Ressourcenschonung und Klimaschutz im Gesundheitssektor

Welche Lebensstile, Konsum- und Produktionsmuster lassen sich global verwirklichen, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten? Jeder Rohstoffkonsum ist mit erheblichen Umweltbeeinträchtigungen verbunden und wirft Fragen der nachhaltigen Verfügbarkeit von Rohstoffen auf – zumal sich der weltweite Einsatz von Rohstoffen seit den 1970er Jahren mehr als verdreifacht hat.

Deutschland liegt mit seinem Rohstoffkonsum pro Kopf bei rund 16 Tonnen – doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt und deutlich über dem Durchschnittswert der EU.

Rohstoffnahe Sektoren sind nicht die Haupttreiber

Doch diese Zahlen werden nicht nur durch rohstoffnahe Sektoren wie Bergbau, Land- oder Forstwirtschaft sowie die klassischen Schwerindustrien wie Stahl- und Baustoffherstellung verursacht.

Hier werden zwar große Stoffmengen umgewälzt, doch entscheidend ist der Verwendungszweck: Richtet man den Blick nicht nur auf den direkten Rohstoffeinsatz, sondern auf den „Rucksack“, den jedes Produkt von der Rohstoffgewinnung bis zum Produkt füllt, erkennt man den Gesamtrohstoffkonsum (englisch: Raw Material Consumption – RMC).

Das Fraunhofer ISI hat für das Umweltbundesamt untersucht, wie hoch der Gesamtrohstoffkonsum Deutschlands für den Gesundheitssektor ist und was die dahinterliegenden Treiber sind.

Gesundheitssektor in puncto Rohstoffkonsum unter den Top 5

Das Ergebnis ist nur teilweise neu, trotzdem löste es bei der Präsentation auf den Stakeholder-Workshops, die im Zuge des Projekts durchgeführt wurden, und auf dem Europäischen Ressourcenforum 2020 Überraschung aus: Der Rohstoffkonsum des deutschen Gesundheitssektors steigt seit Jahren stark an und belief sich im Jahr 2016 auf stattliche 107 Millionen Tonnen.

Damit liegt der Gesundheitssektor an vierter Stelle unter allen 200 betrachteten Wirtschaftssektoren.

Dabei gehört der Gesundheitsbereich zu den Dienstleistungssektoren, bei denen oft ein geringer Materialverbrauch angenommen wird.

Zudem spiegelt sich der hohe Rohstoffkonsum des Gesundheitssektors in seiner Treibhausgasbilanz wider: Das Fraunhofer ISI hat anhand einer um Umweltdimensionen erweiterten multiregionalen Input-Output-Tabelle errechnet, dass die direkten und indirekten Treibhausgasemissionen des deutschen Gesundheitssektors mit rund 6 Prozent der drittgrößte Posten nach der Bauwirtschaft und den Lebensmitteln sind.

Vorleistungen als Treiber

Diese hohen Zahlen erklären sich aus den „Vorleistungen“ des Gesundheitssektors – also Produkten und Infrastrukturleistungen, die der Gesundheitssektor bezieht, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Die größte Rohstoffinanspruchnahme des Gesundheitssektors entsteht mit 31,5 Millionen Tonnen über Vorleistungen in Form von chemischen Erzeugnissen, zum Beispiel Reinigungs- und Desinfektionsmittel, aber auch Arzneimittel.

Es folgen die Vorleistungssektoren

  • Nahrungsmittel und Getränke (28,6 Millionen Tonnen)
  • Energie und Brennstoffe (12,2 Millionen Tonnen)
  • Bauleistungen (10,2 Millionen Tonnen)
  • Sonstige Dienstleistungen (9,7 Millionen Tonnen)
  • Medizinische Geräte (6,4 Millionen Tonnen)

Mit Ressourceneffizienz Kosten senken

Schaut man auf die Gesundheitsausgaben, haben die rohstoffintensiven Vorleistungssektoren eine große Nähe zu den wichtigsten Verursachern von Sachkosten. Das verspricht hohe Synergien: Mit Aktivitäten zur Steigerung der Ressourceneffizienz lassen sich gleichzeitig Kosten senken.

Weitere Synergiepotenziale gibt es mit der Qualität der Gesundheitsversorgung, denn viele der Handlungsoptionen sind zugleich gesundheitsfördernd. So hat eine stärker pflanzenbasierte Kost einen leichteren „Rohstoffrucksack“, einen kleineren CO2-Fussabdruck und fördert zusätzlich die Gesundheit.

Die Korrektur von Über- und Fehlversorgung mit Arzneimitteln reduziert Kosten, schont Ressourcen und steigert gleichzeitig die Qualität der Gesundheitsversorgung. Ressourcenschonendes Bauen erhöht die Aufenthaltsqualität in Gebäuden und muss bei guter Planung nicht teurer sein.

Hohe Potentiale in der Prävention

Neben verbesserter Ressourcenschonung bei der Behandlung von Krankheiten liegen weitere große Synergiepotenziale bei der Prävention: Sport, Ernährung und Psychotherapie können helfen, die Menschen gesund zu erhalten und so den Bedarf an kurativen Gesundheitsleistungen zu reduzieren. Deshalb sollten Gesundheitssystem und Politik hier einen Fokus setzen.

Mit Blick auf den Rohstoffverbrauch, die Emissionen und die Synergiepotenziale ist klar, dass der Gesundheitssektor einen großen Beitrag zu Ressourcenschonung und Klimaschutz leisten kann – und muss. Die genannten Vorleistungssektoren verweisen bereits auf wichtige Handlungsfelder.

Das Fraunhofer ISI zeigt in seiner Studie für das UBA aber auch darüber hinaus Ansatzpunkte und Handlungsoptionen auf, wie der Gesundheitssektor seiner Verantwortung für mehr Ressourcen- und Klimaschutz künftig verstärkt gerecht werden kann und welche Möglichkeiten die Politik hat, ihn dabei zu unterstützen.

Sensibilisierung nötig

In allen Handlungsfeldern existieren bereits zahlreiche Beispiele guter Praxis, sie führen aber noch ein Schattendasein. Um das zu ändern, braucht es eine stärkere Sensibilisierung und Motivation der Akteurinnen und Akteure im Gesundheitssektor.

Noch spielt das Thema Ressourcenschonung für die meisten Stakeholderinnen und Stakeholder im deutschen Gesundheitssystem eine eher untergeordnete Rolle.

Wegen wirtschaftlichen Zwängen, Zeitdruck und Personalengpässen setzen sie andere Prioritäten.

Diese Rahmenbedingungen prägen derzeit den medizinischen Alltag.

Aber da der Klimawandel, der durch den hohen Ressourceneinsatz mitverursacht wird, gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat, muss Ressourcenschonung im Gesundheitssektor stärker auf die politische Agenda gesetzt werden. Die Politik kann dabei auf immer lauter werdende Stimmen zählen, die eine Dekarbonisierung des Gesundheitssektors fordern.

 Die Erkenntnisse, die dem Blog-Beitrag zugrundeliegen, werden bei einem Symposium Mitte Juni näher präsentiert. Weitere Informationen gibt es hier.



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