„Das Virus könnte ein Weckruf sein“

Das Coronavirus zwingt die deutsche Wirtschaft, neue Wege zu gehen: Konferenzen und Meetings verlagern sich in den digitalen Raum, gearbeitet wird von zu Hause aus. Für Unternehmen könnte die momentane Situation deshalb ein Weckruf sein, endlich veraltete Gepflogenheiten aufzugeben, sagt Prof. Dr. Justus Haucap. Im Interview mit dem Wirtschaftsjournalisten Ben Schröder spricht der Wettbewerbsökonom auf unserem Blog über die potenziellen Folgen des Coronavirus für die deutsche Wirtschaft, das Krisenmanagement der Bundesregierung und die Arbeit eines Universitätsprofessors aus dem Homeoffice.

Ben Schröder: Herr Haucap, wie viele Universitäten in Deutschland ist auch die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf momentan für den Publikumsverkehr geschlossen. Die meisten Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus. Wie sieht der Alltag eines Universitätsprofessors im Homeoffice aus?
Prof. Dr. Justus Haucap: Ich teile mir das Homeoffice mit meiner Frau und meinen kleinen Kindern. Meine Frau arbeitet morgens und ich am Nachmittag und am Abend. Wenn meine Frau tagsüber beschäftigt ist, kümmere ich mich um die Kinder. Wir wohnen glücklicherweise am Waldrand und haben ein Trampolin im Garten, das geht also ganz gut. Meine Arbeit als Hochschullehrer beginnt dann am Nachmittag. Ich nehme an Telefonkonferenzen teil, korrigiere Bachelor- und Masterarbeiten … Das kann man ganz gut von zu Hause aus erledigen.

Das Coronavirus hat die Universitäten und Schulen in Deutschland völlig unvorbereitet getroffen. Noch ist unklar, wann der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden kann …
An der Heinrich-Heine-Universität soll die Lehre am 20. April wieder beginnen. Natürlich nicht als Präsenzlehre, sondern in digitaler Form – zum Beispiel über Online-Vorlesungen. Das ist schon eine seltsame Situation, vor allem für Professoren wie mich, die mit den Studierenden einen sehr kommunikativen Stil pflegen und viel Wert auf den Diskurs legen. Trotzdem kann das Ganze sicher auch eine gute Chance sein, um neue Lehrformen – wie eben Online-Vorlesungen – zu erproben.

Werfen wir nun einen Blick auf die momentane Situation in Deutschland: Die Wirtschaftsweisen halten eine schwere Rezession mittlerweile für unausweichlich. Welche kurzfristigen Folgen erwarten Sie im Zuge der Coronakrise für die deutsche Wirtschaft?
Es besteht eine große Einigkeit unter Ökonomen, dass viel davon abhängt, wie lange der Shutdown der Wirtschaft dauern wird. Dabei ist klar: Je schneller dieser Shutdown beendet wird, desto weniger schlimm werden die wirtschaftlichen Folgen. Klar ist aber auch: Wird der Shutdown zu früh beendet, besteht die Gefahr, dass es in den kommenden Wochen wieder nötig werden wird, Unternehmen vorübergehend zu schließen. Ein solcher Boomerang-Effekt würde für massive Unsicherheit sorgen und sollte unbedingt vermieden werden. Dass es eine Rezession geben wird, halte auch ich für unausweichlich. Erste Anzeichen sind schon erkennbar. Als Beispiel sei hier die Tourismusbranche genannt, in der die wirtschaftliche Aktivität fast vollständig eingebrochen ist. Die Menschen werden in der zweiten Jahreshälfte – wenn sich die Lage hoffentlich etwas entspannt hat – mit Sicherheit nicht doppelt so viel Urlaub machen. Das Geld aus dieser Zeit ist für die Tourismusbranche damit verloren. Viel wird auch vom privaten Konsum abhängen. Klar, die Lebensmittelbranche boomt. Entscheidend wird aber sein, ob größere Investitionen – zum Beispiel der Kauf eines neuen Autos – auch nach dem Shutdown erst einmal zurückgehalten werden. Ich glaube nicht, dass die Verunsicherung der Leute und die Ungewissheit darüber, wie es weitergehen wird, so schnell verschwinden wird, bevor ein Impfstoff gefunden ist.

Wie wichtig ist es, dass die Politik hier einschreitet und sich um eine gewisse Sicherheit in diesen Zeiten bemüht?
Die deutsche Politik versucht, Vertrauen zu vermitteln. Ich habe den Eindruck, dass sie das momentan nicht schlecht macht. Es werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Existenzen und Arbeitsplätze zu sichern. Da stellt sich natürlich die Frage, wie lange das durchgehalten werden kann. Die von der Bundesregierung verabschiedeten Hilfspakete sind nicht kostenlos. Das könnte in Zukunft zu einer Zurückhaltung des Staates führen, so dass unter Umständen Gelder für andere Investitionen fehlen.

