Was die Digitalisierung den Verbrauchern bringt

Wir erleben im Moment die paradoxe Situation, dass digitale Technologien sich rasanter denn je zu wandeln scheinen, während das Wirtschaftswachstum und das Wachstum der Arbeitsproduktivität in industrialisierten Ländern seit mehreren Jahrzehnten im Trend zurückgeht. Woran das liegt, beleuchtet dieser Beitrag anhand von gesamtwirtschaftlichen Größen und Daten.

Für alle augenscheinlich sind die Veränderungen in den verfügbaren digitalen Technologien selbst, die Verbraucher heute nutzen können, indem sie Laptops und Smartphones kaufen, einen Internetanschluss oder einen Mobilfunkvertrag bezahlen. Zusätzlich zu den Konsumausgaben gibt es Wohlfahrtsgewinne, die durch die Nutzung digitaler Dienste (wie zum Beispiel Wikipedia oder Google) entstehen, welche entweder kostenfrei verfügbar sind oder für die wir indirekt durch die Preisgabe unserer Daten bezahlen.

Aber diese Wohlfahrtsgewinne zählen nicht zum Bruttoinlandsprodukt, da sie als Gegenwert keine (oder nur schwer zuordenbare) Einkommen für Kapital und Arbeit schaffen. Ein bedeutender Konsumzuwachs entsteht aber auch als Teil des Bruttoinlandsproduktes, wenn digitale Technologien genutzt werden, um andere, nicht-digitale Güter oder Dienstleistungen günstiger oder in besserer Qualität zu produzieren.

Wohlstandsmehrung durch Digitalisierung in der Vergangenheit

Die Zeit, in der Computertechnologie bisher den größten Beitrag zum Wirtschaftswachstum geleistet hat, waren die Jahre 1995 bis 2000. Manche Beobachter gehen davon aus, dass die künftigen Wachstumschancen die bisher realisierten bei Weitem übersteigen. Im Moment knüpfen die messbaren Produktivitätsbeiträge der Digitalisierung aber nicht einmal an die des ersten Internetbooms an. Insofern könnten wir für einen vorsichtig optimistischen Blick auf künftiges Produktivitätswachstum dank Digitalisierung zunächst einmal versuchen zu verstehen, welche Wohlstandsmehrung Digitalisierung in der Vergangenheit geschaffen hat.

In einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie messen Chuan Liu und die Autorin dieses Beitrags diese Wohlstandsmehrung als Arbeitsproduktivitätssteigerung in der Erzeugung von Endprodukten (siehe Link unter dem Beitrag). Wir betrachten mit einem Growth-Accounting-Ansatz beispielhaft die Gesamtheit der Endprodukte, die in sieben Ländern hergestellt werden: Australien, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Italien, Spanien und USA. Endprodukte sind all diejenigen Produkte, die nicht in weiteren Herstellungsschritten aufgehen, also Produkte für Konsum, Staatsverbrauch oder Investition in Kapitalgüter. Um die gesamten Produktivitätssteigerungen bei der Erzeugung der Produkte zu erfassen, muss die Untersuchung auf der Ebene der Wertschöpfungsketten durchgeführt werden. Das bedeutet, das alle Wertschöpfungsbeiträge zum Produkt in verschiedenen Ländern und Sektoren berücksichtigt werden.

Der Wert beispielsweise eines Kühlschranks setzt sich dann zusammen aus der Wertschöpfung in der herstellenden Branche, aber auch aus der Wertschöpfung der Branchen, die Rohstoffe und Teile für den Kühlschrank liefern, und der Wertschöpfung der Branchen, die Forschungs-, Buchhaltungs-, Beratungs- oder Reinigungsdienstleistungen für die produzierenden Branchen durchführen. In allen diesen (inländischen wie ausländischen) Branchen kann die Digitalisierung die Arbeitsproduktivität steigern und somit dazu beitragen, dass mit einem gegebenen Arbeitseinsatz mehr oder bessere Kühlschränke hergestellt werden können.

Das Gleiche kann potenziell für jedes andere Produkt gelten, auch für Dienstleistungen. Digitalisierung messen wir in diesem Zusammenhang als Zunahme des Kapitals in Form von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), das heißt in Form von Computerhardware, Telekommunikationsausrüstung und Software, die in Unternehmen eingesetzt werden.

Wir finden heraus, dass die Produktivitätsbeiträge der Digitalisierung in der Güterproduktion zu mehr als der Hälfte in vorgelagerten Sektoren entstehen. Beispielsweise ist die Arbeitsproduktivität bei der Herstellung von Gütern des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland (ohne IKT-Güter) im Zeitraum von 1995 bis 2000 durch Digitalisierung um jährlich 0,45 Prozent gewachsen. Allerdings hat dieser Sektor selbst dazu nur 0,1 Prozentpunkte beigetragen. Der restliche Beitrag entfällt auf vorgelagerte Stufen anderer deutscher Sektoren oder ausländischer Sektoren.

