Wird Corona den Fachkräftemangel verschärfen?

Das Thema Fachkräftemangel beschäftigt sowohl die Wissenschaft als auch die Gesellschaft seit Jahren. Ganze Branchen klagen darüber, dass Stellen nicht oder nur mit großem Aufwand neu besetzt werden können, weil Fachkräfte fehlen.

Während der Corona-Pandemie stellt sich angesichts von Schulschließungen, virtuell abgehaltenen Semestern an den Universitäten oder abgesagten Fort- und Weiterbildungen in Unternehmen die Frage, ob – und wenn ja, wie – sich die Pandemie auf den herrschenden Fachkräftemangel auswirkt.

Dieser Beitrag betrachtet zunächst die Entwicklung des Arbeitsmarkts über die vergangenen Jahrzehnte hinweg, um dann die zu erwartenden Folgen der Covid-19-Pandemie einzuschätzen.

Der Fokus in diesem Beitrag liegt dabei auf Fachkräften aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT), die besonders wichtig sind zur Sicherung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Spreizung der Lohnstruktur

In der Grafik 1 „Langfristige Entwicklung der Lohnstruktur“ ist die zunehmende Spreizung der Lohnstruktur seit Mitte der 1990er Jahre deutlich erkennbar. Die Reallöhne in den beiden oberen Perzentilen (blaue Linien) sind – anders als die niedrigen (rote) und mittleren (schwarze Linie) Löhne – über die Zeit erheblich gestiegen.

 

Grafik 1: Langfristige Entwicklung der Lohnstruktur

Quelle: Eigene Berechnungen, SIAB-Daten.

 

In der Grafik 2 „Langfristige Entwicklung der beruflichen Beschäftigungsstruktur“ wird deutlich, welche Berufe sich an unterschiedlichen Positionen in der Lohnverteilung befinden. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich die berufliche Beschäftigungsstruktur seit 1985 entwickelt hat. Sowohl am unteren als auch am oberen Rand der Lohnverteilung war das Beschäftigungswachstum besonders hoch („Polarisierung des Arbeitsmarkts“).

Am oberen Rand der Lohnverteilung finden sich Techniker und Ingenieure sowie Spezialisten (insbesondere IT-Spezialisten) – Berufe, in denen die Beschäftigung zugenommen hat. Genau diese MINT-Berufe sind für forschungsintensive Unternehmen essenziell.

 

Grafik 2: Langfristige Entwicklung der beruflichen Beschäftigungsstruktur

Quelle: Eigene Berechnungen, SIAB-Daten.

 

Mehr Beschäftigte und höhere Lohnprämien in MINT-Berufen

Beide Grafiken verdeutlichen, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten in den MINT-Berufsgruppen nicht nur die Beschäftigung stark zugenommen hat, sondern auch die Lohnprämie für Beschäftigte. Schon immer wurden Beschäftigte in MINT-Berufen sehr gut entlohnt; der Lohnaufschlag lag bereits in den 1990er Jahren stets bei rund 20 Prozent.

Mittlerweile ist er auf mehr als 30 Prozent gestiegen. Das heißt: Selbst bei vergleichbarem Bildungshintergrund beobachtet man hohe Lohnprämien für Beschäftigte in MINT-Berufen, die über die Zeit noch gewachsen sind.

Diese beiden Effekte – Anstieg sowohl der Beschäftigung als auch der Lohnprämie – legen nahe, dass es eine relative Knappheit an Beschäftigten dieser Qualifizierungsgruppen gab, dass also die Nachfrage nach diesen Qualifikationen stärker gestiegen ist als das Angebot.

Betrachtet man die Verteilung der Beschäftigten in MINT-Berufen von 1985 und heute, dann fällt weiterhin auf, dass diese Beschäftigten verstärkt in sichere, gut bezahlte Jobs und attraktive, sprich forschungs- und innovationsstarke Unternehmen, gewandert sind.

Bedeutung des Fachkräftemangels als Innovationshemmnis steigt

Kennzeichnend für den Fachkräftemangel in MINT-Berufen ist, dass Unternehmen offene Stellen nicht oder nur verspätet besetzen können.

Auch haben Unternehmen Schwierigkeiten, Stellen mit adäquat qualifiziertem Personal zu besetzen.

Die Existenz des Fachkräftemangels wird untermauert durch Umfrageergebnisse, die die Verfügbarkeit von geeignetem Fachpersonal abfragen. Hier ist über die Zeit ein klarer Trend zu beobachten: Fachkräftemangel hat als Faktor, der die Innovationstätigkeit der Unternehmen hemmt, an Bedeutung gewonnen.

