Wissenskapital: Fallstricke bei der Erfassung von Marktmacht

Die Themen Marktmacht und Marktkonzentration standen bei Kartellrechtlern und Wettbewerbsökonomen schon immer ganz weit oben auf der Agenda. Doch auch jenseits der Fachgrenzen – selbst in der breiten Öffentlichkeit – erzeugen sie immer größere Aufmerksamkeit.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Nach Daten von Forbes heißen die weltweit wertvollsten Unternehmen gemessen am Börsenwert derzeit: Apple, Microsoft, Amazon und der Google-Mutterkonzern Alphabet. Geht man zehn Jahre zurück, so lautete die Liste: Petrochina, Exxon Mobil, Microsoft und Industrial and Commerce Bank of China. Damals führten also noch Rohstoffkonzerne die Liste an. Die heutigen Superstars – allesamt aus der Digitalwirtschaft – bestimmen den Alltag der Verbraucher unmittelbar: iPhone, Windows, Alexa und Google sind allgegenwärtig. Die ehemaligen Spitzenreiter hingegen waren meist auf vorgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette aktiv und traten somit nicht direkt mit dem Endverbraucher in Kontakt. Das ist vielleicht ein Grund für die erhöhte Aufmerksamkeit.

Vorstoß in neue Dimensionen

Ein weiterer Grund liegt in der Dimension der Zahlen. Der Börsenwert von Apple, Amazon und Microsoft hatte zwischenzeitlich die Billion-Dollar-Marke überschritten. Das ist teils mehr als das Dreifache der ehemaligen Spitzenreiter. Wenngleich Börsenwerte auch immer zu einem großen Teil Erwartungen beinhalten, zeigen die Statistiken von Umsätzen und Gewinnen in die gleiche Richtung: nach oben. Nur Alphabet wartet noch auf den Sprung über die magische Marke.

Doch die Alphabet-Tochter Google führt eine andere Liste an: Die der Strafzahlungen wegen Verstöße gegen den Wettbewerb in der EU. Nach insgesamt drei Wettbewerbsverfahren der Europäischen Kommission gegen Google summiert sich die Summe der Strafen auf 8,25 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Daimler musste mit rund 1 Mrd. Euro die bis dato höchste jemals verhängte Kartellstrafe gegen ein einzelnes Unternehmen im LKW-Kartell aus dem Jahr 2006 zahlen. Also wird auch hier eine ganz andere Dimension erreicht. Das verwundert nicht, da sich Strafen in Wettbewerbsverfahren an den Umsätzen und Gewinnen der Unternehmen orientieren. Marktmächtige Unternehmen werden bei Verstößen somit auch deutlich höher zur Kasse gebeten. Doch wie lässt sich Marktmacht überhaupt erfassen? Dafür gibt es mehrere Indikatoren.

Wissenskapital und Preisaufschläge

Ein direktes Maß zur Ermittlung der Marktmacht ist der Aufschlag des Preises auf die Grenzkosten (auch markup genannt). Die Grenzkosten geben dabei an, um wie viel die Kosten steigen, wenn die Produktionsmenge leicht erhöht wird. Ist ein Unternehmen in der Lage, seinen Preis deutlich oberhalb der Grenzkosten zu setzen, so wird eine entsprechend hohe Marktmacht vermutet.

Soweit die Theorie. Die Umsetzung gestaltet sich jedoch schwierig. Grenzkosten sind ein eher theoretisches Konstrukt. In der Praxis ist es selten möglich, präzise zu bestimmen, um wieviel die Gesamtkosten infolge einer Mengenerhöhung steigen. Wettbewerbsbehörden können hier bestenfalls auf Kostenschätzungen zurückgreifen. In der Praxis werden die meisten Unternehmen zudem Preise oberhalb ihrer Grenzkosten setzen, allein um ihre Fixkosten zu decken. Andernfalls können sie nicht profitabel operieren und müssten langfristig aus dem Markt ausscheiden. Das ökonomische Konzept der Grenzkosten besitzt somit eine langfristige Perspektive, in der angenommen wird, dass alle Kosten variabel sind.

Stichwort: Fixkosten. Nach Daten des DIW Berlin investieren die Industrieunternehmen in Deutschland heute bereits mehr in immaterielle als in materielle Vermögensgegenstände. Unsere jüngste Studie zeigt darüber hinaus, dass andere Länder sogar noch deutlich mehr in immaterielles Vermögen (auch Wissenskapital genannt) investieren.

Doch gerade beim Aufbau von Wissenskapitals entstehen hohe Fixkosten. Die Grenzkosten hingegen sind eher vernachlässigbar. Ein Beispiel: Ein Industrieunternehmen entwickelt eine spezielle Steuerungssoftware zum Betrieb seiner Produktionsanlagen. Das ist mit hohen Forschungs- und Entwicklungskosten (FuE) verbunden, die unabhängig von der Nutzung der Anlage ausfallen. Die FuE-Ausgaben sind also Fixkosten. Der Betrieb der Software verursacht jedoch kaum mehr Kosten – vielleicht etwas Strom – die Grenzosten sind also verschwindend gering.

