Technischer Fortschritt – Fluch oder Segen? Über die Bewertung des technischen Fortschritts im Werk von Karl Marx

Karl Marx ist unbestritten einer der schärfsten Kritiker des Kapitalismus. Allerdings konnte er bei diesem Wirtschaftssystem auch einige positive Aspekte identifizieren. Allen voran gehört dazu der technologische Fortschritt, denn er ist der Schlüssel für ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Ausgangspunkt seiner Analyse sind die ökonomischen Mechanismen, die in einer marktwirtschaftlich – in den Worten von Marx einer kapitalistisch – organisierten Gesellschaft gelten.

1. Zwang zur Entwicklung der Produktivkräfte

Ein fundamentaler Entwicklungstrend der Marktwirtschaft besteht in der permanenten Verbesserung der Produktionstechnologien, die wiederum das Resultat eines systemimmanenten Zwangs zur Erhöhung der Produktivität ist.

„Wenn mein Nachbar billig verkaufen kann, indem er mit wenig Arbeit viel herstellt, muß ich danach trachten, ebenso billig wie er zu verkaufen. So erzeugt jede Kunst, jedes Verfahren oder jede Maschine, die mit der Arbeit von weniger Händen und infolgedessen billiger arbeitet, bei andren eine Art Zwang und einen Wettbewerb, entweder dieselbe Kunst, dasselbe Verfahren oder dieselbe Maschine anzuwenden, oder etwas Ähnliches zu erfinden, damit alle auf gleichem Stand seien und keiner seinen Nachbar unterbieten könne“ (MEW 23, S. 338, Fußnote 4).

2. Zwang zur Akkumulation

Ein zweiter Entwicklungstrend ist der Zwang zur Akkumulation. Dieser Begriff beschreibt den Umstand, dass Unternehmen Kapital anhäufen und damit ihre Produktionskapazitäten ausweiten. Verantwortlich für diese Entwicklung ist wiederum der Zwang zur Kostensenkung. Ein Instrument zur Senkung der Kosten ist die Erhöhung der täglichen Arbeitszeit und der Intensität der Arbeit. Beides führt dazu, dass während einer bestimmten Produktionsperiode größere Mengen an Rohstoffen verbraucht werden und der Bedarf an Kapital somit zunimmt. Auch der Einsatz neuer, die Produktivität erhöhender Maschinen verlangt einen größeren Kapitalvorschuss.

Voraussetzung für diese Akkumulation sind Profite, die der Finanzierung der Kapitalausweitung dienen. Die Steigerung der Profite wird durch verschiedene Maßnahmen erreicht, allen voran wiederum durch die Verlängerung des Arbeitstages, die Intensivierung der Arbeit sowie Produktivitätssteigerungen durch eine vermehrte Teilung der Arbeit und den zunehmenden Einsatz von Maschinen (vgl. MEW 23, S. 629-634). Diese Maßnahmen haben gravierende Nachteile für die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten.

3. Verschlechterung der Arbeitsbedingungen

Ein wichtiges Mittel zur Erhöhung der Produktivität ist die Ausweitung der Arbeitsteilung. Sie zeichnet sich zu Zeiten von Marx neben der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit auch dadurch aus, dass jeder Arbeiter auf eine einzige Teiloperation festgelegt wird, die er dauerhaft ausübt. Die lebenslange Ausübung von Spezialtätigkeiten kann zu körperlichen Schäden und Verkrüppelungen führen. Die mangelnde Ausübung geistiger Fähigkeiten am Arbeitsplatz führt zudem zu „Stumpfsinn“, „Unwissenheit“ und fabriziert „halbe Idioten“. Resultat ist die „Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft“, sowohl im körperlichen als auch im intellektuellen Bereich (vgl. exemplarisch MEW 23, S. 359, 361, 381-384, 529 und 673-675). Marx ist daher überzeugt, dass sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten im Laufe der kapitalistischen Entwicklung mit ihrem technischen Fortschritt zunehmend verschlechtern werden – und zwar unabhängig von der gezahlten Lohnhöhe.

„Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß. … Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol“ (MEW 23, S. 675).

4. Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit

Produktivitätssteigerungen durch einen verstärkten Kapitaleinsatz haben zur Folge, dass die gesamtwirtschaftlichen Produktionsprozesse immer kapitalintensiver werden. Wenn menschliche Arbeitskräfte zunehmend durch Maschinen ersetzt werden, bedeutet dies eine Freisetzung von Arbeitskräften und somit die Zunahme der Arbeitslosigkeit. Neben den Einkommenseinbußen der Arbeitslosen und deren Familien ist auch an den Lohndruck für alle Beschäftigten zu denken. Zudem kann die permanente Angst vor Arbeitslosigkeit bei den noch beschäftigten Personen zu einer erhöhten „Selbstausbeutung“ führen.

Insgesamt resultiert hieraus für Marx eine extreme Polarisierung der Arbeits- und Le-bensbedingungen der Arbeitsbevölkerung: „Die Überarbeit des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese zur Überarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals zwingt“ (MEW 23, S. 665).

