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Wie messen wir überhaupt unsere Produktivitätsfortschritte?

Wie in diesem Blog bereits mehrfach beschrieben, haben die Zuwächse bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften im Zeitverlauf deutlich nachgelassen. Das Thema Produktivitätsschwäche als längerfristiges Phänomen beschäftigt derzeit viele Ökonomen. Kein Wunder: Die Produktivität (also die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen) und das Pro-Kopf-Einkommen in einem Land gehen Hand in Hand.

 

Die gegenwärtig schwachen Produktivitätsfortschritte überraschen angesichts der groß angelegten technologische Veränderungen, die im Kontext der Digitalen Revolution erwartet werden. Freilich brauchen neue Technologien erst eine gewisse Zeit, bis sie vollumfänglich produktivitätswirksam werden. In den Unternehmen entstehen zunächst Rüstkosten, Lerneffekte und Arbeitsplätze, die auch betriebswirtschaftlich gesehen noch zu keinem Umsatz führen. In den Anfangsphasen eines neuen technologischen Zeitalters sind zunächst schwache Produktivitätsfortschritte in Kauf zu nehmen. Es fehlen komplementäre Faktoren (etwa Organisationskapital) und mögliche Produktionsexternalitäten wie Kompetenz- oder Wissenszuwachs bei anderen Unternehmen. Dies zeigen auch historische Beispiele wie die Elektrifizierung. Konträr dazu wird angeführt, dass das schwächere Produktivitätswachstum das Ausbleiben von wesentlichen technologischen Neuerungen widerspiegelt. Um technologischen Fortschritt heutzutage zu erreichen, müsse in einem viel höheren Ausmaß als früher in Forschung und Entwicklung investiert werden. Demnach reflektiere die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsschwäche rückläufige Produktivitätsfortschritte in der Forschung.

Die Suche nach dem geeigneten Maßstab

Könnten eventuell auch Messprobleme einen Grund für die statistisch ausgewiesene Produktivitätsverlangsamung darstellen? Diese These ist nicht neu. Vielmehr besteht das generelle statistische Problem, den Strukturwandel und die damit einhergehenden Veränderungen auf der Güter- und Faktorebene adäquat und zeitnah abzubilden. Dieses Messproblem habe möglicherweise mit der das Wirtschaftsleben immer stärker durchdringenden Digitalisierung eine Verschärfung erfahren. Dies hätte dann nicht nur entsprechende Auswirkungen auf die Niveaumessung der gesamtwirtschaftlichen Produktionsleistung, sondern auch auf deren Dynamik.

Wo können potenzielle Messprobleme auftreten?

Um dies zu untersuchen, kann die Definition von Produktivität als Ausgangspunkt hilfreich sein. Bei der Produktivität handelt es sich ganz generell um eine Leistungskennziffer, bei der das Ergebnis der wirtschaftlichen Aktivitäten (Output) auf die zugrunde liegenden Produktionsfaktoren (Inputs) bezogen wird. Für jeden gewählten Input kann eine entsprechende Produktivität ausgewiesen werden. Das gilt im betriebswirtschaftlichen Kontext genauso wie im gesamtwirtschaftlichen. Damit stellt sich empirisch aber die Frage, ob Output und Input überhaupt zweckdienlich und zeitgemäß definiert und gemessen werden.

In gesamtwirtschaftlichen Wachstumsmodellen wird die makroökonomische Wirtschaftsleistung in der Regel mittels der drei Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und technisches Wissen geschaffen. Wird Arbeit eher als ein physischer Beitrag verstanden, dann wird seine qualitative Dimension, also das sogenannte Humankapital, als eigene Determinante oder vereinfachend als technischer Fortschritt interpretiert. Das Gleiche gilt für Umwelt und natürliche Rohstoffe, wenn diese nicht explizit beim Faktor Kapital verbucht werden. Eine Verbesserung des institutionellen Ordnungsrahmens oder eine Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung über Handel und Kapital sind ebenfalls als technischer Fortschritt zu interpretieren. Das oftmals in der Wachstumsrechnung breit abgegrenzte technische Wissen hat also den Charakter eines Residuums. Es umfasst alle Produktions- und Produktivitätszuwächse, die sich nicht aus den Veränderungen der explizit definierten Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital ergeben.

Ein großer Vorteil dieses Messansatzes besteht darin, dass die Datenlage zum Arbeits- und Kapitaleinsatz auf international abgestimmten Klassifikationen und Messmethoden basiert. Das erst ermöglicht Vergleiche unter den Ländern. Die Angaben zur gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftsleistung und zu den Faktoren Arbeit und Kapital sowie zu deren Gewichtungsfaktoren (in der Regel die Einkommensanteile) beruhen meistens auf Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) und der diesem Rechenwerk zugrunde liegenden Definitionen.

