Die Kraft von Narrativen in Transformationsprozessen

Wenn wir an wirtschaftliche Erfolgsgeschichten denken, kommen uns augenblicklich historische Narrative in den Sinn: das deutsche Wirtschaftswunder, der Wiederaufstieg Asiens, der australische Rekord von Quartalen ohne Rezession.

All diesen Narrativen gemein ist, dass sie eng mit dem noch immer vorherrschenden Wachstumsparadigma verknüpft sind. Auch jetzt, wo wir uns im zweiten Jahr der Corona-Pandemie befinden, wird auf die alten Narrative zurückgegriffen.

Es gelte, so die Maßgabe, die „Wirtschaft schnell wieder ans Laufen zu bringen und zur alten Leistungsstärke zurückzukehren“, womit nichts anderes gemeint ist als die schnellstmögliche Rückkehr auf den traditionellen Pfad des quantitativen Wachstums.

Pandemie bietet Chance

Dabei bietet gerade die Pandemie eine große Chance zum Innehalten, ob wir angesichts zunehmender existenzieller Risiken und der Erreichung planetarer Belastungsgrenzen uns nicht viel intensiver die Frage stellen sollen: Wollen wir überhaupt zurück zum Altbekannten? Oder sollte das „New Normal“ nicht auch zum Versuchslabor eines „New Economic Normal“ werden?

Unsere Vorstellungen von wirtschaftlichem Erfolg sind nach über zwei Jahrhunderten Industrialisierung und der Erlangung von breitem Wohlstand fest verwurzelt.

Hier zeigt sich die Kraft von etablierten Narrativen.

Doch der Elefant im Raum wird jeden Tag größer: Denkt man an zukünftige Generationen, ist diese Art von Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes nicht nachhaltig. Darum werden die Stimmen, die eine Umorientierung entlang neuer ökonomischer Parameter fordern, immer lauter.

Die Zeit drängt

Und die Zeit drängt: Die Zwillingskrise aus Erderwärmung und Artensterben erfährt eine wechselseitige Beschleunigung. Zoonosen breiten sich aus. Weltweit nimmt die Zahl von Klimaflüchtenden zu, die zur Verfügung stehende Fläche fruchtbaren Landes dagegen ab.

Rund eine Lastwagenladung Plastikmüll pro Minute (!) wird in die globalen Gewässer abgeladen, rund zwei Drittel davon lagern sich für den Menschen unsichtbar auf dem Meeresboden ab. Der Earth Overshoot Day, an dem die planetaren Ressourcen für das ganze Jahr aufgebraucht sind, fällt inzwischen auf den 29. Juli.

Keime einer alternativen Wirtschaftsweise und damit auch von alternativen Narrativen existieren bereits viele und werden auf experimenteller Ebene auch vielfältig gelebt und gesellschaftlich debattiert.

Stellvertretend seien das Konzept der Gemeinwohlökonomie oder die Doughnut-Economy genannt. Insofern stellt sich auch die Frage, ob wir nicht schleichend einen Wandel in Richtung einer transformierten Wirtschaft im Sinne einer neuen Entwicklungsstufe erleben.

 

Quelle: eigene Darstellung Glockner/Grünwald 2021.

Ist Nachhaltigkeit noch genug?

Angesichts der multiplen Krisenbündel, mit denen sich die Menschheit im 21. Jahrhundert konfrontiert sieht, stellt sich die berechtigte Frage, ob Nachhaltigkeit noch genug ist – oder es nicht eine viel weitreichendere Transformation hin zu regenerativen Systemen braucht.

In der Zukunftsforschung lassen sich alternative Zukünfte vereinfacht entlang der drei idealtypischen Horizonte nachzeichnen.

  • Der erste Horizont beschreibt ein „Weiter so!“, ein Weg, der mittel- und langfristig für den Niedergang des Wachstumsparadigmas steht.
  • Der zweite Horizont beschreibt einen innovativen Umbau der bestehenden Wirtschaftsweise, der sich langfristig entweder dem ersten Horizont (H2-) oder dem dritten Horizont (H2+) annähert.
  • Der dritte Horizont steht für eine radikale Transformation des Bestehenden, die heute oftmals noch im Gewand einer Utopie daherkommt.

Die Herausforderungen sind immens: Wie kann es uns angesichts existenzieller Risiken gelingen, Wirtschaftssysteme zukünftig so auszugestalten, dass sie sowohl Ressourcenschonung als auch die Aufrechterhaltung von hoher Lebensqualität ermöglichen?

