Warum die meisten Diskussionen über Digitalisierung uns in die Irre führen

Digitalisierung und Produktivität sind wie füreinander geschaffen, sie müssten eigentlich zwei Seiten einer Medaille sein. Doch so einfach ist das Leben nicht. Denn bereits in den 1980er-Jahren, als ich die Welt der IT betrat, lautete ein geflügeltes Wort: „One can see the computer age everywhere except in the productivity statistics“.

Dieser flapsige Satz von Robert Solow beschreibt sehr eingängig das, was die wissenschaftliche Literatur als ‚Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie‘ kennt – die Tatsache, dass aus sehr hohen IT-Investitionen in den meisten Firmen keine entsprechenden Produktivitätsfortschritte ableitbar waren.

Das ist heute, 35 Jahre später, an vielen Stellen immer noch so – beim Staat und seinen Organisationen sogar fast flächendeckend. Und auch die Gründe dafür haben sich nicht wesentlich verändert.

Digitalisierung wird oft von Amateuren gemacht.

Im privaten Bereich und der Gesellschaft als ganzem kommt zusätzlich ein neuer Effekt hinzu: Oft wird hier die Digitalisierung von Profis gemacht, die ganz andere Interessen haben als derjenige, der ihre Folgen trägt.

Was ist das Wesen der Digitalisierung?

Aber eins nach dem anderen. Digitalisierung klingt simpel: Aus analog mach digital. Schauen wir genau hin, finden wir jedoch zwei Bedeutungen.

Was Digitalisierung im (alten) engeren Begriffsverständnis für das Papierdokument ist, das wir einscannen und damit elektronisch speicher- und verarbeitbar machen, wird Digitalisierung im (neuen) weiteren Sinne für die gesamte Welt: Wir versuchen, alle Dinge um uns herum mit digitalen Techniken zu erfassen, damit sie elektronisch speicher- und verarbeitbar werden.

Zusätzlich wollen wir nun auch die Ergebnisse dieser Verarbeitung wieder in die reale Welt zurückspielen, etwa durch elektronische Anzeigen oder Robotik aller Art. So beeinflusst der Pilot in modernen Flugzeugen schon lange nicht mehr direkt die flugkritischen Systeme, sondern nimmt eine Einstellung im elektronischen System vor, das seinerseits einen Elektromotor ansteuert, der die Veränderung vornimmt („fly by wire“).

Das Wesen der Digitalisierung ist also nichts anderes, als eine Verbindung der virtuellen und der realen Welt zu schaffen, dergestalt, dass diese schließlich miteinander verschmelzen. Dabei ist heute oft die Rede von Künstlicher Intelligenz.

‚Intelligent‘ im menschlichen Sinne sind diese Systeme nicht. Fast immer basieren sie auf simplen Regeln oder auf induktiver Statistik mit automatisierter Modellbildung und -auswahl: eine höhere Form der Mustererkennung.

Die Potentiale sind dennoch enorm, von bedarfsgerechter Maschinenwartung über die Erkennung von Krankheiten und die Interpretation von Geschäftsvorfällen bis hin zur Vorhersage des Kundenverhaltens mit optimaler Abschöpfung der Zahlungsbereitschaft.

© motointermedia – pixabay.com

Ein kleiner Wermutstropfen: Nicht selten spielen eine gesunde Portion Naivität und mangelndes Know-how mit. Auch bei den vermeintlichen Musterknaben: So musste Amazon (!) ein HR-System komplett wieder einstampfen, da die Künstliche Intelligenz hartnäckig Frauen und Minderheiten benachteiligte.

Wie kann so etwas passieren? Ziemlich einfach, wenn als Datengrundlage die Einstellungsentscheidungen der letzten 20 Jahre verwendet werden, die das System dann nachahmt… Oder wie es einer meiner Studenten in der Datenbankvorlesung trocken formulierte: „garbage in, garbage out“.

Welche Faktoren entscheiden das Spiel?

In meinem Buch „Die verblendete Republik – warum uns keiner die Wahrheit über die Digitalisierung sagt“ habe ich das magische Dreieck aus Technik – Wirtschaft – Mensch/Gesellschaft aufgezeigt – in dem zwar einerseits tiefes Wissen in jedem der Bereiche erforderlich ist, aber andererseits vor allem die Beherrschung der zahlreichen und vielschichtigen Interdependenzen zwischen den drei Faktoren die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg determiniert.

Das Tückische: Digitalisierung ist ein komplexes Problem, das sehr einfach aussieht.

Weswegen jeder dazu eine Meinung hat, aber fast niemand wirklich zusammenhängendes Wissen. Und genau hier liegen auch die Gründe, warum in der öffentlichen Diskussion in Deutschland so viel Unfug erzählt – und auch geglaubt – wird.

