Unternehmensmitbestimmung und Produktivität

Noch immer prägen mitbestimmte Unternehmen die Struktur der deutschen Wirtschaft.[1] Sie wird auf absehbare Zeit mitbestimmt sein und die Art und Weise der Transformation, also die Reorganisation der Unternehmen im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung, beeinflussen.

Im Jahr 2017 arbeiteten mehr als ein Drittel aller Beschäftigten (10,8 von 30,2 Millionen) in Firmen mit Unternehmensmitbestimmung, 40 Prozent des Umsatzvolumens und 45 Prozent der Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft wurden dort erzielt.

Die Vorteile der Mitbestimmung

Die Mitbestimmung hilft Unternehmen, Krisen besser zu überstehen.[2] Mitbestimmte Unternehmen waren robuster während der Finanz- und Wirtschaftskrise und erholten sich schneller von ihren Auswirkungen.

Mitbestimmte Unternehmen hielten ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung und ihr Anlagevermögen auf einem höheren Niveau als Unternehmen ohne Mitbestimmung. Auch in der Börsenbewertung fielen mitbestimmte Unternehmen positiv auf.[3]

Aus der makroökonomischen Forschung kommen weitere Einsichten: Im Vergleich mit nicht-mitbestimmten Unternehmen in Europa weisen mitbestimmte Unternehmen höhere Investitions- und Produktivitätsanstrengungen auf.[4] Arbeitnehmervertretung an der Spitze von Unternehmen wirkt positiv und signifikant mit einem höheren Wohlfahrtsgrad für verschiedene Stakeholder.[5]

Mitbestimmung und Produktivität

Welchen Einfluss die Mitbestimmung genau auf die Produktivität hat, lässt sich kausal nicht einfach abbilden. Denn auch die Produktivität und das Produktivitätswachstum ergeben sich in der Realität aus einem Bündel an Kennziffern.

Im Folgenden werden drei Beispiele herausgegriffen, die im Zusammenhang mit der Produktivität stehen. Das ist die Rolle der Mitbestimmung für das Investitionsverhalten, den wirtschaftlichen Erfolg und das Ausbildungsverhalten von Unternehmen.

Der Mitbestimmungsindex MB-ix nimmt hierbei eine markante Rolle ein. Er schafft die empirisch valide Grundlage dafür, Aussagen über die Wirkungsweise und Leistungsfähigkeit der Mitbestimmung im Aufsichtsrat zu formulieren. Auf seine Ergebnisse beziehen sich die hier vorgestellten Studien.

Mit dem MB-ix wird die Verankerung der Mitbestimmung im Aufsichtsrat messbar gemacht, um ihre Bedeutung für wirtschaftliche, soziale und ökologische Performanz zu erforschen.

Der MB-ix umfasst sechs Komponenten[6]:

  1. die Zusammensetzung des Aufsichtsrats nach Anzahl und Art der Mandate der Arbeitnehmervertreter*innen,
  2. die interne Struktur, d.h. die Position und das Mandat des oder der stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden,
  3. die Existenz und die Besetzung der Ausschüsse und
  4. die Internationalisierung und Existenz grenzüberschreitender Arbeitnehmervertretungen. Die zwei weiteren eher indirekt wirkenden Komponenten sind
  5. die Einflussmöglichkeit des Aufsichtsrats basierend auf der Rechtsform und
  6. die Existenz eines eigenständigen Personalressorts im Vorstand.

Einfluss auf das Investitionsverhalten

Eine der Analysen untersucht, ob die Mitbestimmung im Aufsichtsrat einen Einfluss auf das langfristig orientierte Investitionsverhalten der Unternehmen hat.[7] Eine durchgeführte robuste Regression ergibt einen statistisch signifikant positiven Zusammenhang zwischen Mitbestimmungsstärke und Investitionsrate. Das Schätzmodell kommt zum Ergebnis, dass in Unternehmen mit einem MB-ix=0 die Investitionsrate bei 2,6% liegt, in Unternehmen mit einem MB-ix=100 hingegen bei 3,6%.

Die Mitbestimmung scheint damit förderlich zu sein für die Investitionsintensität der Unternehmen.

Auswirkungen auf die wirtschaftliche Performanz

Die zweite Analyse geht der Frage nach, ob die Mitbestimmung eine Auswirkung auf die strategische Ausrichtung und die wirtschaftliche der Unternehmen hat.[8]

Die Untersuchung zeigt, dass es in hoch mitbestimmten Unternehmen wahrscheinlicher ist, dass eine Differenzierungsstrategie verfolgt wird. Im Gegensatz dazu ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass hoch mitbestimmte Unternehmen eine Kostenführerstrategie wählen.

Neben der Wahl der Strategie gibt es auch Differenzen in Hinblick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Stark mitbestimmte Unternehmen weisen im Durchschnitt eine höhere Performanz gemessen durch die EBIT-Marge, den ROA und den Cash-Flow-per-Share, auf als schwach mitbestimmte Unternehmen; wobei dieser Unterschied besonders stark bei den Unternehmen ist, die eine Differenzierungsstrategie verfolgen.

