Schatten laufender Männer auf Tartanbahn

Macht Wettbewerb wirklich produktiver?

Fördert Wettbewerb das Produktivitätswachstum? Wenn ja: Ist das Wachstum dann inklusiv oder profitieren nur wenige? Das sind zentrale Fragen in unserem Projekt „Produktivität für inklusives Wachstum.“ In diesem Beitrag möchten wir den aktuellen Forschungsstand zu diesen Zusammenhängen aufzeigen.

Wir beobachten ein verringertes Produktivitätswachstum in nahezu allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit Anfang der 2000er-Jahre. Die genauen Ursachen hierfür sind noch nicht bekannt. Es scheint aber erste Hinweise darauf zu geben, dass der Rückgang unter anderem durch ein verändertes Wettbewerbsumfeld erklärt werden kann (De Loecker und Eeckhout, 2017).

Unklar bleibt immer noch, warum dieser Zusammenhang besteht. Weitestgehend unbestritten ist, dass Wettbewerb positive Effekte auf die ökonomische Wohlfahrt hat, also vereinfacht gesagt, auf den allgemeinen Lebensstandard einer Volkswirtschaft. Die Verbraucher profitieren von geringeren Preisen, die sogenannte Konsumentenrente und der allgemeine Lebensstandard steigen. Doch der Blick auf die Produktivität betrachtet im Gegensatz zur Profitabilität keine Preiseffekte. Die Produktivität steigt, wenn Unternehmen entweder einen gegebenen Output mit weniger Mitteleinsatz oder bei gleichem Mitteleinsatz mehr Output produzieren – so steigt beispielsweise die Arbeitsproduktivität, wenn pro Arbeitsstunde mehr erwirtschaftet wird.

Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung beschäftigt sich aktuell mit drei Wirkrichtungen des Wettbewerbs auf das Produktivitätswachstum:

  • Wie wirkt Wettbewerb auf die Produktivität der einzelnen Unternehmen?
  • Wie wirkt Wettbewerb auf die Produktivität eines gesamten Sektors?
  • Wie wirkt Wettbewerb auf den Motor des Produktivitätswachstums, die Innovationen?

Wie wirkt Wettbewerb auf die Produktivität der Unternehmen?

Ist ein einzelnes Unternehmen produktiver, wenn es mehr Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist? Hierüber gibt es bis heute keinen Konsens. So führte bereits Leibenstein (1966, 1978) das vieldiskutierte Konzept der X-Ineffizienzen ein. Es besagt, dass Unternehmen unter schwächerem Wettbewerbsdruck ihre Ressourcen nicht optimal einsetzen. Das Konzept rüttelte an der Überzeugung vieler Ökonomen, dass Unternehmen – auch Monopolisten – per se bestrebt sind, ihre Kosten zu minimieren (Stigler, 1976; Perelman, 2011).

Erklärungsansätze hierfür blicken tiefer in das Unternehmen hinein. So kann es vorkommen, dass das Management weniger Anstrengungen unternimmt, die Kosten zu senken, als es im Sinne des Unternehmens ist, da dieses mit Aufwand verbunden ist (Hart, 1983; Scharfstein, 1988, Schmidt, 1997). Ob dieser Zielkonflikt unter Wettbewerb größer oder kleiner ist, lässt sich aus der ökonomischen Theorie heraus nicht eindeutig beantworten.

Daher muss die Frage empirisch geklärt werden. Und hier finden Studien in der Tat einen positiven Effekt des Wettbewerbs auf die Produktivität der Unternehmen. Wenn neue Wettbewerber den Markt betreten, unternehmen lang im Markt etablierte Unternehmen Anstrengungen, ihre Produktivität zu steigern, um im Wettbewerb mithalten zu können. So zeigt Matsa (2009), dass durch den Markteintritt von Walmart in viele US-amerikanische Märkte die etablierten Händler ihre Produktpalette und Lieferketten optimiert haben.