5. Die Vorstellungen von Karl Marx zum guten Leben

Auch wenn Marx dem technologischen Fortschritt eine Reihe von negativen Konsequenzen zuordnet, sieht er die Technik grundsätzlich in der Lage, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und ihnen ein gutes und menschengerechtes Leben zu ermöglichen.

Die Marxsche Vorstellung einer mit der wahren menschlichen Natur übereinstimmenden Le-bensweise ist zusammenfassend zu verstehen als ein Aktiv-Sein im Sinne der produktiven, schöpferischen, kreativen und selbstbestimmten Anwendung der menschlichen Kräfte. Ein gutes Leben erweist sich für Marx als die selbstzweckhafte Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten samt deren aktiver Anwendung. Es ist ein Leben, in dem konsumorientierte Aktivitäten zurückgedrängt werden und stattdessen ein subjektives Wohlbefinden durch die aktive Betätigung menschlicher Fähigkeiten erreicht wird. Entscheidend für die menschliche Zufriedenheit sind weniger die Aspekte des materiellen Konsums und der Freizeit – ver-standen als Gegensatz zur Arbeitszeit –, sondern vielmehr die Qualität und Inhalte der indivi-duellen Tätigkeiten (vgl. ausführlicher Petersen 2008).

6. Technischer Fortschritt als Mittel zur Generierung von freier Zeit

Technischer Fortschritt ist für Marx eine Voraussetzung für ein gutes Leben, indem er die Menschen so weit wie möglich von fremdbestimmten Arbeiten zur Sicherung der Subsistenz befreit. Die Automation befreit den Menschen weitgehend von der Notwendigkeit körperlicher Betätigungen im Rahmen der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen. Der Mensch nimmt dann vor allem eine überwachende und regelnde Betätigung wahr, so dass „sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Produktionsprozeß selbst verhält“ (Grundrisse, S. 592).

Die Automation ermöglicht somit eine Steigerung der Zeit für freie, produktive Tätigkeiten sowie für die Entwicklung der Fähigkeiten im Sinne einer Selbstverwirklichung. Die vollkommene Automation der Produktion aller Gebrauchsgegenstände ist allerdings für Marx letztlich ein unrealistisches Ziel. Dies anerkennend, findet sich im dritten Band des „Kapitals“ die Unterscheidung zwischen dem „Reich der Notwendigkeit“ und dem „Reich der Freiheit“:

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. […] Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann“ (MEW 25, S. 828).

Der technologische Fortschritt hat somit zwei zentrale Aufgaben: Bei den Tätigkeiten, die zum „Reich der Notwendigkeit“ gehören, geht es darum, die Arbeitsbedingungen so mensch¬lich und angenehm wie möglich zu gestalten. Darüber hinaus reduziert ein hohes technisches Niveau den Anteil, den das „Reich der Notwendigkeit“ im Leben der Menschen einnimmt, und lässt ihnen mehr Zeit für selbstbestimmte, produktive Tätigkeiten, die zudem der Entwicklung von Fertigkeiten dienen. Der technische Fortschritt ist folglich ein Mittel zur Vergrößerung des „Reichs der Freiheit“ und deshalb positiv zu bewerten.

7. Fazit

Im Ergebnis erweist sich der technische Fortschritt für Marx als ein janusköpfiges Phänomen. „Einerseits bedeutet Automation Vollendung der Entfaltung materieller Produktivkräfte, die die Menschheit potentiell vom Zwang mechanischer, repetitiver, geistloser, entfremdender Arbeit befreien könnte. Andererseits bedeutet Automation erneut zunehmende Gefährdung des Arbeitsplatzes und des Einkommens, erneut Verschärfung der Angst, der Unsicherheit des periodischen Konsum- und Einkommensausfalls, also geistige und moralische Verelendung“ (Mandel 1968, S. 197).

Trotz der skizzierten negativen Effekte für die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Menschen ist Marx überzeugt, dass diese negativen Entwicklungen ein notwendiges Übel sind. Erst der durch den Wettbewerb ausgelöste Zwang zur Kostensenkung bewirkt die Steigerung der Produktivität, die für ein gutes Leben zwingend erforderlich ist. Ziel des technologischen Fortschritts ist es letztendlich, mit Hilfe des technischen Fortschritts möglichst viel „disposable time“ – also freie Zeit – zu generieren, um diese Zeit für den Genuss der Produkte, für produktive Tätigkeiten und für die freie Entwicklung der individuel¬len menschlichen Fähigkeiten zu nutzen (vgl. MEW 26.3, S. 251ff., Grundrisse, S. 527). Fortschrittsskepsis und Technikfeindlichkeit sind daher Positionen, die Marx nicht teilt.

Literatur

Mandel, Ernest (1968): Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Karl Marx. Frankfurt am Main.

Marx, Karl, Friedrich Engels: Karl Marx/Friedrich Engels Werke (MEW), Bd. 1ff., Berlin, 1956ff., zitiert als „MEW“.

Petersen, Thieß: „Aktuelle Aspekte der Marxschen Theorie.“ Erstveröffentlichung in: Fromm Forum (Deutsche Ausgabe – ISBN 1437-0956) 12/2008, Tuebingen (Selbstverlag) 2008, S. 24–33.



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