It’s the productivity, stupid!

Wie stagnierende Produktivität den Wohlstand gefährdet – und was dagegen zu tun ist

Brexit, teure Wahlgeschenke statt nötiger Reformen in Frankreich und Italien sowie andauernde Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China – rund um die Wohlstandsinsel Deutschland ziehen dunkle Wolken auf. Und auch hierzulande zeigen die Wachstumsprognosen der meisten Institute momentan nur in eine Richtung: nach unten. Ein Schock nach den Wunderjahren, in denen die Welt immer ungläubiger auf die Wohlstandslokomotive „made in Germany“ schaute.

Diese Gemengelage bietet für die deutsche Wirtschaftspolitik eine besondere Gefahr. Sie könnte sich leichtfertig dem Ruf nach kurzfristigen Konjunkturprogrammen hingeben, die in solchen Situationen schnell laut werden. Vielleicht können die Konjunkturprogramme und Steueranreize sogar manche Krisensymptome abmildern. Doch die eigentliche Herausforderung liegt tiefer und ist mit einem Begriff verbunden, der es eher selten in Bundestagsdebatten oder auf Titelseiten schafft: Produktivität. Sie beschreibt nüchtern das Verhältnis von Mitteleinsatz und Ertrag. Wer die ökonomische Erfolgsgeschichte Deutschlands auch 2019 fortschreiben möchte, muss diese Größe im Auge behalten.

In vielen Innovationsfeldern spielen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich nur zweite Liga und hinken mit ihrer Modernisierung hinterher. Das lässt sich anhand der Produktivität messen: Vor über 30 Jahren wuchs der Wohlstandsmotor noch dreimal schneller als heute: Zwischen 1982 und 1992 pro Arbeitsstunde im Schnitt um 3 Prozent pro Jahr; zwischen 2009 und 2018 betrug der Wert nur noch 1,1 Prozent.

Wie kann das sein? Digitaler Fortschritt, Robotik, Künstliche Intelligenz – sollten all diese Entwicklungen nicht dazu beitragen, dass Firmen bei gleichem Mittel-Einsatz mehr leisten, also produktiver werden? Einigen wenigen sogenannten „Superstar-Unternehmen“ gelingt das. Der breiten Masse von Unternehmen aber nicht. Und da liegt das wesentliche Problem. Insbesondere die tragende Säule der deutschen Volkswirtschaft, der Mittelstand, verliert zunehmend den Anschluss an die technologische Spitze. Die Folge: Die Schere zwischen sehr produktiven und deutlich weniger produktiven Unternehmen öffnet sich immer weiter – und das hat Konsequenzen. Teile der Arbeitnehmer und ganze Regionen werden zunehmend von Wohlstandszuwächsen entkoppelt.

Wie sehr diese Entwicklung zu Lasten der Beschäftigten geht, belegt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung: Sie zeigt, wie die Marktkonzentration von hochproduktiven Superstar-Unternehmen in bestimmten Branchen zunimmt. In der Folge fielen dort Lohnzuwächse zwischen 2008 und 2016 um bis zu 5,4 Prozent geringer aus als ohne Zunahme der Marktkonzentration. Je nach Branche bedeutet das bis zu 2.200 Euro weniger pro Arbeitnehmer.

Klar ist: Wer seine Produktivität steigert, sollte nicht dafür bestraft werden. Denn produktiver müssen wir alle werden – schon alleine wegen des demographischen Wandels, sonst drohen uns Wohlstandsverluste. Wenn die Baby-Boomer in wenigen Jahren den Arbeitsmarkt verlassen, müssen weniger Beschäftigte mehr erwirtschaften.

Gleichzeitig müssen wir aber verhindern, dass dauerhaft eine Lücke einreißt zwischen denen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern indem sie produktiver werden, und jenen, die zurückbleiben. Die Folgen einer solchen Entwicklung sind in den USA und Großbritannien bereits sichtbar: Die Ungleichheit steigt. Hochproduktive Superstars wie Microsoft, Google oder Londoner Finanzkonzerne allein können nicht das Rückgrat einer gesunden Volkswirtschaft bilden. Und weder eine „America-First-Politik“ noch ein Brexit bringen die verlorenen Arbeitsplätze zurück, wenn Mittelstand und Industrie erst einmal weg sind.

Deshalb muss Deutschland wieder in der Breite produktiver werden. Eine kluge Wirtschaftspolitik kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Neue Technologien müssen sich schneller verbreiten und auch im Mittelstand adaptiert werden. Cluster-Politik könnte ein Ansatzpunkt sein: Nicht Unternehmen in einer einzigen Region sollten verbunden werden, sondern solche entlang von Wertschöpfungsketten kooperieren. Auch Anreize müssten besser gesetzt werden, damit der Mittelstand wieder stärker in Forschung und Entwicklung und in das eigene Wissenskapital investiert. Der Staat muss zudem dem industriellen Kern, der für gute Arbeit steht, Rahmenbedingungen zur Zukunftssicherung bieten. Die Grundlage hierfür bildet auch eine verlässliche und moderne Infrastruktur. Nur so können letztlich alle am Produktivitätsfortschritt teilhaben.

Erschienen im Handelsblatt vom 21. Januar 2019



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