Über die persistenten Produktivitätsunterschiede zwischen Ost und West

30 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich Ostdeutschland in vielen Bereichen dem westdeutschen Niveau genähert. Jedoch zeigen sich weiterhin deutliche Unterschiede hinsichtlich der ökonomischen Leistungsfähigkeit. Der anfänglich massive Aufholprozess hat sich in den vergangenen zwei Dekaden erheblich verlangsamt. Legt man das nominale BIP je Erwerbstätigen zugrunde, lag Ostdeutschland zur Jahrtausendwende noch 24 Prozent unter dem westdeutschen Niveau. Fast zwei Dekaden später, im Jahr 2018 und somit vor der aktuellen weltweiten Wirtschaftskrise infolge der Corona-Pandemie, betrug die Differenz noch 17 Prozent. Rechnet man Berlin heraus, läge der Unterschied in 2018 bei einem Fünftel (VGR der Länder, 2020).

Über die zugrundeliegenden Ursachen für die persistenten Produktivitätsunterschiede wird intensiv geforscht. Aufgrund der bisherigen Befunde sind Unterschiede in der Ausstattung mit Sachkapital oder Humankapital ebenso wenig die Hauptursache wie die öffentliche Infrastruktur (Burda, 2020). Auch für die Vermutung, dass die geringere Produktivität darauf zurückzuführen ist, dass es den ostdeutschen Unternehmen weniger gut gelingt, hohe Preise durchzusetzen als ihren westdeutschen Pendants, findet sich wenig empirische Evidenz (Müller, 2020).

Der vorliegende Beitrag stellt auf die strukturellen Unterschiede zwischen beiden Regionen ab. Dabei wird der Fokus auf das Verarbeitende Gewerbe gelegt. Zum einen ist die Industrie noch immer eine Säule der deutschen Wirtschaft und somit essentiell für Beschäftigung und Wohlstand. Zum anderen gibt es für die meisten der darin produzierten Güter einen weltweiten Markt und damit die entsprechenden Absatzmöglichkeiten. Viele Dienstleistungen sind hingegen auf regionale Märkte zugeschnitten bzw. ihr Absatz ist regional beschränkt und dementsprechend ist die Produktivität der betreffenden Dienstleistungsunternehmen stärker von der regionalen Kaufkraft und anderen lokalen Determinanten beeinflusst. Für die Untersuchung wird die Totale Faktorproduktivität (TFP) als Produktivitätsmaß verwendet, da sie die Effizienz des gesamten Faktoreinsatzes berücksichtigt – also neben dem Arbeits- auch den Kapitaleinsatz.

Produktivität in städtischen Zentren höher als in peripheren Regionen

In früheren Untersuchungen konnten Belitz, Gornig und Schiersch (2019) bereits zeigen, dass es erhebliche Produktivitätsunterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes gibt. So ist die TFP der den Hightech-Industrien zuzuordnenden Wirtschaftszweigen im Mittel mehr als dreimal so groß wie in den sogenannten Lowtech-Industrien. Die Bedeutung der einzelnen Wirtschaftszweige in den Regionen sollte somit einen Einfluss auf deren Produktivitätsunterschiede haben. Zugleich zeigen empirische Untersuchungen, dass Agglomerationseffekte positiv auf die Produktivität wirken (Gornig und Schiersch, 2019). Auch deshalb ist die Produktivität in städtischen Zentren – neben einer anderen sektoralen Zusammensatzung – höher als in peripheren Regionen. Wird die siedlungsstrukturelle Klassifizierung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumplanung (BBSR) zugrunde gelegt, zeigt sich, dass Westdeutschland wesentlich städtischer geprägt ist als Ostdeutschland. Hier dominiert klar der ländliche Raum, in dem fast 50 Prozent der ostdeutschen Unternehmen angesiedelt sind. Zum Vergleich: Der Anteil der im ländlichen Raum angesiedelten westdeutschen Unternehmen liegt bei knapp unter 20 Prozent.