Positive Produktivitätseffekte werden auch im internationalen Handel gesehen, also der Öffnung der nationalen Märkte für den internationalen Wettbewerb. Der intensivere Wettbewerb steigert die Produktivität der etablierten Unternehmen, so viele Studien. Bottassu und Sembenelli (2001) zeigen, dass die Einführung des EU-Binnenmarktes zu positiven Produktivitätseffekten für italienische Unternehmen geführt hat. Gleiches bestätigen Aghion et al. (2010) für britische Unternehmen. Doch es kann auch anders herum ausgehen: So prognostizieren Dhingra et al. (2016) negative Effekte auf die Produktivität britischer Unternehmen, wenn sie im Zuge des Brexit den Binnenmarkt wieder verlassen – das Ausmaß der Verlustes hängt von der genauen Ausgestaltung des Deals aus.

Unklar bleibt jedoch immer noch, warum der (internationale) Wettbewerb die Produktivität der Unternehmen erhöht. Hierfür gibt es neuere Erkenntnisse aus der Managementliteratur. Der Schlüssel liegt in der internen Organisation des Unternehmens. Diese ist umso besser, die Qualität des Managements ist umso höher, je stärker ein Unternehmen dem Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist (Bloom und Van Reenen, 2010; Bloom et al., 2018). Die Unternehmen stellen ihre interne Organisation neu auf, optimieren Abläufe und Lieferketten, wenn sie stärkeren Wettbewerbsdruck spüren.


Wie wirkt Wettbewerb auf die Produktivität eines gesamten Sektors?

Die zweite Perspektive schaut auf die Verteilung der ökonomischen Ressourcen zwischen den Unternehmen. Ist ein Sektor insgesamt produktiver, wenn mehr Wettbewerb herrscht? Hier, so die Theorie, können die effizienteren und kostengünstigeren Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen zu geringeren Preisen am Markt anbieten als ineffizientere Unternehmen. Dadurch gewinnen sie Marktanteile und der Wettbewerb führt dazu, dass Ressourcen hin zu produktiveren Unternehmen verschoben werden. Wettbewerb führt somit zu einer Art Darwin‘schen Selektionseffekt. Unproduktivere Unternehmen scheiden ggf. ganz aus dem Markt aus und werden durch produktivere ersetzt, sodass die gesamtwirtschaftliche Produktivität steigt (Jovanovic, 1982; Melitz, 2003).

Dieses geschieht unter anderem durch eine Deregulierung der Märkte oder andere industriepolitische Maßnahmen (Olley und Pakes,1996; Aghion et al., 2015), durch Öffnung der Märkte für internationalen Handel (Bartelsman et al., 2009; Petrin et al., 2011) oder durch konjunkturelle Schwankungen (Foster et al., 2016).


Wie wirkt Wettbewerb auf Innovationen?

Neben dem firmenspezifischen Effekt und dem Reallokationseffekt verbleibt ein dritter Treiber des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums – die Innovationen. Fördert Wettbewerb Innovationen? Hierüber wurde und wird leidenschaftlich gestritten. Kurz gesagt, was sind die Argumente?

Den Arbeiten von Schumpeter (1934-1942) zufolge bringen konzentrierte Märkte, also gerade jene mit wenig Wettbewerb, mehr Innovationen hervor. Ist der Wettbewerb hingegen intensiv, dann haben gerade Unternehmen hinter der technologischen Grenze kaum Anreize aufzuschließen. Warum? Weil der intensive Wettbewerb die ex-post Gewinne, also die Gewinne nach der Innovationstätigkeit, wieder auffrisst, sodass sich die Anstrengungen nicht lohnen (Schumpeter-Effekt). Daneben stehen erst ab einem gewissen Grad von Marktmacht überhaupt die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung, um in Forschung und Entwicklung zu investieren.

Das sehen Vertreter von Arrow (1962) ganz anders. Sie sehen gerade im Wettbewerb den Treiber für Innovationen. Unternehmen im intensiven Wettbewerb versuchen über Innovationen dem Wettbewerb zu entkommen, während ein Monopolist kaum Anreize für Innovationen hätte. Erst der Anreiz auf zukünftige Gewinne belebt die Innovationstätigkeit der Unternehmen (sog. escape-competition-Effekt). Sind die ex-ante Gewinne, also die Gewinne vor der Innovationstätigkeit, bereits hoch – wie im Monopol – wiegen die zusätzlichen Gewinne die Kosten der Innovation kaum auf.