Das Unternehmen muss nun seinen Preis oberhalb der Grenzkosten setzen, allein um seine hohe FuE-Aufwendungen zu decken. Das ist eine rein betriebswirtschaftliche Logik. Die Schlussfolgerung, das Unternehmen hätte eine besondere Marktmacht, ist hier verfehlt. Das gilt für die meisten Investitionen in Wissenskapital, so auch Investitionen in die Organisationsstruktur der Unternehmen, die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter oder Marketingausgaben. All diese Ausgaben sind erst einmal Fixkosten und verlangen Preisaufschläge oberhalb der Grenzkosten. Daher kann eine rein mechanische Anwendung des markup-Indikators gerade in wissensintensiven Industrien zu voreiligen Schlussfolgerungen führen.

Wissenskapital und Marktanteile

Aufgrund dieser und anderer Probleme wird Marktmacht in der Praxis häufig indirekt anhand von Marktanteilen geschätzt. So sollte ein Unternehmen mit hohen Marktanteilen in der Lage sein, hohe Preise durchzusetzen, während Unternehmen mit sehr kleinen Marktanteilen keinerlei Marktmacht ausüben dürften.

Doch auch diese Schlussfolgerung kann voreilig sein. Das hängt wiederrum unter anderem mit dem Wissenskapital zusammen. Ist der Einsatz von Wissenskapital in einem Sektor sehr bedeutend, so sinken die Gesamtkosten mit der Ausbringungsmenge, da die Fixkosten über eine größere Menge verteilt werden.  Es liegen also steigende Skalenerträge vor. Größere Unternehmen sind somit in der Lage, ihre Produkte und Dienste kostengünstiger anzubieten und Marktanteile zu gewinnen. Betrachtet man nur diesen Effekt, werden nur wenige Unternehmen am Markt bestehen bleiben – die Marktkonzentration ist also hoch. Doch in diesem Fall ist das eine effiziente Allokation. Die Ressourcen wandern dorthin, wo sie am günstigsten produziert werden.

Neben steigenden Skalenerträgen liegt ein weiterer Grund für eine hohe Marktkonzentration in einer der bedeutendsten Komponenten des Wissenskapitals: Forschung und Entwicklung. Hier zeigt sich, dass in Deutschland vor allem die Großunternehmen in FuE investieren. Gero Stenke führt das im Interview auf unserem Blog unter anderem darauf zurück, dass Innovationsaktivitäten immer komplexer und damit teuer werden. „Sie erfordern Knowhow aus unterschiedlichen Disziplinen und Erfahrungshorizonten, das in kleinen und mittleren Unternehmen meist nicht vorhanden ist.“ Das wird auch durch andere, internationale Studie bestätigt. Auch hier zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Marktkonzentration und Innovationen (Bessen, 2017; Crouzet und Eberly, 2018). Insofern setzen sich hier die innovativen Unternehmen durch und gewinnen Marktanteile hinzu.

Dennoch besteht die Gefahr, dass jene Unternehmen ihre legitim erlangte Position auf unbillige Weise verteidigen, indem sie sogenannte Marktzutrittsschranken aufbauen, es also anderen Unternehmen erschweren, in die Märkte einzutreten. Gerade diese sogenannte Bestreitbarkeit der Märkte rückt aktuell verstärkt in den Fokus der Wettbewerbspolitik. So richteten sich die Wettbewerbsstrafen gegen Google nicht gegen seine schiere Größe, schon gar nicht gegen seine meist innovativen Dienste und Produkte. Vielmehr wurden Verhaltensweisen sanktioniert, mit denen Google seine Position unbillig gegen aktuelle oder auch potenzielle Konkurrenten verteidigte.

Marktmacht und Unternehmensdynamik

Daher sind die Wettbewerbsbehörden derzeit bestrebt, solche Verhaltensweisen schon im Vorfeld zu unterbinden. So sollen vor allem Übernahmen selbst kleiner, aber sehr innovativer Unternehmen durch marktmächtige Unternehmen besonders kritisch geprüft werden. Die Sorge der Wettbewerbsbehörden ist, dass die marktmächtigen Unternehmen potenzielle Konkurrenten aufkaufen, bevor sie ihre Stellung angreifen.

Andererseits ist diese Exit-Option – das eigene Start-up teuer an einen der großen Player zu verkaufen – gerade ein Anreiz für viele Gründer. Insofern müssen die Auswirkungen einer solchen restriktiveren Fusionskontrolle gut überlegt werden.

Letztes Stichwort: Auswirkungen. In innovativen und wissensintensiven Märkten sollten die Wettbewerbsbehörden nicht zu sehr an starren Indikatoren festhalten, um zu beurteilen, ob Unternehmen eine etwaige Marktmachtstellung missbrauchen. Vielmehr sollten die Auswirkungen der Verhaltensweisen in den Vordergrund gerückt werden. Hierfür bedarf es natürlich eines guten Gespürs dafür, wie sich innovative Märkte entwickeln. Doch bevor solche Prognosen gestellt werden können, bedarf es mehr Erkenntnisse darüber, wie diese Märkte bereits heute funktionieren.

 



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