Nicht nur Sie als Hochschullehrer, auch Unternehmen sind zurzeit gezwungen, neue Wege zu gehen. Konferenzen und Meetings verlagern sich in den digitalen Raum, gearbeitet wird von zu Hause aus. Könnte es hier langfristig gar positive Effekte für die Wirtschaft und Innovationskraft in Deutschland geben?
Die Hoffnung ist nicht unberechtigt. Die Erfahrungen aus dieser Krise können in Zukunft sicher wertvoll sein. Es ging uns in Deutschland lange Zeit hervorragend, so dass nicht wirklich ein Impuls da war, etwas an alten Gepflogenheiten zu ändern. Vor allem in Hinblick auf die schleppende Digitalisierung ist das ersichtlich. Wie Sie eben sagten, sind die Unternehmen nun gezwungen, neue Wege zu gehen. Ich verweise hier auf ein Zitat von Herbert Knebel: „Wahre Liebe entsteht erst durch Zwang“. Das ein oder andere Unternehmen in Deutschland könnte die im Moment praktizierten Formen der Zusammenarbeit durchaus lieben lernen, da sie natürlich auch Vorteile bieten.

Sie sprechen die schleppende Digitalisierung in Deutschland an. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kündigte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zuletzt ein „Fitnessprogramm für die deutsche Wirtschaft“ an. Dieses solle sich nicht nur auf Konjunkturprogramme beschränken, sondern strukturell die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verbessern. Zum Beispiel, indem Unternehmen unterstützt werden, den Rückstand bei der Digitalisierung aufzuholen. Könnte das Virus hier als Treiber für längst überfällige Reformen dienen?
Auf jeden Fall. Das Virus könnte ein Weckruf sein, mehr in Digitalisierung zu investieren und die Rahmenbedingungen für Unternehmen zu vereinfachen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in der Zukunft noch einmal zu einer ähnlichen Krise kommt. Viele Unternehmen werden dann sicher vorbereitet sein wollen. Da ist Dezentralisierung – dezentrales Lernen, dezentrales Arbeiten – sicher ein entscheidender Baustein. Natürlich müssen in einem solchen Fall eine entsprechende Infrastruktur und angemessene Rahmenbedingungen gegeben sein. Auch der Staat ist also gefordert, sich nach dieser Krise besser aufzustellen.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Bundesregierung im Allgemeinen bisher?
Im Großen und Ganzen sehe ich das Handeln der Bundesregierung sehr positiv, das geht alles in die richtige Richtung. Die Politik hat erkannt, dass Liquidität für Unternehmen momentan das größte Problem ist. Das heißt: Viele Unternehmen in Deutschland haben ein funktionierendes Geschäftsmodell, mit dem sich Geld verdienen lässt. Momentan fehlt ihnen aber die Liquidität, um die Shutdown-Zeit zu überbrücken. Für die Politik ist die aktuelle Situation vergleichbar mit einer Operation am offenen Herzen. Natürlich müssen wir erstmal abwarten, wie gut die Maßnahmen letztlich fruchten. Es wird an der ein oder anderen Stelle sicher auch Bedarf zur Nachbesserung geben.

Ein Grundgedanke des freien Wettbewerbs ist, dass Ressourcen dorthin wandern, wo sie am produktivsten – sprich am günstigsten – eingesetzt werden. Das heißt aber zum Beispiel, dass Atemschutzmasken, Schutzausrüstungen, pharmazeutische Produkte und viele andere Bauteile kaum noch in Deutschland und in der EU hergestellt werden. In der jetzigen Krise mangelt es aber genau an diesem. Sollten wir uns deshalb in Zukunft weniger auf Importe verlassen und wieder mehr – zumindest von den lebenswichtigen Gütern – in Deutschland herstellen?
Da bin ich mir nicht sicher. Noch existiert in Deutschland kein gravierender Mangel an eben diesen Gütern. Außerdem sehen wir, dass viele Unternehmen in Deutschland – zum Beispiel aus der Textilindustrie – ihre Produktion relativ schnell auf Güter wie Atemschutzmasken umgestellt haben. Das zeugt von einer hohen Flexibilität. Die deutsche Wirtschaft lebt von Erfindergeist und Ingenieurskunst. Das sind Gütekriterien, die für die Herstellung von Atemschutzmasken – einem relativ einfachen Produkt – nicht entscheidend sind. Die Frage ist eher, ob es in Zukunft nötig sein wird, in Deutschland eine Sicherheitsreserve eben dieser Güter zu halten. Für nicht-verderbliche Produkte wie Atemschutzmasken und Schutzausrüstung ist das unkompliziert machbar. Zudem ist es wichtig, bei den Lieferquellen zu diversifizieren, sich also nicht auf ein Land zu verlassen.



Kommentar verfassen