Von Gründermythen und Sprunginnovationen

Unsere Welt befindet sich bereits heute im stetigen Wandel und wird sich auch in den kommenden Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit verändern. Bis 2030 werden wir mehr Fortschritt erleben, als in den vergangenen 100 Jahren. Grund dafür ist die disruptive Kraft und exponentielle Entwicklung neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Sensoren, Roboter, 3D-Druck, 5G, Cloud Computing und Co.

All diese Technologien können für sich alleine schon ganze Industrien umwälzen. Kombiniert man sie miteinander, wächst auch ihre Innovationskraft exponentiell. Diese Veränderungen stehen uns unweigerlich bevor. Die entscheidende Frage ist, ob Deutschland und Europa hier eine Rolle spielen und diese Entwicklungen mitlenken werden.

Lange Zeit sah es so aus, als hätten wir die Digitalisierung verschlafen und als würden die USA und China an uns vorbeiziehen. Und tatsächlich haben wir die erste Welle an technologischen Innovationen – Internet, Cloud, E-Commerce, Social Networks – verpasst.

Während in den USA Tech-Giganten wie Amazon, Apple, Google & Facebook und in China die Gegenplayer Alibaba, Tencent und Baidu entstanden sind, haben Deutschland und Europa keine relevanten Unternehmen in den oben genannten Bereichen hervorgebracht. Lediglich SAP als deutsches Softwareunternehmen und Spotify als schwedischer Musik-Streaming-Dienst sind nennenswerte Gründungen aus dieser Zeit.

Doch es besteht noch Hoffnung für die zweite Welle: Auch wenn wir noch vieles aufzuholen haben, ist ein Mindset Shift in Deutschland und Europa klar erkennbar. Inzwischen zählt Europa 60 Einhörner, also Firmen, die innerhalb der ersten 5 Jahre nach Gründung eine Bewertung von über 1 Milliarde Dollar erreicht haben.

Trotz der Pandemie wurden 2020 rund 40 Milliarden Dollar in Europäische Tech Startups investiert. Das ist ein Anfang, auch wenn in Nordamerika im selben Jahr 140 Milliarden Dollar in Tech Startups investiert wurden, wie der Atomico State Of European Tech Report anschaulich dargestellt hat. Unser Ziel muss es sein, selber 1 – 2 Tech-Champions in Europa aufzubauen, die dann einen Teil ihres Kapitals ins Ökosystem zurück investieren und so aus Europa erneut einen Innovationsstandort machen.

Die Bilanz europäischer Startups ist im Schnitt sogar besser als die in den USA. Natürlich liegt das zu großen Teilen daran, dass in Europa gezielter und weniger Risiko-freudig investiert wird. Doch wie das Handelsblatt kürzlich berichtete, schauen immer mehr US-amerikanische VC’s auf den europäischen Markt, da hier oft die erfolgsverprechenderen Unternehmen zu finden sind.

So ist erst kürzlich einer der bekanntesten und erfolgreichsten US-VC’s, Sequoia Capital, die auch schon in Apple, Paypal, Uber, Whatsapp, AirBnB und co. investierten, in das ERP-Startup Xentral aus Augsburg eingestiegen. Ich habe mit Freigeist 2018 in Xentral investiert, als das Team nur aus den beiden Gründern bestand. Heute arbeiten bereits über 70 Leute bei Xentral und das Unternehmen hat eine Wachstumsrate von 3x. Wir sind überzeugt, dass Xentral neben SAP zu einem relevanten cloud-basierten ERP-Software-Unternehmen werden kann. Genau diese Art von Innovation wird es in den nächsten Jahren in den unterschiedlichsten Industrien geben und wir haben das Potenzial und das nötige Talent, um hier ganz vorne mitzuspielen.

Gerade in Deutschland ist die Ingenieurskunst immer noch tief verankert. Wir haben herausragende technische Unis, prozentual gesehen weltweit die meisten Menschen mit hochrangigen Abschlüssen und eine Arbeitsmoral, die es uns ermöglichen sollte, auch in kritischen Bereichen Innovation voranzutreiben.

Ein sehr gutes Beispiel für eine wahre Disruption im technischen Bereich ist Lilium Aviation. Das Münchener-Unternehmen, in das wir mit Freigeist 2016 investiert haben, hat im Grunde das Fliegen neu erfunden. Während die meisten Flugtaxi-Projekte größeren Drohnen oder Hubschraubern ähneln, hat Lilium einen Jet entwickelt, der senkrecht startet und landet, in der Luft aber vom Senkrecht- in den Horizontalflug wechselt und so eine deutlich höhere Gesamteffizienz erreicht. Auch nach zahlreichen erfolgreich absolvierten Testflügen gibt es noch kritische Stimmen, die dies nicht für möglich halten. Das zeigt: Wir haben zwar das nötige Talent, um wahre Innovation hervorzubringen, aber einigen von uns fehlen noch die Vorstellungskraft und das nötige Mindset.