Die Studie bestätigt die Vermutung, dass in „Hochlohnländern“ wie Deutschland Unternehmensstrategien mehr Zukunftschancen haben, wenn sie auf Qualität der Produkte und Dienstleistungen sowie auf Innovationen (Differenzierungsstrategie) setzen statt auf Kostenvorteile.

Einfluss auf die Ausbildungsquote

Die dritte Analyse fokussiert auf die berufliche Ausbildung der Unternehmen in Deutschland, die in verschiedenen MB-ix-Analysen aufgegriffen wurde.

Es gibt einen signifikant positiven Einfluss des MB-ix auf die Höhe der Ausbildungsquote.

Die Ausbildungsquote in den nicht mitbestimmten Unternehmen ist niedriger und volatiler als in den mitbestimmten Unternehmen.[9]

Für das Sample der 50 größten Unternehmen in Berlin wurde gezeigt, dass die Unternehmen, die die meisten Auszubildenden haben, auch das höchste Niveau an Mitbestimmung im Aufsichtsrat aufweisen[10] (Scholz 2020).

Zusätzlich durchgeführte Regressionsanalysen haben belegt, dass die Unternehmensgröße und die Branche keinen Einfluss auf die Ausbildungsquote haben. Somit scheint die Mitbestimmung ein höheres und stabileres Ausbildungsniveau in den Unternehmen zu begünstigen.

Einfluss auf relevante Faktoren für Produktivität

Der MB-ix liefert bisher keine ganz genauen Belege dafür, dass die Unternehmensmitbestimmung einen direkten Einfluss auf die Produktivität hat. Allerdings ist das auch davon abhängig, wie Produktivität verstanden und gemessen wird.

Der MB-ix zeigt, dass Unternehmen mit einer hohen Verankerung der Mitbestimmung höhere Investitions- und Ausbildungsquoten haben – u nd dass es gleichzeitig einen positiven Einfluss der Mitbestimmung auf die wirtschaftliche Performanz der Unternehmen gibt. Alle diese Faktoren sind hoch relevant für die Produktivität der Unternehmen.

Literatur

[1] Die folgenden Angaben stützen sich auf Analysen der Hans-Böckler-Stiftung zur Struktur der Unternehmen in Deutschland im Jahr 2017. Wir danken Henrik Steinhaus und Stephan Kraft.

[2] Herzog-Stein, Alexander & Lindner, Fabian (2017): Mitbestimmung: Sicher durch die Krise. In: Böckler-Impuls Nr. 17, Hans-Böckler-Stiftung: Düsseldorf.

[3] Rapp, Marc Steffen & Wolff, Michael (2019): Starke Mitbestimmung – stabile Unternehmen. Eine empirische Analyse vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise. Düsseldorf: I.M.U.-Report Nr. 51.

[4] Redeker, Nils (2019): Unlocking Europe’s Piggy Bank. Corporate Saving, Labor Power and Policies for Investment: Berlin, Jacques Delors Centre Berlin, Policy Paper.

[5] Vitols, Sigurt (2019):  What drives sustainability in companies? Examining the influence of board level employee representation on responsible practices in large European companies. Paper presented at ILERA-Congress, Sept. 5-7 2019, Düsseldorf. Untersucht wurden Nachhaltigkeitsindikatoren für Unternehmen in den sechs Feldern Personal, Umwelt, Menschenrechte, Unternehmensethik, Gesellschaftsbezug und Corporate Governance.

[6] Für eine ausführliche Darstellung sei auf Scholz, Robert & Vitols, Sigurt (2016) Der Mitbestimmungsindex MB-ix. Wirkungen der Mitbestimmung für die Corporate Governance nachhaltiger Unternehmen. Mitbestimmungsreport 22. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. Umfassende Präsentation des Projekts im Internet unter: www.mitbestimmung.de/mbix.

[7] Vitols, Sigurt & Scholz, Robert (2021): Unternehmensmitbestimmung und langfristige Investitionen in deutschen Unternehmen. In: WSI-Mitteilungen 74 (2), S. 87–97.

[8] Campagna, Sebastian; Eulerich, Marc; Fligge, Benjamin; Scholz, Robert & Vitols, Sigurt (2020): Entwicklung der Wettbewerbsstrategien in deutschen börsennotierten Unternehmen. Der Einfluss der Mitbestimmung auf die strategische Ausrichtung und deren Performanz. Mitbestimmungsreport 57. Düsseldorf: Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung der Hans-Böckler-Stiftung.

[9] Scholz, Robert (2017): Der MB-ix und ‚Gute Arbeit‘ – Was wir messen können. Wirkungen der Mitbestimmung auf Personalstruktur und Arbeitsbedingungen. Mitbestimmungsförderung Report 32. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung; Scholz, Robert (2021): Labour in the Board and Good Work: How to Measure and Evidence From Germany. In: Management Revue 32 (3), p. 147-171 (Special Issue about Good Work) (im Erscheinen).

[10] Scholz, Robert (2020): Regionale Gestaltung von Arbeit. Beschäftigung, Mitbestimmung, Personalaufwand und Ausbildung in den 50 größten Unternehmen in Berlin. WZB Discussion Paper SP III 2020-301. Berlin: WZB.



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