Interessanterweise klagen forschungsintensive Unternehmen und Branchen – die oben erwähnten attraktiven Arbeitgeber – weniger über Fachkräftemangel. In der breiten Fläche bestehen jedoch erhebliche Probleme, die sich noch verstärken können, wenn kleine und mittlere Unternehmen stärker zur Innovationstätigkeit der Gesamtwirtschaft beitragen.

Sie werden damit zwar wichtige Player in diesem Feld, werden indes von vielen Beschäftigten noch nicht als attraktive Arbeitgeber eingeschätzt. Dies erschwert es den Unternehmen, geeignetes Fachpersonal zu rekrutieren.

In der Pandemie kurzfristig weniger Nachfrage nach Fachkräften

Welche Lehren sind im Kontext der derzeitigen Pandemie aus der Vergangenheit zu ziehen? Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass der aktuelle konjunkturelle Einbruch kurzfristig dazu geführt hat, dass der Anstieg in der Nachfrage nach MINT-Berufen etwas nachgelassen hat.

Allerdings gibt es starke Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen. So war beispielsweise im Fahrzeugbau zwischenzeitlich Kurzarbeit weit verbreitet und es wurden somit weniger Fachkräfte nachgefragt. Die Nachfrage nach IT-Spezialisten hingegen ist in Zeiten, in denen Beschäftigte verstärkt im Homeoffice arbeiten, enorm gestiegen.

Mittel- bis langfristig ist allerdings zu erwarten, dass der Bedarf an Fachkräften wieder deutlich zunimmt. Treibende Faktoren sind insbesondere die Digitalisierung, die Automatisierung und die Robotisierung. Da diese Prozesse mit Reorganisationen innerhalb der Unternehmen einhergehen, wird die Nachfrage nach entsprechend qualifiziertem Personal weiter steigen.

Gleichzeitig steht eine potenzielle Verknappung des Angebots zu befürchten, denn die Pandemie hat auf allen Ebenen Auswirkungen auf Bildung: Schulen werden geschlossen, an Universitäten und in der Dualen Ausbildung findet die Ausbildung weitgehend online statt und berufliche Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen werden abgesagt.

All dies führt zu einer reduzierten Humankapitalbildung. Deshalb wird durch die Pandemie das Innovationshemmnis Fachkräftemangel gerade für forschungsintensive Unternehmen noch an Bedeutung gewinnen.

Geeignete Rahmenbedingungen setzen

Politische Entscheidungsträger sollten in dieser Situation das qualifizierte Personal stärken. Hierbei muss unterschieden werden zwischen aktuellen Arbeitskräften und zukünftigen Arbeitskräften. Bestehenden Arbeitskräften sollten umfangreiche Fort- und Weiterbildungsangebote angeboten werden, um ihre Anpassungsfähigkeit an veränderte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Diese Forderung ist nicht neu, sie bekommt aber aufgrund der Pandemie noch einmal ein besonderes Gewicht.

Hinsichtlich zukünftiger Arbeitskräfte birgt die aktuelle Situation die Gefahr, dass die vorübergehenden Schulschließungen und digitalen Semester zu langfristigen Kompetenzlücken führen. Diese Lücken hätten negative Folgen – nicht nur für den kurzfristigen Bildungserfolg, sondern potentiell auch für die Berufslaufbahn der Betroffenen.

Und schlussendlich über den Mangel an Fachkräften auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Insofern ist ein zielgerichtetes Nachsteuern notwendig – dass heißt, Maßnahmen sollten dort ansetzen, wo Schließungen von Bildungsinstitutionen potenziell zu langfristigen Nachteilen führen könnten. Sobald Schulen, Universitäten und andere Bildungsinstitutionen zum Normalbetrieb zurückgekehrt sind, wäre es in diesem Zusammenhang wichtig, über standardisierte Tests festzustellen, ob und wo genau Lücken entstanden sind.

Bereits heute ist klar, dass die möglichen Konsequenzen der Schließungen von Bildungsinstitutionen auf allen Ebenen nicht alle Betroffene gleichermaßen getroffen haben.

Aber nicht nur in den Bildungsinstitutionen muss gehandelt werden: Mit Blick auf den Fachkräftemangel ist es notwendig, dass Deutschland geeignete Rahmenbedingungen setzt, um im globalen Wettbewerb um Fachkräfte in MINT-Berufen zu bestehen. Unternehmen konkurrieren weltweit um qualifiziertes Fachpersonal.

 



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