„Wichtig ist, Solar- und Windenergie miteinander zu kombinieren“

Photovoltaik wird in unserer nachhaltigen Energiezukunft eine bedeutende Rolle einnehmen, sagt Dr. Harry Wirth. Er forscht am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Im Interview erläutert er, welche Bedeutung Solarstrom in der deutschen Energieversorgung bereits hat – und welche Potentiale noch gehoben werden können.

Herr Dr. Wirth, wie relevant ist Solar-Strom für die deutsche Stromversorgung?

Sehr relevant. An sonnigen Tagen kann PV-Strom zeitweise über zwei Drittel unseres momentanen Stromverbrauchs decken. Aber vor allem vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine wurde klar, wie wichtig es ist, Abhängigkeiten zu vermeiden. Das Ziel ist natürlich nicht, Autarkie zu erreichen. Aber es muss mehr Strom in Deutschland erzeugt werden. Was die Solarmodule angeht, sind wir abhängig vom asiatischen Markt. Aber die Signale wurden verstanden: Es wird nun darüber diskutiert, die europäischen Hersteller und Lieferketten zu stärken.

Könnte Solar-Strom zukünftig relevante Lücken in der Versorgungssicherheit schließen?

Es gibt natürlich Befürchtungen, dass der Strombedarf mit Solarenergie aufgrund der volatilen Erzeugung nicht gedeckt werden kann. Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen aber: Die Versorgungssicherheit hat in den letzten Jahren sogar zugenommen, trotz steigender Solarstromanteile. Wichtig ist, Solar- und Windenergie miteinander zu kombinieren. Denn die Windräder können oft liefern, wenn weniger oder kein Solarstrom erzeugt werden kann: in der kalten Jahreszeit und nachts.

Ist Solar-Strom noch teuer?

Der Preis ist dramatisch gesunken. In einem Umfang, an den vor 20 Jahren nicht mal die Optimisten geglaubt haben. In den meisten Regionen ist Solarstrom die günstigste Form der Energie. Auch die Preise für Module sind stark gefallen: in den vergangenen 12 Jahren um rund 90 Prozent.

Gibt es in Deutschland genügend Flächen für PV? Und können wir diese überhaupt erübrigen, gerade in Städten?

Die günstigste Erzeugung von Solarstrom findet in der freien Fläche statt. Und die sind in Deutschland in der Tat rar gesät. Man ist daher gezwungen, auch andere Flächen zu erschließen. Man muss mehr auf die Gebäude, beispielsweise auf Dächer, schauen. Ein großes Potenzial haben auch Agri-Photovoltaik auf landwirtschaftlich genutzten Flächen sowie schwimmende PV-Anlagen auf künstlichen Seen, beispielsweise Braunkohle-Tagebauseen. Oder man kann Lärmschutzwände an Straßen mit PV-Modulen ausstatten. Das sind keine Flächen, die bedeutenden Natur- oder Erholungswert haben. Hier muss man Synergien heben und flächeneffizient arbeiten.

Erzeugt die Branche nur Arbeitsplätze in Asien? Oder gibt es auch Potentiale für den deutschen Arbeitsmarkt?

Die Produktion von PV-Modulen erfolgt mittlerweile hochautomatisiert. Für den deutschen Arbeitsmarkt relevanter sind daher andere Segmente. Beispielsweise die Montage der Module. Hier sehen wir in Deutschland einen Fachkräftemangel.

Sind die Rohstoffe für die PV-Produktion überhaupt verfügbar?

Es gibt eine dominante Technologie: die Silizium-Wafermodule. Diese brauchen keine kritischen Materialien. Der Rohstoff, der am problematischsten ist, ist das Silber. Es gibt aber bereits Lösungen, den Silberverbrauch bei der Produktion zu senken. Noch werden sie aber wenig umgesetzt. Sollte der Silberpreis in Zukunft steigen, könnten sie Marktanteile gewinnen.

Was wären Ihre Vorschläge, um Potentiale von Solarstrom in Deutschland zu heben?

Der Ausbau der Photovoltaik ist in den vergangenen 20 Jahren überwiegend über das EEG gesteuert worden. Da gab es verschiedene Segmente, in denen es sowohl fördernde als auch bremsende Maßnahmen gab. Es war eine Beschleunigungsbremse, wenn man so will. Naheliegend wäre es nun, die Bremsmechanismen aufzuheben. Man sollte beispielsweise die Mengenziele erhöhen und die Flächenkulissen erweitern.



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