Die Unternehmensgröße ist der dritte Aspekt. Die überwiegende Zahl der Untersuchungen hat gezeigt, dass große Unternehmen deutlich produktiver arbeiten als kleine Unternehmen. Das Aufkommen der Superstarfirmen ist ein weiterer Beleg für diese Erkenntnis (siehe dazu auch folgenden Blog-Beitrag). Große Unternehmen finden sich jedoch anteilig weniger häufig in Ostdeutschland als in Westdeutschland. Folgt man der Kategorisierung der amtlichen Statistik und setzt den Grenzwert bei 500 Beschäftigten an, fallen in den westliche Bundesländern 11,5 Prozent aller Unternehmen in diese Kategorie. In den neuen Ländern sind es dagegen nur knapp 5 Prozent.

Diese diversen strukturellen Unterschiede legen die Vermutung nahe, dass die Produktivitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland letztlich nur Ausdruck der diversen strukturellen Unterschiede sind. Zur Prüfung dieser Vermutung wird von Belitz, Gornig, Schiersch (2020) ein Dekompositionsansatz verwendet. Dieser hat zum Ziel, den Produktivitätsunterschied in eine Struktur- und eine Verhaltenskomponente zu zerlegen. Erstere erfasst, in welchem Umfang die Produktivitätsunterschiede auf strukturelle Einflüsse (Strukturkomponente) zurückzuführen sind. Die Verhaltenskomponente misst hingegen den Teil der Differenz, der weiterhin zwischen Unternehmen in Ost- und Westdeutschland besteht, die entsprechend ihrer Strukturmerkmale zur gleichen Gruppe gehören.

© Caro Sodar – pixabay.com

Als Strukturmerkmale dienen die vom BBSR definierten Regionstypen (ländlich, verstädtert, städtisch), die in Technologiegruppen zusammengefassten Wirtschaftszweige (Hightech, Medium-Hightech, Medium-Lowtech und Lowtech) sowie die Beschäftigtengrößenklasse (klein, groß). Letztere orientiert sich an der Erhebungssystematik der verwendeten amtlichen Firmendaten. Nach dieser werden im Rahmen der Kostenstrukturerhebung im Verarbeitenden Gewerbe alle Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern dauerhaft erfasst. Für die Zuordnung zu den kleineren bzw. den großen Unternehmen ist dieser Wert in der vorliegenden Untersuchung ausschlaggebend.

Im Zeitraum 2012 bis 2014 betrug die Differenz der TFP zwischen ost- und westdeutschen Industrieunternehmen durchschnittlich 22,7 Prozent. Die Dekomposition zeigt, dass der größte Teil dieses Produktivitätsgefälles auf unterschiedliche Produktivitätsniveaus zwischen jeweils vergleichbaren Gruppen in Ost- und Westdeutschland zurückzuführen ist. Dagegen ist mit 2,9 Prozentpunkten der Beitrag gering, der auf die strukturellen Unterschiede zurückgeht. Die eingangs aufgestellte Hypothese kann anhand der vorliegenden Ergebnisse somit nicht bestätigt werden. Vielmehr tragen die hier erfassten strukturellen Unterschiede nur in begrenztem Umfang zu der immer noch deutlich geringeren Produktivität der ostdeutschen Industrie bei. Sie sind somit auch nicht deren Hauptursache.

Eine direkte Gegenüberstellung der einzelnen Gruppen, welche durch die Unternehmensgröße, den Standort und die Branche definiert sind, liefert weitere Erkenntnisse. Bei den großen Unternehmen findet sich keine eindeutige Trennung mehr zwischen Ost- und Westdeutschland. Beispielsweise übersteigt die durchschnittliche TFP, der im verstädterten Raum beheimateten und in den Medium-Lowtech-Sektoren tätigen großen ostdeutschen Unternehmen, die TFP der westdeutschen Unternehmen in dieser Gruppe um etwa 16 Prozent. Zugleich gilt für große Unternehmen aus dem Medium-Lowtech-Bereich, welche sich im ländlichen Raum befinden, dass hier die westdeutschen Unternehmen eine im Mittel um 41 Prozent höhere TFP aufweisen. Nur in den Hightech-Industrien sind die westdeutschen großen Unternehmen noch durchgängig etwas produktiver als ihre ostdeutschen Pendants.

