Wir brauchen mehr unternehmerische Dynamik für eine inklusivere Wirtschaft

Wenn wir unsere Wirtschaft vielfältiger und wettbewerbsfähiger machen möchten, müssen wir die Gründung von Unternehmen erleichtern und es ihnen ermöglichen, nachhaltig und erfolgreich zu wirtschaften.

Die Gründung eines Unternehmens in Nord- und Mitteleuropa geht mancherorts schnell und einfach, der Prozess kann aber auch zu einer wahrhaften Tortur werden. Besonders schwer kann dies sein, wenn man Neuling in einem Land ist. Omar Alshafai, der das Unternehmen Bureaucrazy in Berlin gegründet hat, findet wenig ermutigende Worte zu diesem Thema: „Die Bürokratie treibt uns in den Wahnsinn.“

Die Weltbank sieht Deutschland im europäischen Mittelfeld, wenn es um das Betreiben eines Unternehmens geht. Deutschland ist jedoch gemeinsam mit Polen und Österreich eines der Länder in Europa, in denen es am schwierigsten ist, ein Unternehmen zu gründen. Skandinavier oder Briten, die sich mit der Gründung einer GmbH in Deutschland beschäftigen, seufzen: „Gott steh mir bei – und was um Himmels Willen ist ein Notar und wieso brauche ich ihn zur Gründung eines Unternehmens?“ Deutschland bleibt hinter den nordischen Staaten, Großbritannien und dem Baltikum zurück – nur in den Ländern Südeuropas und den Beneluxländern ist die Gründung von Unternehmen noch schwieriger.

Im Haus der Deutschen Wirtschaft, in dem sich der DIHK befindet, versuchen einige Menschen, die Deutschen zu mehr Unternehmergeist zu animieren. Einer von ihnen ist Marc Evers. Er glaubt, dass es einen strukturellen Wandel geben muss:

„Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Bürokratie und das Steuersystem zu vereinfachen. Darüber hinaus müssen wir mehr Vernetzungsmöglichkeiten schaffen, über die Unternehmer Wissen und Hilfe erhalten. Und dies darf nicht auf Großstädte beschränkt sein. Deutschland sollte auch das Steuersystem verbessern, um Investoren die Investition in neue Unternehmen zu erleichtern. Last but not least brauchen wir überall schnelles Internet.“

Aber was hat die Einfachheit, ein Unternehmen zu gründen, mit Migranten zu tun?

Die Migrantengründer in Deutschland

Fast 20 Prozent der Gründungsinteressierten, die von den Kammern registriert werden, haben einen Migrationshintergrund, mit steigender Tendenz. Damit sind sie in höherem Maße gründungsinteressiert als Menschen ohne Migrationshintergrund. Denn der Teil der Gesamtbevölkerung, der Migrationshintergrund hat, beträgt „nur“ 14,7 Prozent.

Betrachtet man die Zahl der tatsächlich gegründeten Unternehmen aus dem KfW-Gründungsmonitor 2017, so stellt man fest, dass ein besonders hohes Entrepreneurship-Niveau bei Migranten mit tertiärem Bildungsabschluss vorliegt. 3,1 Prozent der gut ausgebildeten Migranten gründen Unternehmen (im Durchschnitt der Jahre 2009-2016). Dies ist deutlich höher als die Gründungsrate bei Migranten insgesamt (1,8 Prozent) und die allgemeine Gründungsrate bei Absolventen (2,3 Prozent).

Zu der betrachteten Gruppe gehören Flüchtlinge genauso wie Zuwanderer aus der EU und Drittstaaten sowie deren Kinder – also eine sehr heterogene Gruppe. Laut der Studie der Bertelsmann Stiftung „Migrantenunternehmungen in Deutschland zwischen 2005 und 2014“ (pdf) haben diese Unternehmer in Deutschland 2014 insgesamt 1,3 Millionen Arbeitsplätze geschaffen.

