„Wir brauchen einen Wandel, damit Bildung wieder Spaß machen kann“

Nicht nur die Schienen und Straßen in Deutschland, auch die digitale Infrastruktur ist in einem schlechten Zustand. Eine der größten Volkswirtschaften der Welt hat es damit bisher nicht vermocht, eine gute Grundlage für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren zu legen. Vor allem in Schulen und Universitäten macht sich das bemerkbar: Ohne ein ambitioniertes Investitionsprogramm, ohne einen kulturellen Wandel im Bildungssektor, wird Deutschland die Anforderungen der Zukunft nicht stemmen können, sagt der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, heute im Interview auf unserem Blog.

Frage: Was fehlt in Deutschland, um Innovationen und Produktivität zu erhöhen?
Reiner Hoffmann: Wir brauchen massive Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Schauen wir uns doch die Verkehrssysteme an, ob Schiene oder Straße, die sind in einem katastrophalen Zustand. Dabei sind Verkehrswege die Lebensadern unserer Wirtschaft. Noch größer sind die Versäumnisse bei der digitalen Infrastruktur, die notwendig ist, um auch in der zukünftigen digitalen Arbeitswelt noch wettbewerbsfähig zu sein. Ohne ein langfristiges, ambitioniertes Investitionsprogramm werden wir die Anforderungen der Zukunft nicht stemmen können.

Welche Rolle spielt dabei Bildung und Qualifikation?
Bildung ist der Schlüssel. Hier brauchen wir einen kulturellen Wandel, damit Bildung auch wieder Spaß machen kann. Das ist heute vielfach nicht der Fall. Wenn wir uns unsere Bildungseinrichtungen anschauen, dann fehlt es an allen Ecken und Enden. Wenn wir nicht viel mehr in die Köpfe der Menschen investieren, wenn wir nicht auch wieder das Interesse und die Neugier an Bildung beleben, können wir Deutschland nicht zukunftsfähig machen. Wir machen als Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaft die Erfahrung, dass – wenn wir das Thema Weiterbildung ganz oben auf die Agenda setzen – viele davon nicht sehr überzeugt sind. Es gilt die Parole: „In den nächsten Jahren werde ich mit meinen Kompetenzen da wohl noch durchkommen, warum soll ich noch einmal etwas dazu lernen?“ Da gibt es tatsächlich Vorbehalte. Und diese Vorbehalte bekomme ich nur weg, wenn den Menschen ein positives Verständnis von Bildung vermittelt wird, die auch Spaß machen kann.

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Können dabei qualitative Tarifverträge helfen?
Wir versuchen ja in vielen Branchen nicht nur Entgelte und Arbeitszeiten zu regeln, sondern haben das Thema Weiterbildung ganz oben auf die Agenda gesetzt. Ich sehe durchaus, dass gerade die Industrie, aber in Teilen auch das Handwerk massiv in Weiterbildung investiert haben, aber das wird nicht reichen! Die Beschäftigten müssen wissen: Auch wenn sie eine Ausbildung abgeschlossen haben, wenn sie ein Studium beendet haben, das wird nicht bis zum Ende einer Erwerbsbiografie ausreichen. Sondern es kommt auf lebensbegleitendes Lernen an. Aber dafür muss ich auch die richtigen Voraussetzungen schaffen! Schauen wir uns doch nur die Berufsschulen unter dem Aspekt der Digitalisierung an. Da stelle ich fest: Die digitale Ausstattung ist dort so schlecht, dass ich das, was ich als Kulturwandel hin zu einem lebensbegleitenden Lernen gerne anschieben würde, überhaupt nicht erreichen kann – weil die Menschen in ihren Bildungserfahrungen so immer nur negative Erfahrungen machen und den Schluss ziehen: Lasst mich damit in Ruhe!

Haben Sie beim Thema Qualifikation die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schon hinter sich oder muss hier noch Bewusstsein geschaffen werden?
Da gibt es durchaus noch Vorbehalte, aber die bekomme ich doch nur dann überwunden, wenn ich das mit einem Kulturwandel verbinde und die Menschen erleben, dass Bildung sie weiterbringt und die Rahmenbedingungen so sind, dass Bildung auch mal Spaß machen darf und nicht nur aus den Erfordernissen der Erhaltung der Arbeitskraft und der Employability erwächst. Wir müssen das Ganze als Bildungsgesellschaft von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung im hohen Alter so ausstatten, dass die Leute sagen: „Ja, da machen wir mit!“

Wenn es um Veränderungen geht, dann wird Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmern gern ein innovationsfeindliches Mindset bescheinigt, zum Beispiel bei der Weiterentwicklung der Elektromobilität. Ist das ein Vorurteil?
Nein, das hat etwas mit ganz realen Lebenserfahrungen zu tun. Die Zurückhaltung bei Innovationen spiegeln immer auch die Sicherheitserwartungen der Menschen wieder. Technologischer Wandel wird doch nur gelingen, wenn ich im Wandel auch Sicherheit garantieren kann: Dass Menschen nicht ihren Job verlieren, dass sie nicht lange arbeitslos bleiben werden, dass diejenigen, die heute im Fahrzeugbau mit Verbrennungsmotoren tätig sind, auch bei den zukünftigen Mobilitätskonzepten Arbeit haben werden, die gut bezahlt ist und zu guten Arbeitsbedingungen erfolgt. Wir erleben aber gerade beim Wechsel von fossilen Energieträgern zur regenerativen Energieerzeugung, dass die Bedingungen bei den neuen Anbietern – von der Solar- bis zur Windenergie – eben schlechter wurden. Da sind die Arbeitgeber alle an den Markt gegangen, haben sich ein grünes Label gegeben und das soziale Label vergessen. Da lehnten sie Betriebsräte oder Tarifverträge ab, und anschließend wundern sie sich, dass die Leute alle weg sind.



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