Ressourceneffizienz: Der Wille ist da, die praktische Umsetzung schwierig

Es scheinen die berühmten zwei Fliegen mit einer Klappe zu sein: Wenn Unternehmen Ressourcen effizienter nutzen, indem sie beispielsweise Material einsparen, können sie die Umwelt schonen und gleichzeitig ihre Kosten senken. Doch das ist leichter gesagt als getan, sagt Martin Vogt vom VDI Zentrum für Ressourceneffizienz. Die praktische Umsetzung ist die größte Herausforderung.

Herr Dr. Vogt, können Sie uns kurz erklären, was die Aufgabe des VDI Zentrum Ressourceneffizienz ist?

Wir sind ein Kompetenzzentrum, das im Auftrag des Bundesumweltministeriums betriebliche Ressourceneffizienz fördert. Wir kümmern uns um die ganz konkreten technischen und organisatorischen Fragestellungen zu Material- und Energieverbrauch in den Betrieben. Der Fokus liegt dabei auf kleinen und mittleren Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe.

Wir sind ein Beratungs- und Informationszentrum, das als Türöffner zu dem Thema Ressourceneffizienz fungiert. Wir bieten beispielsweise auf unserer Webseite Tools an, mit denen die Unternehmen herausfinden können, wie es um ihre Ressourceneffizienz bestellt ist. Die Betriebe können bei uns mehr darüber lernen, wie sie ihre Prozesse optimieren können. Darüber hinaus bieten wir Qualifizierungskurse für Mitarbeitende und Berater an, die das erworbene Wissen dann in die Unternehmen tragen. Es geht also darum, Ressourceneffizienz praktisch im Unternehmen umzusetzen.

Wie effizient nutzen die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe Ressourcen denn derzeit?

Das kann man pauschal nicht beantworten. Es kommt auf den Einzelfall an. Manche Unternehmen arbeiten bereits sehr ressourceneffizient, andere beschäftigen sich erst mit diesem Thema. Wir haben eine Umfrage gemacht, wie Unternehmen selbst das Einsparpotential in ihrer Branche einschätzen. Mehr als 70 Prozent der befragten Betriebe gaben an, dass aus ihrer Sicht noch mehr Ressourcen eingespart werden könnten.

Bei welchen Ressourcen gibt es besonders hohes Einsparpotential?

Im Energiebereich lässt sich diese Frage leichter beantworten: Jeder sieht auf seiner Stromrechnung, was er im letzten Jahr eingespart hat. Wenn es um Material geht, ist es schwieriger. Man muss sich das Einsparpotential im Einzelfall anschauen. Es ist auch immer wieder eine Frage, was technologisch und finanziell gerade möglich ist.

Was man aber gut betrachten kann, sind die Kostenstrukturen. Für die gibt es Zahlen vom Statistischen Bundesamt. Im verarbeitenden Gewerbe, auf das wir uns fokussieren, sind die Materialkosten ein wichtiger Faktor. Im Schnitt sind rund 42 Prozent der Aufwendungen Materialkosten. Der Kostenanteil für Energie beläuft sich hier übrigens nur auf zwei Prozent. Dennoch konzentriert man sich häufig mehr auf das Thema Energieeffizienz. Das ist einfacher zu quantifizieren. Aber das Potenzial für die Senkung der Materialkosten ist viel größer. Übrigens spart man auch mit mehr Materialeffizienz Energiekosten.

Das Bewusstsein für mehr Klimaschutz und einen nachhaltigeren Ressourceneinsatz ist in den letzten Jahren gestiegen und auch der politische Wille scheint da zu sein. Was sind hierzulande die größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Ressourceneffizienz?

Es liegt meines Erachtens nicht am politischen Willen. Wir haben verbindliche Einsparziele in Deutschland, die beispielsweise durch das Klimaschutzgesetz auch für den Industriesektor vorgegeben werden. Das Problem ist unserer Erfahrung nach vielmehr, dass konkrete Hemmnisse in den Unternehmen oft die Umsetzung von Effizienzmaßnahmen verhindern.

Wenn Betriebe ressourceneffizienter werden wollen, geht es sehr oft um ihre Kernprozesse in der Produktion. Wenn man die ändern will, kann das mit einem hohen Investitionsvolumen verbunden sein. Die Kosten und die Amortisationszeit solcher Investitionen sind für die Unternehmen oft schwer abzuschätzen. Ein weiteres Hemmnis ist, dass die Produktionsprozesse häufig sehr komplex sind. Nach dem Motto „Never change a running system“ scheuen Unternehmen davor, in ihre Kernprozesse einzugreifen und etwas zu verändern. Diese Hemmnisse müssen adressiert werden, durch Aufbau eigener Kompetenz und bei Bedarf durch externe Unterstützung.

Welches Potenzial sehen Sie in der Digitalisierung und wie kann es intelligent gehoben werden? Immerhin verursacht auch der technologische Fortschritt einen ökologischen Fußabdruck.