Marc Evers hat den Eindruck, dass diese Unternehmer mit Zuwanderungsgeschichte im Grunde denselben Herausforderungen gegenüberstehen wie deutsche Unternehmer: „Sie wollen schnelles Internet. Sie werden durch die Bürokratie aufgehalten. Sie stehen vor den gleichen betriebswirtschaftlichen Fragen – wie berechnet man zum Beispiel den Preis für ein Produkt richtig? Aber sie haben noch eine zusätzliche Herausforderung: Viele sprechen nicht gut genug Deutsch, um effizient mit anderen Unternehmen, Banken oder Investoren zu verhandeln.“

Insbesondere bürokratische Anforderungen sind gerade für Migranten ein ständiger Kampf. Ebenso wie die Beschaffung von genügend Kapital, um ein Unternehmen zu gründen. Bei einer Aktiengesellschaft sind dies immerhin 25.000 Euro. Der Tropfen, der das Fass dann oft zum Überlaufen bringt, sind die Notargebühren – bei Gründung einer Aktiengesellschaft 2.500 Euro. Zu traditionellen Finanzierungsquellen haben Migranten oft einen schlechteren Zugang. So sind sie vielfach auf Geldmittel aus dem Freundes- und Familienkreis angewiesen – was das unternehmerische Risiko für viele auch zu einem sozialen Risiko macht.

Betrachtet man jedoch die Zahlen von DIHK, Bertelsmann Stiftung und KfW, so ist die Gründungsaktivität deutscher Migranten höher als bei Nicht-Migranten. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht für ein Land, das mehr Unternehmensdynamik dringend nötig hat. Denn ohne Zuwanderer und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte würde die Gründungstätigkeit in Deutschland noch weiter hinter vergleichbaren Industrienationen liegen als jetzt schon. Was ist die Herausforderung? Das Bild wird klarer, wenn man einen Vergleich mit Ländern vornimmt, in denen es einfacher ist, Unternehmen zu gründen.

Migranten reagieren auf einfache Geschäftsabläufe

In Großbritannien ist es billiger und einfacher, eine LLC (Limited Liability Company) zu gründen. Die britische Bevölkerung ist insgesamt auch unternehmerischer als die deutsche. 8,24 Prozent der Bevölkerung waren im Jahr 2018 schon einmal in der Frühphase von Unternehmensgründungen beteiligt, verglichen mit 4,97 Prozent in Deutschland (gemessen als Total Early-Stage Entrepreneurial Activity, das ist die Prozentzahl derjenigen, die in den vorangegangenen 3,5 Jahren ein Unternehmen gegründet haben und/oder gerade dabei sind, ein Unternehmen zu gründen).

Und wie steht es mit Migranten? Im Jahr 2015 veröffentlichte Marc Hart von der Ashton Business School eine Umfrage im Rahmen des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), die zeigt, dass Zuwanderer in Großbritannien dreimal häufiger Unternehmen gründen als in Großbritannien geborene Menschen. Ein Blick auf die Daten ergibt, dass 15,4 Prozent der Erwachsenen mit Migrationshintergrund Unternehmen gründeten, verglichen mit nur 5,3 Prozent der britischen Einwohner. Die Studie wurde im Jahr 2018 neu aufgelegt. Die Ergebnisse bestätigen den Trend. Im Jahr 2017 betrug die Total Early-Stage Entrepreneurial Activity unter den nicht-weißen Briten 14,5 Prozent, verglichen mit 7,9 Prozent bei den weißen Briten. Ein ähnlicher Anstieg ist bei den Einwanderern in das Vereinigte Königreich zu beobachten, sowohl bei den weißen als auch bei den nicht-weißen. Im Jahr 2017 waren 12,9 Prozent der Unternehmen im Frühstadium.

