The winner takes it all …

Der Economist verkündete kürzlich das Ende eines „goldenen Zeitalters“ für die deutsche Wirtschaft. Sehen Sie das genauso?
Armando García Schmidt: Ich werde immer skeptisch, wenn Untergangsszenarien zu laut vermarktet werden. Die deutsche Wirtschaft ist viel besser als ihr aktueller Ruf. Dennoch sollte man die Probleme und Trends nicht übersehen, mit denen sie sich in den kommenden Jahren auseinandersetzen muss.

Und zwar mit welchen?
Zunächst mit dem demografischen Wandel. Wenn die Generation der Babyboomer bald in Rente geht, fehlen der deutschen Wirtschaft Millionen Fachkräfte. Dagegen ist der aktuelle Fachkräftemangel nur ein leichter Schnupfen. Experten gehen davon aus, dass bis 2060 jedes Jahr netto 260.000 Menschen nach Deutschland einwandern müssen, um den Ausfall der Babyboomer zu kompensieren. Eine erste Reaktion darauf ist das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Aber auch die wirtschaftlichen Spielregeln werden sich ändern.

Wieso?
„The-winner-takes-it-all“-Dynamiken werden sich in immer mehr Branchen durchsetzen. Sehr gut zu beobachten in der digitalen Welt: 90 Prozent der Suchanfragen laufen über Google, 90 Prozent der Computer nutzen ein Betriebssystem von Microsoft. Der Marktführer wird zum Monopolisten und baut seinen Vorsprung zu den Mitbewerbern so weit aus, bis diese vom Markt verschwinden. Der Sieg der Superstars hat viele negative Effekte auf die globale Wirtschaft. Die Produktivität der Mitbewerber hält nicht Schritt und Unterschiede in den Lohneinkommen können in der Folge zunehmen.

Sind die Superstars nicht die Innovationstreiber der Wirtschaft?
Das ist ein Trugschluss. Aktuelle Studien belegen, dass Innovationen heute nicht mehr so schnell in die Breite diffundieren und an der Spitze hängen bleiben. Das ist ein Problem für die deutsche Wirtschaft, die zunehmend den Anschluss an die Spitzenforschung verliert, weil sie zu wenig in Wissenskapital investiert. Das betrifft große und mittelständische Unternehmen gleichermaßen.

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Wie sollte man darauf reagieren?
Die einfache Antwort lautet: agiler und intelligenter werden, um effizientere und bessere Innovationen zu entwickeln. Dafür ist aber eine größere Unternehmensdynamik notwendig, als sie aktuell in Deutschland vorherrscht. Außerdem benötigt Deutschland ein effektives Wagniskapitalsystem wie in den USA und mehr Wissenszentren wie Silicon Valley.

Aber Deutschland ist föderal strukturiert …
Das ist richtig, aber die digitale Wirtschaft organisiert sich zunehmend in den Städten, die ein Ökosystem des Wissens bieten. Die Sogwirkung dieser Zentren in den USA oder China ist enorm. Und auch in Deutschland beobachten wir dies jetzt schon. Dieser Ballungseffekt erzeugt nicht nur hohe Immobilienpreisen, sondern hängt auch die ländlichen Gebiete ab. Die Frage ist, wollen wir das in Deutschland? Brauchen wir nicht noch mehr regionale Wissenscluster und Inkubatoren wie „it’s OWL“?

Was benötigt Deutschland noch?
Wir brauchen eine neue Diskussion über unsere Industriepolitik. Wir müssen eine Innovationsoffensive starten, mehr Kapital in Wissen investieren und unsere Bildungs- und Forschungslandschaft neu überdenken. Denn wir benötigen mehr kluge Köpfe, die lebenslang bereit sind zu lernen. Gleichzeitig braucht die Exportnation Deutschland den europäischen Binnenmarkt und den freien Welthandel, der unbedingt geschützt werden muss. Kurz und gut: Die gesamte Gesellschaft ist gefordert, damit Deutschland seinen Wohlstand halten kann.

Das Interview von Michael Siedenhans mit Armando García Schmidt erschien zuerst in der Zeitschrift „HRler – Fakten, Trends und Menschen aus dem Personalwesen“, Ausgabe 2019/2020. 



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