Als Output- oder Ergebnisgröße wird in den VGR und der darauf aufbauenden Produktivitätsrechnung die preisbereinigte Bruttowertschöpfung herangezogen. Sie gilt als Maß für die wirtschaftliche Leistung von Unternehmen oder Wirtschaftsbereichen und wird als Differenz von Produktionswert und Vorleistungen berechnet. Der Produktionswert entspricht allen hergestellten Waren und Dienstleistungen eines Unternehmens, die Vorleistungen beschreiben die dabei zum Einsatz kommenden Güter aus anderen Unternehmen. Die Bruttowertschöpfung soll somit die eigentliche Wirtschaftsleistung eines Unternehmens wiedergeben und die Summe über alle Firmen liefert die gesamtwirtschaftliche Produktion ohne Mehrfachzählungen einzelner Güterbestandteile. Zugleich liefert sie die Summe aller in der Inlandsproduktion entstehender Faktoreinkommen.

Bleibt der Strukturwandel unsichtbar?

Im Gefolge des Strukturwandels entstehen immer wieder völlig neue Güter, deren Wertschöpfung (und Einkommen) in den VGR zunächst nicht oder nur teilweise erfasst wird. Die VGR bilden das Verschwinden des Alten ab, eventuell aber nicht umfänglich das Entstehen des Neuen. Ein tiefgreifender Strukturwandel wirft demnach Messverzerrungen auf. Beim marktlichen Leistungsaustausch zwischen Unternehmen sowie zwischen Unternehmen und privaten Haushalten sollten Messfehler prinzipiell vermeidbar sein. Für diese Leistungen gibt es normalerweise Preise und Umsätze. Sie können in den VGR als Wertschöpfung, Vorleistung oder Konsum ausgewiesen werden. Es zeigt sich aber, dass eine Wertschöpfung insbesondere für (moderne) Dienstleistungen generell nicht einfach messbar ist. Oft behilft man sich mit Modellschätzungen. Auch ein zunehmender Leistungsaustausch zwischen Konsumenten kann sich der statistischen Erfassung entziehen, wenn sich die VGR vorwiegend auf Markttransaktionen bezieht – wie beispielsweise die kostenlose Nutzung von privat erstellten digitalen Dienstleistungen im Internet (wie z. B. Musik, Spiele, Beratung). Darüber hinaus erlauben es die technologischen Neuerungen, leichter und in einem größeren Umfang länderübergreifende Transaktionen vorzunehmen. Dabei stellt sich die Frage, ob diese zutreffend in den jeweiligen nationalen VGR verbucht werden. Beispiele sind der grenzüberschreitende Dienstleistungsverkehr, die Nutzung von Lizenzen oder der firmeninterne Datenhandel.

Bei der Produktivitätsmessung wird in der Regel die preisbereinigte Bruttowertschöpfung herangezogen. Neben dem beschriebenen Messproblem bei der nominalen Wertschöpfung kann auch eine Verzerrung durch eine unzureichende Deflationierung erfolgen. Zum einen bestehen Probleme bei der Preismessung für Güter, bei denen keine Markttransaktionen vorliegen. Zum anderen müssen bei der Preisberechnung die permanent stattfindenden Veränderungen von Produkteigenschaften und Produktqualität berücksichtigt werden. Dies setzt voraus, dass Produkteigenschaften überhaupt messbar sind.

In der Regel umfasst die volkswirtschaftliche Kapitalstockrechnung die Bauten, die Ausrüstungen (z. B. Maschinen, Geräte, Geschäftsausstattungen) und das geistige Eigentum (z. B. Forschung und Entwicklung). Dabei sollte das reale Bruttoanlagevermögen aller Sektoren berücksichtigt werden. Der unternehmerische Sachkapitalstock (ohne Wohnbauten) ist eine wesentliche Determinante des Produktionsniveaus einer Volkswirtschaft. Außerdem stellt der Staat durch öffentliche Bauten, Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Infrastrukturen (z. B. Verkehrsnetze) den Wirtschaftssubjekten wichtige Vorleistungen zur Verfügung.

Werden Investitionen richtig gemessen?

In der betriebswirtschaftlichen Forschung ist die Diskussion über den Investitionsbegriff schon seit einem Vierteljahrhundert weit über die VGR-Abgrenzung hinausgegangen. Dabei wird insbesondere auf die sogenannten „intangibles“ oder das „knowledge-based capital“ abgestellt. Im Deutschen wird hierfür der Begriff „Immaterielle Vermögenswerte“ verwendet. Dabei handelt es sich beispielsweise um Software, die bereits seit der VGR-Revision von 1999 als Investition gezählt wird. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden seit der letzten Revision von 2014 als Investitionen verstanden. Als Kapital können darüber hinaus auch technische Designs, Organisationskapital oder markenbildende Werbung und Marktforschung gelten. Desgleichen gilt für das Wissen über Risiko- oder Wertschöpfungskettenmanagement sowie die Kompetenzen für Datenbankanalysen (Big Data). Bislang zählt dies nicht zu den Investitionen. Eine unzureichende Investitionsmessung hat entsprechende Auswirkungen auf die Erfassung und Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalstocks. Dabei sind jedoch nicht nur die Zugänge an Kapital relevant, sondern auch die Abgänge. Die geschätzten Abschreibungen geben jedenfalls nicht die faktischen Abgänge von Kapitalgütern durch Verschleiß oder Verschrottung wieder. Demnach ist nicht der oftmals im internationalen Vergleich verwendete Nettokapitalstock, sondern vielmehr das Bruttoanlagevermögen der wirtschaftlich relevante Kapitalstock im Rahmen der Wachstums- und Produktivitätsrechnung.