Die Digitalisierung wird zukünftig eine noch wichtigere Rolle spielen – gerade, wenn es um Ressourceneffizienz geht. Derzeit ist ein Haupthindernis, dass sich Einsparpotentiale im Materialbereich oft schwer quantifizieren lassen. Dieses Phänomen ist aus der Beraterpraxis bekannt: In vielen Unternehmen werden bislang wenig oder keine Daten über den Materialverbrauch erhoben und ausgewertet.

Die Digitalisierung kann dabei helfen, solche Verbrauchsdaten für Materialströme zu messen und zu verarbeiten. Damit können bisher verborgene signifikante Einsparpotenziale erkannt werden. Wir haben in einer Untersuchung festgestellt, dass Betriebe bis zu 25 Prozent ihrer Kosten durch einfache Digitalisierungsmaßnahmen einsparen können. Die Unternehmen sollten sich das also schon unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten dringend anschauen.

An welchen politischen Stellschrauben sollte aus Ihrer Sicht gedreht werden, um die Ressourcenproduktivität in Deutschland insgesamt zu erhöhen? Wie können gerade KMU besser unterstützt werden?

Hier empfiehlt sich ein Blick in das Deutsche Ressourceneffizienzprogramm (ProgRess) der Bundesregierung. In der aktuellen Fassung (ProgRess III) von 2020 werden 118 Einzelmaßnahmen definiert.

Für KMU gibt es beispielsweise eine Vielzahl von Förderprogrammen und Beratungsangebote. Die Materialeffizienz hat in der Praxis noch nicht den gleichen Stellenwert wie die Energieeffizienz. Das sollte sich ändern. Zudem sollten alle daran arbeiten, dass die bestehenden Beratungsangebote noch besser von den Unternehmen genutzt werden. Hierzu hat ProgRess III wichtige Maßnahmen definiert.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei ProgRess III ist aus meiner Sicht die Rolle der öffentlichen Beschaffung. Bei der Vergabe von Aufträgen an Unternehmen sollten öffentliche Institutionen nicht nur auf den Preis achten – sondern beispielsweise auch auf Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien. Ein Beispiel ist hier die Nutzung von Sekundärmaterialien bei der Beschaffung von Produkten. Es wäre gut, wenn die öffentliche Hand hier eine Vorbildfunktion einnehmen würde. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, denn die praktische Umsetzung im Sinne des Vergaberechts ist nicht einfach.

Preise kann man leicht vergleichen. Schwieriger ist es, Umweltverträglichkeit von Materialien zu bewerten. Hier ist es wichtig, den zuständigen Mitarbeitern in den Vergabestellen auf allen Ebenen Unterstützung anzubieten, damit sie rechtssichere Entscheidungen treffen können. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung der Bundesregierung. ProgRess III beinhaltet auch die Prüfung, inwieweit eine leicht handhabbare Verwaltungsvorschrift für relevante klimafreundliche Beschaffungen auf Bundesebene eingeführt werden kann.

Bislang lag und liegt der Fokus von Wirtschaft und Politik auf der Arbeitsproduktivität. Haben Sie den Eindruck, dass die Ressourcenproduktivität nun stärker in den Blick gerät?

Das kann ich mit einem klaren Ja beantworten. Ohne die Steigerung der Ressourcenproduktivität werden wir es nicht schaffen, die Klimaziele zu erreichen. Die Vorgaben, die Unternehmen jetzt zur Einsparung von CO2-Emissionen haben, werden sie ohne mehr Ressourcenproduktivität nicht schaffen können.

Allerdings gibt es ein Problem: Es ist schwierig, Materialeinsparungen in CO2-Emissionen zu übersetzen. Daran arbeiten auch wir derzeit. Das heißt: Wenn beispielsweise Betriebe ein Kilogramm von einem komplexen Verbundmaterial einsparen, gibt es bislang kaum Daten, die dabei helfen, die damit verbundene CO2-Einsparung abzuschätzen. Wir wissen, dass es hier Einspareffekte in der Produktion und Logistik gibt. Aber das auf wissenschaftlicher Basis im Einzelfall zu quantifizieren, ist oft schwierig.

Auch durch die Corona-Pandemie wird die Bedeutung der Ressourcenproduktivität steigen. Im letzten Jahr sind die Rohstoffpreise teils enorm gestiegen, beispielsweise für Kupfer. Es hat sich zudem gezeigt, dass die weltweiten Lieferketten instabil sind. Die Kosten für den Schiffstransport sind durch die Decke gegangen. Unternehmen haben also selbst ein Interesse daran, ihre Abhängigkeiten zu verringern und Rohstoffe in Deutschland im Kreislauf zu führen.

Technologische und organisatorische Innovationen sind eine unverzichtbare Voraussetzung für diesen Transformationsprozess. Allerdings ist es wie so oft: Die praktische Umsetzung der als notwendig erkannten Maßnahmen ist die größte Herausforderung. Hier muss der Fokus liegen, um das für uns alle so wichtige Ziel einer klima- und ressourcenschonenden Wirtschaft zu erreichen.

 

 



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