeigt eine aktuelle Analyse des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Mannheim auf Grundlage von Mikrozensus-Daten. Demgegenüber steht ein Drittel derselben Kohorte, die im Heimatland selbstständig waren.

Geflüchtete langfristig gründungsstark

Langfristig betrachtet gehören Geflüchtete in Deutschland allerdings zu den gründungsstarken Migrantengruppen. Laut IfM-Studie waren über alle untersuchten Kohorten seit 1950 hinweg acht Prozent der Geflüchteten in Beschäftigung selbstständig, im Vergleich zu neun Prozent der verschiedenen Zuwanderergruppen (Flucht, Familienzusammenführung, Arbeitsmigration) insgesamt. Bei den vor 1990 in Deutschland angekommenen Geflüchteten liegt die Selbstständigenquote sogar bei 15 Prozent.

Woran liegt dieser langsame Übergang? Und wie sieht das in anderen Ländern aus?

Blick ins Vereinigte Königreich

Der Blick über den Ärmelkanal zeigt ein etwas anderes Bild: So machen sich etwa im Vereinigten Königreich Geflüchtete bereits fünf Jahre nach ihrer Ankunft genauso häufig selbstständig wie Einheimische, und zwar rund 14 Prozent aller volljährigen Beschäftigten. Insgesamt arbeitet sogar mehr als jede*r fünfte berufstätige Geflüchtete im Vereinigten Königreich auf eigene Rechnung.

Refugee Entrepreneurs machen sich im Vereinigten Königreich häufig dort selbstständig, wo sie ursprünglich durch den nationalen Verteilungsschlüssel zugewiesen werden oder wo bereits co-ethnische Communities von beachtlicher Größenordnung sind. Viele Refugee Entrepreneurs gründen daher lokal, klein und in den Bereichen mit geringen Einstiegshürden. Dort herrschen wiederum großer Konkurrenzdruck und eine hohe Fluktuation. Aber: Manche gründen auch erfolgreiche (transnationale) Unternehmen mit mehreren Niederlassungen.

Der Länderkontext hat also nicht nur Einfluss darauf, ob und wann, sondern auch in welchem Rahmen Geflüchtete sich selbstständig machen.

“How I did it? I just started!“

Im Vereinigten Königreich sorgen gleich mehrere Faktoren dafür, dass Refugee Entrepreneurship mehr als in Deutschland Normalität ist. Zum einen hat jeder mit Flüchtlingsstatus Zugang zur Selbstständigkeit. Die geringen regulativen Hürden des liberalen Wohlfahrtstaates sorgen gleichzeitig dafür, dass der Schritt zur Gründung sich relativ einfach umsetzen lässt. Im „Starting a business“-Ranking der Weltbank besetzt das Land Platz 18 von 190 untersuchten Ländern. Im Vergleich: Deutschland liegt hier nur auf Platz 125.

Zu den Sektoren mit besonders geringen Zugangshürden gehören zum Beispiel die Gastronomie und der Einzelhandel. Wer in solchen Bereichen selbstständig werden möchte, kann dies recht schnell und auf eigene Faust realisieren – zum Teil auch mit geringen Englischkenntnissen.

Für Gründungswillige sind dies attraktive Voraussetzungen.

Studien weisen darauf hin, dass die Möglichkeit der Gründung sogar als Pull-Faktor für die Zweitmigration von Kontinentaleuropa ins Vereinigte Königreich wirkt.

Weiterhin hat das Thema „Integration durch Selbstständigkeit“ im Vereinigten Königreich eine lange Tradition. Das gilt auch in Zeiten, in denen die Integration von Migranten*innen insgesamt eine untergeordnete politische Rolle spielt. Ein Beispiel dafür ist das kürzlich abgeschlossene „UK refugee entrepreneurship pilot scheme.

Zu guter Letzt gibt es für Gründungswillige innerhalb der Communities zahlreiche Vorbilder anderer Geflüchteter und Migrant*innen, die sich vor Ort selbstständig gemacht haben.