Insofern muss der Zusammenhang wieder empirisch untersucht werden. Und hier stellt sich heraus, dass beide Sichtweisen ihre Berechtigung haben. In einer viel beachteten Studie zeigen Aghion et al. (2005), dass weder zu viel Marktmacht noch zu viel Wettbewerb günstige Voraussetzungen für Innovationen schaffen. Ein gewisses Maß an Marktmacht ist notwendig, um eine optimale Balance zwischen dem Schumpeter-Effekt und dem escape-competition Effekt zu erreichen.

Dieses Kalkül wird durch weitere Evidenz bestätigt. So zeigen Acemoglu et al. (2006), dass Marktzutritte Effekte auf die Innovationstätigkeit der etablierten Unternehmen haben – sowohl positiv als auch negativ. Sind die etablierten Unternehmen nahe an der technologischen Grenze, steigt die Innovationstätigkeit mit der Gefahr des Markteintrittes, um dem Wettbewerb mit Neulingen zu entkommen. Sind die etablierten Unternehmen allerdings weit hinter der technologischen Grenze, lohnen sich Innovationen kaum noch, da der zukünftige Wettbewerb etwaige Gewinne durch die Innovationen auffrisst.

Mit neueren Daten zeigen Foster et al. (2018) einen Zusammenhang zwischen Wettbewerb, Innovationen, Produktivitätswachstum und –dispersion auf. Sie zeigen, dass Markteintritte die Innovationsintensität in einer Industrie signifikant erhöhen. Manche Unternehmen sind erfolgreich, manche nicht. Dieses führt zu einem Anstieg der Dispersion der Produktivität zwischen den Unternehmen. Mit Zeitverzögerung holen die unproduktiveren Unternehmen jedoch wieder auf, sodass die gesamtwirtschaftliche Produktivität langfristig wächst. Acemoglu et al (2018) bestätigen positive Effekte des Markteintrittes neuer Unternehmen auf Innovationen und Produktivität. Sie plädieren darüber hinaus dafür, Marktaustritte unproduktiver Unternehmen zu beschleunigen, um Ressourcen für neue und produktivere Unternehmen freizusetzen.

Was lernen wir daraus?

Wenn man es in einem Satz zusammenfassen wollte, so lässt sich in der Wissenschaft ein weitestgehender Konsens dahingehend feststellen, dass Wettbewerb positive Effekte auf das Produktivitätswachstum hat. Dieses erkennt auch das Bundeswirtschaftsministerium in seinem Leitbild zur Rolle der Wettbewerbspolitik. „Wettbewerbspolitik ist ein Kernelement der Wirtschaftspolitik, denn funktionierender Wettbewerb ist eine wesentliche Voraussetzung für Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung. Eine kluge Wettbewerbspolitik öffnet die Märkte und begrenzt die wirtschaftliche Macht Einzelner. Sie fördert so Innovationen, sorgt für die optimale Verteilung von Ressourcen und stärkt die Souveränität der Verbraucher,“ so das BMWi.

Man kann die Erkenntnisse allerdings auch differenzierter zusammenfassen. So stellt die Literatur auch fest, dass es Gewinner und Verlierer gibt – das Produktivitätswachstum ist also nicht zwingend inklusiv. Wettbewerb führt zu einer Ressourcenverschiebung, produktive Unternehmen gewinnen, unproduktivere scheiden ggf. ganz aus dem Markt aus. Ähnliches gilt für Innovationen: Unternehmen nahe an der technologischen Grenze sind nach wie vor innovativ, Unternehmen weit hinter der technologischen Grenze fallen weiter zurück. In Summe sind solche Ressourcenverschiebungen für die gesamtwirtschaftliche Produktivität wünschenswert, individuell führen sie jedoch zu Härten für die abgehängten Unternehmen, für Arbeitnehmer in den Betrieben und die betroffenen Regionen.

Die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung verändern die Märkte, neue Player drängen hinein und rütteln an etablierten Strukturen. Wie kann eine kluge Wettbewerbspolitik in diesem Umfeld agieren? An welchen Stellschrauben sollte sie drehen, um das Produktivitätswachstum zu fördern? Wie können Härten der Ressourcenverschiebung abgefedert werden? Das wird in einem kommenden Beitrag beleuchtet.



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