Der Mittelstand braucht verlässliche Rahmenbedingungen

„Wertschätzung, Stärkung, Entlastung“ – mit diesen drei Begriffen ist die aktuelle Mittelstandsstrategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie überschrieben. Zu Recht: Denn die mittelständischen Unternehmen verdienen Wertschätzung – nicht nur, weil sie einen hohen volkswirtschaftlichen Stellenwert besitzen, sondern auch, weil sie gesellschaftlich von großer Bedeutung sind.

Zum Mittelstand zählen nach unserem Verständnis und Definition solche Unternehmen, bei denen Eigentum und Leitung in der Hand von maximal zwei natürlichen Personen oder deren Familienangehörigen liegen. Dies trifft auf die überwiegende Mehrzahl der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu, sofern sie nicht in Abhängigkeit zu einem anderen Unternehmen stehen. Zugleich gehören dem Mittelstand aber auch Unternehmen mit über 500 Beschäftigten an, wenn die Familienangehörigen noch mindestens 50 Prozent der Unternehmensanteile halten und aktiv in der Geschäftsführung tätig sind.

Bereits in der Gründungsphase tragen die Angehörigen des Mittelstands zur volkswirtschaftlichen Entwicklung bei: Laut Berechnungen des IfM Bonn investieren sie von jedem Euro Umsatz im Durchschnitt 66 Cent in Vorleistungen wie Einrichtungsgegenstände, Betriebsmittel und Produktionsanlagen.

Bedeutung des Mittelstands für die deutsche Wirtschaft

Die KMU, die mehrheitlich mittelständisch sind und in denen rund 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten, steuern knapp 58 Prozent zur gesamten Netto-Wertschöpfung aller Unternehmen bei. Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Beitrag der rund 4.700 großen Familienunternehmen: Laut Kennzahlen-Update 2018 erwirtschafteten sie in 2016 durchschnittlich fast 499 Millionen Umsatz. Zugleich beschäftigen sie im Durchschnitt rund 1.770 Personen.

Doch nicht nur aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der Ruf des Mittelstands gerechtfertigt: Vor kurzem haben wir in einer Studie die Unternehmensziele von Familienunternehmen und nicht-mittelständischen Unternehmen verglichen. Im Ergebnis können wir anschaulich belegen, dass die Angehörigen des Mittelstands tatsächlich denjenigen Unternehmenszielen eine höhere Bedeutung als Führungskräfte in nicht-mittelständischen Unternehmen zusprechen, die gemeinhin für sie als charakteristisch gelten: ihrer Unabhängigkeit sowie der Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Auch sehen sich die mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer deutlich mehr in der Verantwortung, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten als Führungskräfte in nicht-mittelständischen Unternehmen. Allerdings fällt es ihnen aufgrund ihrer Eigentums- und Führungsstruktur auch leichter als den managergeführten Unternehmen, diesen Anspruch umzusetzen. Ein ähnliches Bild von der Bedeutung des Mittelstands für die Gesellschaft hat bereits vor vier Jahren eine andere Vergleichsstudie des IfM Bonn gezeigt: So verzichteten die großen Familienunternehmen – im Gegensatz zu den großen nicht-mittelständischen Unternehmen – im weltweiten Krisenjahr 2009 trotz Umsatzeinbußen weitestgehend auf Personalabbau. Hierdurch trugen sie entscheidend zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes in den konjunkturell schwierigen Jahren bei.

Rasche Erholung von der Krise

Allerdings profitierten die großen Familienunternehmen anschließend auch von ihrem Vorgehen: Als die Auftragseingänge in der Phase der Konjunkturerholung wieder zügig stiegen, konnten sie in den großen Familienunternehmen deutlich rascher abgearbeitet werden als in den großen managergeführten Unternehmen. Entsprechend erzielten die großen Familienunternehmen sowohl in 2010 als auch 2011 schon wieder deutlich höhere Umsätze als die Nicht-Familienunternehmen.

Es überrascht daher nicht, wenn in der Öffentlichkeit der Mittelstand regelmäßig als „Rückgrat“ und „Jobmotor“ der deutschen Wirtschaft bezeichnet wird. Und auch die ausländischen Medien heben immer wieder seine besondere Bedeutung hervor: Er gilt als „Deutschlands Geheimwaffe“. Im April 2019 sprach die europäische Ausgabe der Businessweek vom „Mächtigen Mittelstand“, der seit geraumer Zeit der einzige Lichtblick in der deutschen Wirtschaft sei.