Produktivitätssteigerungen entstehen inländisch

Der wichtigste vorgelagerte Sektor, der über alle betrachteten Länder und Produkte hinweg durch höhere Digitalisierung dazu beiträgt, dass Endprodukte in nachgelagerten Sektoren günstiger oder in besserer Qualität produziert werden, ist der Sektor der Finanz- und Unternehmensdienstleistungen. Der zweithöchste Beitrag dieser Art entsteht im Durchschnitt bei den Handels- und Transportdienstleistungen. Der Großteil der Beiträge der Digitalisierung zur Produktivitätssteigerung entlang von Wertschöpfungsketten entsteht inländisch.

Wenn wir uns dann der Frage zuwenden, welche Güter und Dienste denn nun in besonderem Maße günstiger oder besser hergestellt werden können dank Digitalisierung, sehen wir, dass Produktivitätssteigerungen durch Digitalisierung sich als sehr weit verbreitet erweisen. Sie betreffen Güter insgesamt in ähnlichem Maße wie Dienstleistungen und beschränken sich nicht auf einige wenige Kategorien. Innerhalb von Gütern einerseits und Dienstleistungen gibt es andererseits einen deutlich hervortretenden Unterschied: Güter und Dienste, deren Produktion als wissensintensiv gilt, erfahren größere Produktivitätssteigerungen. Die entsprechenden Wertschöpfungsketten weisen ein größeres Potential für den produktivitätssteigernden Einsatz von IKT auf.

© Gerd Altmann – pixabay.com

Um einordnen zu können, wie bedeutsam die Produktivitätssteigerungen durch Digitalisierung bei der Herstellung von nicht-digitalen Produkten sind, haben wir überschlagsweise die Produktivitätssteigerungen bei digital basierten Produkten und Diensten mit einem grob geschätzten Konsumausgabenanteil von 5 Prozent gewichtet und die, die durch Digitalisierung bei anderen Produkten entstehen, mit einem Konsumausgabenanteil von 95 Prozent. Dann ergibt sich, dass enorme Produktivitätszuwachsraten bei digitalen Produkten gewichtet mit diesem kleinen Anteil etwa ein Viertel mal bis halb so hoch sind wie moderate Produktivitätszuwächse durch Digitalisierung bei allen anderen Produkten, die sich aber über eine sehr breite Palette aufsummieren.

Spektakulären Verbesserungen im Bereich des digitalen Konsums stehen somit vergleichsweise kleine, aber weitverbreitete Verbesserungen im Bereich nicht-digitalen Konsums gegenüber. Gleichzeitig ist die Wohlstandszunahme im Bereich der digitalen Produkte keinesfalls vernachlässigbar. Für industrialisierte Länder kann der mit dem überschlagsweisen Budgetanteil gewichtete jährliche Produktivitätszuwachs beim Endverbrauch und insbesondere beim Konsum von nicht-digitalen Produkten für die Jahre 1995 bis 2007 mit etwa einem halben bis einem Prozentpunkt pro Jahr beziffert werden, während sich der mit dem Budgetanteil gewichtete Zuwachs für digitale Produkte eher in der Größenordnung von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten bewegt.

Wenn es nun einerseits darum geht, eine Vision zu entwerfen, wie mehr Digitalisierung den Lebensstandard verbessert, dürfen somit stetige, aber kleinschrittige Innovationsprozesse nicht aus den Augen verloren werden. Es bedarf möglicherweise auch neuer Ideen, diese kurzfristig unspektakulären Wohlstandszuwächse politisch zu kommunizieren. Bei der Frage, wo andererseits politische Maßnahmen ansetzen sollten, um Produktivitätssteigerungen zu unterstützen, zeigen unsere Analysen, dass es gilt, gesamte nationale Produktions- und Innovationssysteme in den Blick zu nehmen und nicht einzelne Produkte oder Branchen.

Denn bedeutende Steigerungen der Produktivität und damit auch der Wettbewerbsfähigkeit entstehen durch Digitalisierung insbesondere bei Gütern erst, wenn man die Vorleistungsstufen mit einbezieht. Die vergleichsweise geringen ausländischen Beiträge sollten nicht so interpretiert werden, dass Globalisierung keine Bedeutung hat. Aber mit Blick auf Steigerungen der Wettbewerbsfähigkeit durch Digitalisierung kann der nationale Rahmen immer noch ein wichtiger und wirkungsvoller sein.

Den Artikel „ICT and Productivity Growth within Value Chains“ von Chuan Liu und Marianne Saam (beide Ruhr-Universität Bochum) finden Sie hier.



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