Was ist das Problem an der öffentlichen Diskussion?

Erstens verstehen nur wenige das Thema in die Tiefe. Kein Wunder: Ohne Ahnung von der Technik hat keiner eine ernsthafte Chance, das Dreieck zu verstehen. Und wir bestehen darauf, unsere Schulkinder zu perfekten Smartphone-Konsumenten zu machen, aber nicht in Informatik auszubilden.

Alle benutzen Google und keiner weiß, wie die Ergebnisse zustande kommen. Alle reden über 5G, keiner versteht etwas davon. Aber selbst wer die Technik beherrscht, dem fehlen noch immer zwei Drittel des Dreiecks. Denn das Spannende erkennt man nur im Zusammenhang. Doch auch in Universitäten und Firmen achten wir darauf, dass die drei Silos immer schön getrennt bleiben.

Zweitens gibt es eine Menge Blender. Solche, die das Spiel verstehen und noch viel mehr, die dies nur vortäuschen – und beide Gruppen haben überhaupt kein Interesse daran, ihr Wissen transparent zu machen. Weil sie nun allen anderen sagen können, dass das Thema viel zu komplex ist, um es zu erklären.

Und sich als angebliche ‚Digitalexperten‘ Vorteile sichern können, die oftmals mit Digitalisierung gar nichts zu tun haben, vor allem in der Politik und in großen Unternehmen. Oder sie schweigen, weil sie diejenigen sind, denen die Technologie gehört, für die sie ganz dezent die Regeln bestimmen. In unseren Smartphone-Apps zum Beispiel.

Und drittens wollen viele die Wahrheit gar nicht wissen. Damit sie die bequemen und verführerischen digitalen Technologien sorglos weiter nutzen können. Dabei ist das schon jetzt kaum und in Zukunft – mit Künstlicher Intelligenz, Sensoren im privaten und öffentlichen Raum sowie digitalen Implantaten – noch viel weniger möglich, ohne dass die Folgen die Grundpfeiler von Wirtschaft und Gesellschaft erschüttern.

Denn es geht vor allem um eines: um Kontrolle. Das Grundübel der digitalen Welt ist, dass jemand anders Ihnen seinen Willen aufzwingen kann. Und das auch macht. Auf der persönlichen Ebene ebenso wie zwischen Unternehmen und zwischen Staaten.

Falls Sie sich bei den zugehörigen Desastern nun an den Hauptstadtflughafen erinnert fühlen, bitte: Das Vorzeigeprojekt der Bundesregierung, die ‚IT-Konsolidierung Bund‘, bewegt sich bei Kostensteigerung und zeitlicher Verzögerung langsam auf die Dimensionen des BER zu.

Das alles ist kein Zufall. Denn das Problem ist: Digitalisierung ist gar nicht das Problem.

Sondern macht nur die Probleme sichtbar, die durch viele Jahre kurzsichtiges und opportunistisches Handeln entstanden sind.

Wie sollten wir mit der Digitalisierung umgehen?

In der Digitalisierung gibt es, wie überall im Leben, keine Abkürzungen: Wer nachhaltige Ergebnisse will, muss nachhaltig arbeiten. Um im ‚magischen Dreieck‘ erfolgreich zu sein, müssen wir sowohl die Ausbildung als auch unsere Herangehensweise vollständig verändern.

Wenn Digitalisierung funktionieren soll, ist sie kein Lifestyle-Thema, sondern eine Ingenieuraufgabe – eine große und komplexe zwar, aber eine lösbare. Vorausgesetzt, man bringt sowohl das Know-how mit als auch den Willen, systematisch und gründlich zu arbeiten.

Ob es um Produktivität im Unternehmen geht, um Digitale Transformation von Schule und Verwaltung oder die Regulierung der Technologiekonzerne. Die schlechte Nachricht ist: Wer uns etwas anderes erzählen will, erzählt Märchen. Oder klickt sich Lösungen zusammen, die am Ende eben doch nicht vernünftig funktionieren. Egal, wie schick und modern sie aussehen.

In der Welt kennt man Deutschland noch immer als Ingenieurnation mit legendärem Ruf.

Wollen wir wirklich, dass eine Handvoll ausländischer Konzerne bestimmen, wie wir leben sollen?

Meine Empfehlung ist: Hören wir nicht auf die Blender, sondern machen wir endlich unsere Hausaufgaben. Tragen wir den deutschen Ingenieurgeist in die Digitalisierung. Besinnen wir uns wieder auf unsere Fähigkeiten und ziehen wir am selben Strang. Idealerweise noch in dieselbe Richtung.

Dann können wir als Gesellschaft gegen die Apple, Google, Facebook und Amazon dieser Welt zumindest noch ein Unentschieden herausholen. Oder als Unternehmen Produktivitätssteigerungen, die ihresgleichen suchen.



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