© Christina@ wocintechchat.com – unsplash.com

Deutschland: Integration als Voraussetzung für Selbstständigkeit

Wer sich als Geflüchtete*r nach kurzer Zeit in Deutschland selbstständig macht, findet sich in einer komplexeren bürokratischen Struktur wieder, die häufig im Gegensatz zu den Herkunftsländern steht.

Da Selbstständigkeit für Geflüchtete in Deutschland im Maßnahmenkatalog der Integration nicht als Regelfall vorgesehen ist, gibt es gleichzeitig wenig Unterstützungsmöglichkeiten zur Umsetzung unternehmerischer Vorhaben. Zu den vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten zählen regionale (Pilot-)Projekte wie das Projekt Act Now in Köln.

Auch ist in Deutschland zumeist ein Grad an erbrachten Integrationsleistungen notwendig, um überhaupt gründen zu können. Dazu gehören ausreichende Sprachkenntnisse, aber auch Qualifikationsnachweise und andere Zertifikate im stark regulierten Arbeitsmarkt. Schon aus diesen Gründen ist der Übergang in Selbstständigkeit zeitlich verzögert.

Auch die hiesige, eher risikoscheue Kultur spielt eine Rolle.

Weiterhin ist der Zugang zur Gründung abhängig von der Art des Aufenthaltstitels. Dadurch ist die Selbstständigkeit manchen Geflüchteten in den ersten Jahren grundsätzlich verwehrt.

So lassen viele potenzielle Refugee Entrepreneurs die Idee der Gründung zunächst hinter sich.

Verschiedene Anknüpfungspunkte

Da Gründung unvermeidbar mit der Art des Wohlfahrtstaates, der Marktstruktur, der (Risiko-)Kultur und weiteren Faktoren rund um Integration zusammenhängen, lassen sich Erkenntnisse aus anderen Ländern nicht 1:1 auf Deutschland übertragen.

Um Refugee Entrepreneurship auch in Deutschland stärker ins Licht zu rücken, gibt es dennoch verschiedene Anknüpfungspunkte.

1. Selbstständigkeit normalisieren

Refugee Entrepreneurship sollte an den entscheidenden Stellen als Weg der Arbeitsmarktintegration grundsätzlich mitgedacht werden. Wer gründen möchte, sollte zu den Möglichkeiten, aber auch zu den Risiken und Alternativen informiert werden. Dazu ist ein erweiterter Beratungsansatz in den entscheidenden Stellen notwendig, zum Beispiel in der Arbeitsverwaltung.

2. Zielgerichtete Unterstützungsangebote

Durch ihre unterschiedlichen Ausgangspunkte haben Refugee Entrepreneurs während der Gründung häufig andere Fragen und Unterstützungsbedarfe als einheimische Gründerinnen und Gründer. Hier machen zielgruppenspezifische Angebote als Ergänzung zu den bestehenden Angeboten für alle Gründer*innen Sinn.

3. Erfolgsfaktoren identifizieren

Gleichzeitig ist über die Beratungs- und Unterstützungsbedürfnisse dieser Zielgruppe bislang nur wenig bekannt. Hier besteht Forschungsbedarf, ebenso wie zu den Erfolgsfaktoren und Hindernissen von Refugee Entrepreneurship in Deutschland.

4. Flächendeckendes Förderangebot

Förderangebote für angehende Gründer*innen mit Fluchtgeschichte finden bislang nur auf lokaler oder regionaler Ebene statt. Ein nächster Schritt wäre, die bestehenden Angebote zu evaluieren und Good Practices auf andere Städte und Regionen auszuweiten.

5. Vorbilder sichtbar machen

Auch in Deutschland haben bereits zahlreiche Geflüchtete den Schritt in die Gründung gewagt. Diese Erfolgsbeispiele könnten noch sichtbarer gemacht werden.

Entrepreneurship als Chance der Integration

Im Pandemiejahr 2020 waren Geflüchtete in Deutschland besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Für die Zeit nach Corona bietet es sich umso mehr an, auch alternative Wege der Arbeitsmarktintegration stärker in den Blick zu nehmen. Dazu gehört auch der bislang übersehene Weg der Selbstständigkeit.



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