Gleichwohl wirken sich aktuell auch im Mittelstand der Protektionismus einzelner Staaten sowie der ungeklärte Brexit negativ auf die Geschäftsentwicklung der Unternehmen aus, auch wenn viele von ihnen noch von der soliden Binnennachfrage profitieren. Neben den Großkonzernen haben in der Vergangenheit auch die großen Familienunternehmen und die KMU zum Titel „Exportweltmeister“ beigetragen: Noch in 2016 erwirtschafteten die großen Familienunternehmen jeden dritten Euro durch den Export. Die USA stellten zu diesem Zeitpunkt den zweitwichtigsten Absatzmarkt für ihre Exportgüter und Dienstleistungen dar. Und auch die KMU erwirtschafteten beispielsweise in 2017 rund ein Sechstel des gesamten deutschen Exportumsatzes.

Die aktuellen Schutzzölle treffen die einzelnen Unternehmen insbesondere dann, wenn sie umfassende Geschäftsbeziehungen mit dem protektionistisch auftretenden Land unterhalten und wenn ihre nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit gering ist. Nicht vergessen darf man aber auch die mittelständischen Unternehmen, die als Zulieferer für globale Wertschöpfungsketten am Exporterfolg der deutschen Wirtschaft beteiligt sind. Durch die Handelshindernisse und -unsicherheiten kann ihre Rolle als Zulieferer in den globalen Wertschöpfungsketten so erschwert werden, dass eine weitere Beteiligung nicht mehr rentabel ist. Beruhigend ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass dem Mittelstand mit dem EU-Binnenmarkt auf jeden Fall ein sicheres Terrain für seine internationalen Aktivitäten zur Verfügung steht – gleich wie weit sich die Protektionismusspirale noch dreht.

Zudem hat die Weltwirtschaftskrise in 2008/09 sowohl bei den großen Familienunternehmen als auch bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen zu einem vorausschauenden Handeln geführt: So haben sie seit 2010 ihre Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern stetig reduziert und in den vergangenen Jahren ihre Eigenkapitalquote kontinuierlich erhöht.

Rahmenbedingungen regelmäßig auf den Prüfstand stellen

Auch wenn die mittelständischen Unternehmen prinzipiell auf ihre eigene Problemlösungskompetenz und Leistungsfähigkeit vertrauen, bleibt es wesentlich für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands, dass die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen regelmäßig auf den Prüfstand gestellt werden. Zugleich muss der Ordnungsrahmen verlässlich bleiben. Aktuell gilt es beispielsweise, die digitalen Rahmenbedingungen aufgrund der hohen technologischen Entwicklungsgeschwindigkeit anzupassen: Sowohl der Breitbandausbau in der Fläche als auch eine reibungslose Mobilfunkversorgung sind dringend notwendig, damit die mittelständischen Unternehmen ebenso wie die Konzerne die Möglichkeiten großer Datenvolumen für künstliche Intelligenz (KI)-Anwendungen und intelligente Software nutzen sowie smarte Produkte und Dienstleistungen anbieten können. Wir wissen aus unseren Forschungen, dass gut jedes vierte mittelständische Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe inzwischen smarte Produkte anbietet oder deren Herstellung plant. Ebenso müssen auch andere Herausforderungen für den Mittelstand bei der (Neu-)Ausrichtung von Rahmenbedingungen, wie beispielsweise im Wettbewerbsrecht, berücksichtigt werden.

Verlässliche Rahmenbedingungen sowie eine in der Fläche verfügbare digitale Infrastruktur sind nicht zuletzt wichtig, damit der Mittelstand fern der Metropolen weiterhin seiner gesellschaftlichen Bedeutung gerecht werden kann. Nur dann werden die mittelständischen Unternehmen auch zukünftig denjenigen Zielen eine höhere Beachtung schenken, die letztlich das Besondere des Mittelstands ausmachen: Neben der Sicherung des eigenen Einkommens auch Arbeitsplätze zu schaffen, nachhaltig für Mitarbeiterzufriedenheit zu sorgen sowie die regionale Versorgung aufrechtzuerhalten und ihren Beitrag zu lebenswerten Regionen zu leisten. Schließlich tragen die mittelständischen Unternehmen – neben ihrer Produktivität – hierdurch wesentlich zur gesellschaftlichen Stabilität in Deutschland bei.



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