Ich denke, viele Deutsche haben noch nicht verstanden, welche unglaublichen Disruptionen mit neuen technologischen Entwicklungen möglich sein werden. Das liegt zum einen an unserer Natur – wir sind Bedenkenträger, Realisten, von Grund auf eher skeptisch – zum anderen aber auch daran, dass uns in Deutschland die Helden fehlen, die vormachen, dass es auch anders geht.

In den USA können junge Unternehmer zu Menschen wie Elon Musk oder Jeff Bezos aufschauen und sehen, dass Menschen, die anfangs für ihre Visionen belächelt wurden, es schaffen können. Hierzulande fehlen aktuell noch diese wichtigen Vorbildfunktionen. Wir müssen dringend eine Kultur des Scheiterns etablieren, uns auch mal trauen, ein Risiko einzugehen, auch wenn wir dabei eventuell einen Fehler machen. Wir müssen lernen, groß zu denken. Deshalb spreche ich so gerne von dem dringend nötigen Mindset-Wechsel zu einer 10xDNA, wie ich sie in meinem Buch beschreibe.

Doch welche Impulse braucht es neben dem richtigen Mindset noch, vor allem aus Wirtschaft und Politik?

Wie eben schon kurz angerissen, fehlt der europäischen Tech Szene vor allem eins: das nötige Kapital. Wahre Disruptionen erfordern meist hohe Investitionssummen, doch kaum jemand in der europäischen VC-Szene kann derartig große Schecks schreiben.

Deshalb wünsche ich mir Unterstützung aus der Wirtschaft, insbesondere vom aktuell noch sehr stark aufgestellten deutschen Mittelstand. Ich sage noch, denn auch hier werden Disruptionen in den nächsten Jahren die Spielregeln neu schreiben. Insbesondere unsere Industrie wird sich komplett verändern. Mittelständler sollten diese Veränderungen im Auge behalten und in Startups investieren, die an diesen Disruptionen arbeiten, bevor sie von ihnen überrollt werden.

Es ist im beidseitigen Interesse, dass der Mittelstand und die Startup-szene sich jetzt zusammentun, um mit vereinten Kräften eine Chance gegen die disruptiven Player aus den USA zu haben, die unweigerlich früher oder später auch in anderen Bereichen unsere Wirtschaft angreifen werden. In der Autoindustrie konnte man es am Beispiel Tesla bereits sehr gut erkennen, wie schnell ein disruptiver Player eine ganze Industrie auf den Kopf stellen kann.

Auch die Politik muss hier in meinen Augen im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitlenken. Schon 1-2 % aus den wirklich großen Geldtöpfen gesetzlicher Renten- und Krankenversicherung könnten einen großen Einfluss auf die deutsche Innovationslandschaft haben und, wenn man sich die aktuellen Tech-Werte an der Börse anschaut, potenziell große Gewinne zurückspielen.

Organisationen wie der HTGF, der wie ein VC agiert, aber aus staatlichen Mitteln finanziert ist, oder die Agentur für Sprunginnovationen der Bundesregierung SprinD sind ein guter Start. Aber wenn wir mit den tiefen Taschen der US-Unternehmen und deren Investitionsbereitschaft in Technologie mithalten wollen, muss auch hierzulande noch einiges passieren.

Neben dem Kapital kann die Politik auch in Form von rechtlichen Rahmenbedingungen die Weichen für Sprunginnovationen stellen, indem sie schneller auf technologische Entwicklungen reagiert und Umgebungen erschafft, in denen kluge Köpfe ihre Visionen erst einmal umsetzen können, bevor sie sich den oftmals noch sehr langwierigen bürokratischen Herausforderungen stellen. Es müssen in Zukunft deutlich schneller neue Regulierungen und Gesetze verabschiedet werden, da für Sprunginnovationen logischerweise in den meisten Fällen keine bestehenden Regulierungen angewendet werden können.

Hier auch nochmal ein klarer Appell an die Politik: Manche Innovationen, wie zum Beispiel die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, sollte sogar unbedingt reguliert werden, um schlimme Folgen für unsere Gesellschaft zu verhindern. Wichtig ist, dass wir diese Entwicklungen zielführend und agil mitlenken.

Ich halte Deutschland für ein Land mit hohen ethischen Werten und ich möchte mir keine Welt vorstellen, in denen die USA und China alleine über globale Fragestellungen und die Entwicklungen disruptiver Technologien entscheiden. Deshalb ist es in meinen Augen extrem wichtig, dass wir hierzulande und in Europa jetzt die Ärmel hochkrempeln, aus unseren gewohnten Denkmustern ausbrechen und wieder zum Innovationsstandort werden.

Dieser Beitrag erschien zunächst auf dem Blog Fostering Innovation



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