Kleine Unternehmen im Osten deutlich weniger produktiv

Ganz anders das Bild für Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. Das durchschnittliche kleine ostdeutsche Unternehmen ist in (fast) allen Kategorien weniger produktiv als sein westdeutsches Pendant. Die Technologiegruppen und Regionen spielen nur für das Ausmaß der Produktivitätslücke eine Rolle. Nur im ländlichen Raum und bei Unternehmen der Medium-Lowtech Industrien gibt es keinen Unterschied mehr in der TFP. Vor allem die kleineren ostdeutschen Unternehmen weisen also durchgängig einen Produktivitätsrückstand gegenüber ihren westdeutschen Konkurrenten auf.

Die Gründe für diesen systematischen Unterschiede sind weiter unbekannt. Zu den potentiellen Ursachen zählt man die fehlenden Firmennetzwerke, eine andere Gründer- und Unternehmerkultur oder auch geringere Managementqualitäten (Burda 2020). Belitz, Gornig, Schiersch (2020) weisen auf die Pfadabhängigkeit als weiteren Aspekt hin. Der Blick auf die sogenannten Hidden Champions verdeutlicht diesen Punkt. Es handelt sich bei diesen Unternehmen in der überwiegenden Zahl um Firmen, die über die Zeit eine technologische Führerschaft entwickelt haben und eine Nische auf dem Weltmarkt dominieren. Nur 6 Prozent der Hidden Champions finden sich in Ostdeutschland, hiervon wiederum die Hälfte in Berlin, während die übrigen 94 Prozent in Westdeutschland beheimatet sind (iwd 2019). Dabei handelt es sich zugleich in der Regel um Unternehmen, die in der Masse seit 40 und mehr Jahren existieren.

Dies zeigt, dass erfolgreiche Industrieunternehmen und auch Unternehmenscluster vergleichsweise viel Zeit für ihre Entwicklung benötigen. Die Politik kann dabei nur assistieren. Zu den notwendigen Maßnahmen zählt, auch zukünftig eine ähnliche Lebensqualität in allen Landesteilen sowie Chancengleichheit sicher zu stellen. Hierzu zählt neben der öffentliche Verkehrs- und Digitalinfrastruktur auch die die Ausstattung der Kommunen mit entsprechenden Bildungseinrichtungen und Betreuungsangeboten. Ferner müssen Länder und Kommunen in der Lage sein, die notwendigen Investitionen stemmen zu können. Wie jedoch van Deuverden (2020) in ihrer Analyse zeigt, sind die dafür notwendigen finanziellen Spielräume in Ostdeutschland geringer und werden zukünftig sogar noch schrumpfen. Dies wäre nicht zuletzt aus Sicht einer weiter erwünschten Produktivitätssteigerung ostdeutscher Unternehmen kontraproduktiv.

Ein Interview mit Prof. Dr. Joachim Ragnitz (ifo Institut Dresden) anlässlich des Tags der Deutschen Einheit lesen Sie hier.

Literatur

VGR der Länder (2020): Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 1991 bis 2019, Stuttgart.

M.C. Burda (2020): 30 Jahre deutsche Einheit: Wie steht es wirklich?, Wirtschaftsdienst (6), S. 390-391.

Müller (2020): Der Produktivitätsrückstand der ostdeutschen Industrie: Nur eine Frage der Preise? In: Ostdeutschland – Eine Bilanz, Festzeitschrift für Gerhard Heimpold, IWH Halle.

Gornig und A. Schiersch (2019): Agglomeration Economies and Firm TFP: Different Effects across Industries, DIW Discussion Paper 1788, DIW-Berlin.

Belitz, M. Gornig und A. Schiersch (2019): Produktivitätsentwicklung in Deutschland, Regionale und sektorale Heterogenität, Produktivität für Inklusives Wachstum – 02, Bertelsmann Stiftung.

Belitz, M. Gornig und A. Schiersch (2020): Produktivität in der Industrie unterscheidet sich weiterhin zwischen Ost und West, DIW Wochenbericht 39, S.747-753.

van Deuverden (2020): Bevölkerungsschwund setzt ostdeutsche Länder und Kommunen dauerhaft unter Sparzwang, DIW Wochenbericht 39, S.739-745.

iwd – Informationsdienst des Institut der deutschen Wirtschaft (2019): Hidden Champions: Die Starken aus der zweiten Reihe.



Kommentar verfassen