Abschied von Bequemlichkeiten

Jede Transformation bedeutet auch immer einen Abschied von liebgewonnen Bequemlichkeiten – und bringt notwendigerweise Verlierer:innen mit sich. Umso wichtiger ist es, derartigen kurzfristigen Verlustängsten durch langfristig positive Narrative einer transformierten Zukunft zu begegnen.

Zukunftsnarrative können im öffentlichen Diskurs die gleiche Wirkkraft entwickeln wie historische Erfolgsnarrative.

Gesellschaften brauchen positive Zukunftsbilder, sie können Kräfte freisetzen und helfen, bestehende Spaltungen zu überwinden.

Eine Gesellschaft ohne positive Zukunftsentwürfe ist im wahrsten Sinne des Wortes auch eine Gesellschaft ohne Zukunft. Utopien und positive Narrative helfen Menschen bei der Bewältigung von Krisen und Herausforderungen sowie im Umgang mit der prinzipiellen Ungewissheit hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen.

Die Frage, welche Zukunftsvorstellungen in der Gegenwart vorherrschen und welche Narrative den Zukunftsdiskurs dominieren, ist entscheidend für die Gestaltung der Zukunft, da in der Gegenwart getätigte Investitionen – gleich welcher Art – immer erst mit einer Zeitverzögerung ihre Wirkung entfalten.

In der Politik fehlt es an Zukunftsideen

In der Politik fehlte es in den letzten Jahren an vorausschauenden Zukunftsideen und -lösungen, pragmatische Ansätze einer reagierenden Politik dominierten. Angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen die Menschheit im 21. Jahrhundert steht, sind positive Zukunftsentwürfe wichtiger denn je.

In Anbetracht der überbordenden Komplexität ist die Politik vielerorts zu einem permanenten „Fahren auf Sicht“, einem agilen Projektsteuerungsmodus, übergegangen. Dieser hat auch zukünftig seine Berechtigung, sollte aber immer auf die Erreichung langfristiger positiver Zukunftsbilder ausgerichtet sein.

Welche Kriterien muss ein gutes Zukunftsnarrativ erfüllen?

Welche Kriterien ein gutes Zukunftsnarrativ erfüllen muss, haben Cristina Espinosa, Michael Pregernig und Corinna Fischer 2017 im Auftrag des Umweltbundesamtes herausgearbeitet. Ein tragfähiges Narrativ ist demnach durch sechs zentrale Charakteristika gekennzeichnet und dann erfolgreich, wenn…

  • … es von Akteur:innen kommuniziert wird, die in der Öffentlichkeit als legitim und glaubwürdig anerkannt sind;
  • … es Inhalte transportiert, die Gemeinsamkeiten mit den Ideen, Konzepten und Kategorisierungen eines dominanten Diskurses aufweisen und an diese anschließen kann, sowie wenn es an kulturell geprägte Voreinstellungen einer Zielgruppe appellieren kann;
  • … es offen und mehrdeutig angelegt ist;
  • … es Bezüge zu Phrasen, Ausdrücken und Wörtern herstellt, die seine Einbettung in historische Ereignisse und/oder situative Gegebenheiten aufzeigen;
  • … es Probleme durch konsistente und kohärente Narrativstrukturen kommunizierbar macht;
  • … es in verständlicher Sprache erzählt wird, technischen Jargon vermeidet und gut an das Alltagsverständnis des Publikums anschließt.

Z_punkt ist derzeit an der Erarbeitung eines solchen positiven Narrativs für ein ressourcenschonendes und treibhausgasneutrales Deutschland 2050 im Auftrag des Umweltbundesamtes federführend beteiligt.

Dabei sollen nicht die abstrakten Zielmarken eines klimaneutralen Deutschlands 2050 mit immer neuen Reduktionszahlen versehen werden, sondern das wissenschaftliche Zukunftsbild mit Leben gefüllt werden. Dies bedeutet auch, die immensen Herausforderungen, die dieser Weg mit sich bringt, offen und ehrlich zu kommunizieren.

Ganze Industrien stehen vor einem radikalen Umbau, von Mobilität über Landwirtschaft bis hin zur Freizeitindustrie. Auch die Lebensstile, die wir heute pflegen, werden sich so nicht eins zu eins fortführen lassen. Die Zukunft beginnt mit Ehrlichkeit und Transparenz.



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