Das bedeutet, dass der unternehmerische Boom in Großbritannien im Vergleich zu Deutschland in besonderem Maße von Migranten getrieben wird. Aber es fällt auf, wie viele Migranten in der Frühphase des Unternehmertums tätig sind.

Die gleiche Aussage trifft auf das sozialdemokratisch geprägte Skandinavien zu. In Schweden liegt die Startup-Aktivität in der Frühphase nach Angaben des Global Entrepreneurship Monitor bei 6,82 Prozent. Nach Angaben des International Business Association (IFS) sind alle Altersgruppen von Migranten unternehmerischer als die Schweden. In Schweden gibt es inzwischen 95.000 Startmigranten. Sie schaffen Arbeitsplätze und beschäftigen rund 300.000. Das bedeutet, dass Migranten in Schweden nicht nur unternehmerischer sind als Migranten in Deutschland. Sie schaffen im Verhältnis auch mehr Arbeitsplätze. Wenn die 709.000 deutschen Migrantenunternehmer so viele Arbeitsplätze geschaffen hätten wie die schwedischen, hätten sie annähernd 2,2 Millionen und nicht 1,3 Millionen Arbeitsplätze geschaffen.

Auch in Bezug auf Jungunternehmer hat das IFS interessante Zahlen: Migranten im Alter von 18 bis 24 Jahren gründen doppelt so häufig ein Unternehmen wie Schweden. Und sie klagen nicht über Bürokratie bei der Unternehmensgründung, erklärt Rafael Bermejo vom IFS. Seit fast 20 Jahren unterstützt er Migranten bei der Unternehmensgründung.

„Die Gründung eines Unternehmens ist in Schweden sehr einfach. Das ist nicht das Kernproblem. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, eine gute Geschäftsidee und einen nachhaltigen Finanzierungsplan zu entwickeln. Wenn es um den Umgang mit Steuern geht, empfehlen wir unseren Gründern, professionelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Wir sagen ihnen immer: Versucht gar nicht erst, euch selbst mit den Steuerbehörden zu befassen. Die Schweden selbst wissen nicht, wie man das macht – warum also ihr Zuwanderer?“, sagt Bermejo.

Leichter Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Natürlich ist die einfache Zugänglichkeit zum Geschäftsleben nicht der einzige Grund für die hohe Zahl von Migrantengründern in Schweden und Großbritannien. Der schwedische Ökonom Patrick Joyce hat untersucht, wie sich Integrationspolitik auf die Arbeitsmarktbeteiligung von Migranten und Flüchtlingen in Skandinavien, den Niederlanden und in Deutschland auswirkt.

Er weist darauf hin, dass die Beschäftigungsquote der Flüchtlinge in allen Ländern in den ersten Jahren vor ihrem Anstieg niedrig ist und sich dann auf einem deutlich niedrigeren Niveau stabilisiert als bei den dort geborenen Menschen. Die Ausnahme ist Deutschland, wo Flüchtlinge eine fast ebenso hohe Erwerbsbeteiligung haben wie Menschen, die in Deutschland geboren wurden, nachdem sie sich 15 Jahre lang im Land aufgehalten haben. Auch wenn die Studie nur Flüchtlinge untersucht, kann man davon ausgehen, dass sich die länderspezifischen Unterschiede auch bei anderen Gruppen von Zugewanderten nachweisen lassen.

Das deutet darauf hin, dass in Skandinavien vielleicht auch mehr Menschen ein Unternehmen gründen, weil es der einfachere Weg ist, auf den Arbeitsmarkt zu gelangen. Aber das allein kann ihren Erfolg nicht erklären, noch den Grund, warum Migranten in Schweden und Großbritannien wesentlich unternehmerischer sind als deutsche Migranten.

Um auch in Deutschland eine vielfältigere und dynamischere Unternehmenswelt zu schaffen, muss allen in Deutschland lebenden Menschen ermöglicht werden, Unternehmen leichter und mit weniger Hürden zu gründen und zu führen.



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