Durch den hohen Anteil der Arbeitseinkommen am gesamtwirtschaftlichen Einkommen kommt dem Faktor Arbeit bei der Wachstumsrechnung eine hohe Bedeutung zu. Ausgangspunkt für den Faktor Arbeit sind die Erwerbspersonen, also die Einwohner eines Landes im Alter von 15 Jahren bis zum gesetzlichen Rentenzugangsalter. Direkt im Produktionsprozess stehen die Erwerbstätigen, also die beschäftigten Arbeitnehmer und die Selbstständigen. In Produktivitätsberechnungen werden entweder die Anzahl der Erwerbstätigen oder deren Arbeitsvolumen herangezogen. Letzteres ergibt sich aus der Anzahl der Erwerbstätigen und deren durchschnittlicher Arbeitszeit. Beim Arbeitsvolumen werden auch Mehrarbeitszeiten (bezahlte und unbezahlte Überstunden), Arbeitszeitkonten und Zweitarbeitsverhältnisse mit einbezogen. Ausfallzeiten durch Streiks, Kurzarbeit oder Schlechtwetter werden ebenfalls berücksichtigt. Mit dem Arbeitsvolumen soll der effektive Beitrag des Faktors Arbeit zum Wirtschaftswachstum besser gemessen werden. Das Entstehen neuer Erwerbsformen und individueller Arbeitszeitmodelle – etwa im Gefolge der Digitalisierung und Internationalisierung – kann hier neue Herausforderungen für die Berechnung der Arbeitszeiten darstellen.

Qualität und Quantität

Es wurde bereits genannt, dass die qualitative Dimension der Erwerbstätigen, das Humankapital, weder dem Faktor Arbeit noch dem Faktor Kapital explizit zugeordnet wird. Das hat mit Blick auf die Wachstumsempirie auch damit zu tun, dass es (noch) keine, nach international einheitlichen Klassifikationen berechnete Humankapitalbestände für die einzelnen Volkswirtschaften gibt. Wird das Humankapital als eine faktorgebundene Produktionsgröße betrachtet, dann spricht dies für eine Zuordnung zum Faktor Arbeit. Inputfaktor wäre dann ein qualitätsbasiertes Arbeitsvolumen. Wird das Humankapital hingegen als ein Bestandteil des Faktors Kapital gesehen, dann kommt damit vor allem zum Ausdruck, dass Humankapital aus individuellen und unternehmensspezifischen Investitionen (Bildungsausgaben) resultiert. Das Humankapital ist auch eine entscheidende Ressource für das technische Wissen und kann letztlich auch diesem Faktor zugerechnet werden.

Die hier angesprochenen Herausforderungen bei der Messung von Output und Input haben natürlich entsprechende Auswirkungen für die jeweiligen Produktivitäten. Eine unzureichende Wertschöpfungsmessung beeinträchtigt alle Produktivitätsmaße. Die Aussagekraft der Arbeitsproduktivität (Wirtschaftsleistung je Arbeitseinheit) hängt von der Güte der gesamtwirtschaftlichen Arbeitszeitrechnung ab. Für die Interpretation der Kapitalproduktivität (Output je Kapitaleinheit) ist letztlich entscheidend, was unter Kapital verstanden wird, wie gut dieses messbar ist und wie gut und zuverlässig es letztlich auch gemessen wird. Für die Faktoren Natürliche Ressourcen oder Humankapital und deren Produktivität würde Entsprechendes gelten.

Das richtige Maß ist entscheidend

Schließlich zeigt die Wachstumsempirie, dass das tatsächliche gesamtwirtschaftliche Wertschöpfungswachstum nicht nur vom Arbeits- und Kapitaleinsatz bestimmt wird. Die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wirtschaftswachstum und den Wachstumsbeiträgen der expliziten Faktoren Arbeit und Kapital wird, zurückgehend auf Robert Solow, als Wachstum der Totalen Faktorproduktivität (TFP) bezeichnet. Dieses Residuum umfasst somit alle Produktions- oder Produktivitätszuwächse, die sich nicht aus den Veränderungen der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, sondern aus allen anderen Veränderungen im Wirtschaftsleben ergeben. Aber auch alle Fehler bei der Messung der beiden expliziten Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital gehen letztlich in das Residuum und in das TFP-Wachstum ein.

Wie wir unser Wirtschaftsleben wahrnehmen und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen daraus resultieren, hängt also von den zugrunde liegenden statistischen Methoden und Klassifikationen ab. Das gilt für alle Produktivitätskennziffern. Hier schlagen sich neben den definitorischen Besonderheiten auch die – etwa durch Modellschätzungen entstehenden – statistischen Limitationen nieder.



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