Städtische Lebensmittelproduktion: Mehr als ein wenig Gärtnern

Deutschlands Städte scheinen aus allen Nähten zu platzen. Freie Flächen sind rar. Doch es gibt – zum Beispiel – viel Raum auf Gebäudewänden, der bislang ungenutzt bleibt. Ein Konzept, um das zu ändern, ist die städtische Lebensmittelproduktion. Grit Bürgow forscht dazu an der TU Berlin.

Frau Dr. Bürgow, was genau versteht man denn unter städtischer Lebensmittelproduktion?

Bislang stellen sich viele Menschen unter städtischen Farming-Strategien Liebhaberei vor. Doch das ist kein Klein-Klein, das ist mehr als ein wenig Gärtnern. Es geht um Produktion. Es geht darum, Infrastruktur neu zu denken. Darum, dass man Flächen – beispielsweise an oder in Gebäuden – für die Nahrungsmittelproduktion mitdenkt. Ich beschäftige mich vor allem mit der gebäudeintegrierten Nahrungsmittelproduktion. Das sind Systeme, die an Gebäuden auf kleiner Fläche einen hohen Output erzielen.

Welche Konzepte gibt es konkret?

Bekannter sind Gemeinschaftsgärten, in denen Gemüse für die ganze Nachbarschaft produziert wird. Mittlerweile gibt es aber auch Lebensmittelmärkte, die Nahrungsmittel produzieren und direkt vertreiben. Relevant ist, die Nahrungsmittelproduktion mit Wasseraufbereitung zu kombinieren. 70 Prozent unseres täglich genutzten Wassers ist Grauwasser, das recycelt und wieder genutzt werden kann – beispielsweise, um Pflanzen zu bewässern.

Welche Rolle spielt die städtische Lebensmittelproduktion denn bislang in Deutschland?

Bislang gibt es nur einzelne Projekte. Wir haben das Konzept namens Roof Water-Farm in Berlin auf der Beach61 mobil umgesetzt. Das ist ein Betreiber, der mehrere Beachvolleyballfelder unterhält. Wir bereiten dort das Duschwasser der Sportler auf und bewirtschaften damit eine Vertikalfarm. Die Kräuter und der Salat, die dort wachsen, werden in der Bar von Beach61 genutzt.

Wir bewirtschaften zwei Quadratmeter und ernten alle vier Wochen Salat. Damit können wir, rechnerisch, 28 Menschen in Berlin versorgen. Rechnet man das hoch, bräuchten wir 26 Hektar, um für die ganze Stadt Salat zu produzieren.

Das sind 32 Mal weniger Fläche als im Ackerbau.

© Filip Urban – unsplash.com

Es gibt auch Konzepte für die private Selbstversorgung. Beispielsweise hat sich aus dem Vertikalfarm-Projekt „Shower-Tower 61“ ein studentisches Start-up namens „Hydro Tower“ ausgegründet. Die Studierenden bieten Pflanztürme für Balkon und Garten an. 

Auf unsere Ernährung ist ein hoher Teil der Treibhausgase zurückzuführen. Welches Potential bietet die städtische Lebensmittelproduktion, um Emissionen zu reduzieren?

Ein hohes Potential. Es wird schnell und es wird sehr lokal produziert. Somit fallen Transportwege weg – und damit auch Emissionen und Kosten. In diesem Zuge ist auch wichtig, über das Thema Wasser zu diskutieren. Wasser ist ein Kühlelement, es ist ein Klimamacher. Wir schonen diese Ressource, indem wir sie in unseren Projekten im Kreislauf führen.

Welche Vorteile bietet die städtische Lebensmittelproduktion noch?

Ein Vorteil ist, dass man Lebensmittelproduktion in neuen Organisationstypen denken kann. Etwas überspitzt gesagt: Der Saatgutproduzent verliert sein Monopol. Nachbarschaften, Restaurants oder Hotels produzieren ihre Nahrungsmittel dann selbst.

Außerdem wir die Lebensmittelproduktion so auf die Straße gebracht. Sie ist transparent. Wissen wird vermittelt. In unserer Lehre versuchen wir, den Studierenden Tools für den Anbau mitzugeben. Damit sie in Zukunft ganz praktisch etwas verändern können. Das sollte aber schon in der Kita anfangen. Für die Kinder sollte der Anbau von eigenem Gemüse normal werden. Unser ganzes Bildungssystem könnte so alltagsnäher werden. Man könnte Bildungsarbeit als Ansatz nutzen. Man könnte Kindern zeigen, wie wir unsere Erde heilen können.

Wo liegen Hürden? Und was muss getan werden, um Potentiale zu heben?

Die Techniken sind erprobt. Aber man muss sie anwenden. Ich würde mir mehr Pragmatismus wünschen. Wir brauchen mehr Gestalter in unseren städtischen Verwaltungen. Gerade, wenn es um Hürden im Verwaltungsrecht geht. Das ist kompliziert und oftmals veraltet. Es sollte an die Themen unserer Zeit angepasst werden.

Zudem ist politische Unterstützung nötig, um die Konzepte zu Mainstream zu machen. Die Politik muss fragen, wo die Hebel sind, wo finanziell unterstützt werden kann.

 


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Kommentare

  1. / von Interview Inklusives Wachstum - Roof Water-Farm

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