„Innovation ist der Dreh- und Angelpunkt“

Im Gespräch mit dem Serial Entrepreneur und Gründer der Orangery Dominik Groenen


Was genau ist die Orangery?
Wir haben mit der Orangery ein Ökosystem entwickelt, mit dem wir Gründern, die aus dem digitalen Umfeld kommen, Hilfe und notwendige Infrastrukturen anbieten. Das Besondere dabei ist, dass wir das eben nicht in den klassischen Start-up-Hubs, sondern in kleineren Städten tun.

Warum kleinere Städte?
In Berlin haben Sie an jeder Ecke Coworking-Spaces, Inkubatoren, Investoren. Aber in Städten bis ca. 300.000 Einwohner ist die Landschaft diesbezüglich relativ trist. Zwar gibt es vor Ort zumeist eine Wirtschaftsförderung oder ein Technologiezentrum. Doch wenn es um digitale Geschäftsmodelle geht, fehlt es diesen an Expertise. Das ist gar nicht abwertend gemeint; gerade die Wirtschaftsförderung hat auch einen ganz anderen Fokus: Dort bekommen Sie kompetente Hilfe, wenn Sie sich mit einer klassischen Dienstleistung oder einem Handwerkerberuf selbstständig machen. Doch wenn Sie ein Start-up gründen, brauchen Sie andere Dinge: Sie brauchen gut ausgestattete Arbeitsplätze, Sie brauchen vergleichsweise viel Kapital und Sie brauchen Beratung in Bezug auf Skalierung und Internationalisierung. Dafür sind wir da.

Profitieren davon nur die Gründer oder auch die Standorte?
Unbedingt. Was wir tun, hat klare Auswirkungen auf Gründer: Die wandern dann nämlich nicht mehr ab. Wenn es uns gelingt, die Gründer mit ihren Familien und Mitarbeitern in der Region zu halten, dann wird das positive Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt, den Einzelhandel und in der Folge auch auf Schulen und Kindergärten haben.

Wie wird das Angebot der Orangery bisher angenommen?
Wir haben das Vorhaben zwei Jahre lang geplant und dann im September 2018 in Hildesheim unseren ersten Prototypen auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern eröffnet. Der Zulauf ist enorm, wir werden in den nächsten fünf Jahren weitere 50 Standorte eröffnen.

Nach welchen Kriterien treffen Sie Standortentscheidungen?
Da gehen wir streng strategisch vor. So sind wir in Hildesheim eine Partnerschaft mit der ortsansässigen Fachhochschule eingegangen, weil diese einen eigenen Lehrstuhl für Entrepreneurship hat. Nach solchen Optionen für tragfähige Partnerschaften suchen wir auch bei der Entscheidung für andere Standorte: Gibt es eine FH, Universität oder zumindest Professoren, die sich mit den Themen Entrepreneurship und Unternehmensgründungen beschäftigen? So sind wir dann zu unseren nächsten Standorten gekommen: Wir eröffnen in Kürze in Hameln, Braunschweig, Göttingen, Oldenburg, Krefeld, Solingen, Leer und Bremen.

Wie nehmen die offiziellen Stellen in den Städten und Kommunen die Herangehensweise von Ihnen wahr – begegnet man Ihnen mit Misstrauen oder eher mit offenen Armen?
Ich setze mich grundsätzlich mit allen Menschen persönlich vor Ort zusammen: Bürgermeister, Wirtschaftsförderung, regionale Unternehmer – und ich renne offene Türen ein. Denn die Schaffung einer Infrastruktur für Unternehmer ist ja sogar im Koalitionsvertrag verankert. Wir werden als Ergänzung, als Partner betrachtet und nicht als Konkurrenz.

Sie haben zuvor bereits 13 Start-ups gegründet. Welchen Stellenwert haben Innovationen, wenn es um Erfolg oder Misserfolg geht?
Innovationen sind, davon bin zumindest ich überzeugt, der Dreh- und Angelpunkt von allem. Das gilt übrigens nicht nur für Start-ups, sondern mindestens genauso für etablierte Unternehmen. Viele unserer Unternehmen in Deutschland beschäftigen sich nicht genügend oder sogar gar nicht mit dem Thema Innovation, weil sie sich immer noch in der Komfortzone sind und denken, sie könnten ewig so weitermachen wie bisher.

Wie bringt man Innovation in die Unternehmen?
Zuerst mal muss das Thema Chefsache sein. Wenn Sie das nicht von ganz oben fordern und vorleben, wird das nichts. Zweitens: Innovation kann man nicht zwei oder drei Tage im Jahr „verordnen“, indem man alibimäßig einen Innovationsworkshop abhält. Innovation muss 365 Tage pro Jahr ins Unternehmen gebracht werden. Weil sich Kunden und Märkte immer schneller wandeln. Drittens lässt sich echte Innovation nicht allein mit der bestehenden Belegschaft ins Unternehmen bringen. Sicherlich hat jedes Unternehmen ein paar kreative Köpfe an Bord. Doch es braucht auch erfahrene, externe Kräfte, die diese und auch neue Potenziale heben. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass Innovationslabore im Idealfall räumlich vom Stammunternehmen getrennt sind. Das mag paradox klingen, aber wenn Sie eine gewissermaßen „sichere Distanz“ zum Unternehmen haben, agieren Sie freier und ungebundener.

Gibt es in Bezug auf Innovationen ein Stadt-Land-Gefälle?
Das löst sich nach meiner Beobachtung so langsam auf. Klar, Berlin ist in Deutschland immer noch die Nummer Eins, gerade wenn es um Start-ups geht. Doch die Region holt auf, gerade die Ecke Hannover/Oldenburg entwickelt sich prächtig. Auch das Ruhrgebiet hat bewiesen, wie ein Strukturwandel gehen kann. In Berlin werden Wohnraum und Büroräume immer teurer, die Wohnung und Büros sind für viele Gründer kaum noch bezahlbar. Damit werden die Randgebiete attraktiver und irgendwann wird es auch „weiter draußen“ attraktiv sein – aber nur, wenn die Infrastrukturen stehen.

Glauben Sie wirklich, dass es in der Region möglich ist, der Anziehungskraft der zumeist in den Metropolen angesiedelten Superstar-Firmen zu widerstehen?
Es sind ja nicht nur die beruflichen Herausforderungen und das Gehalt, das Menschen anzieht. Natürlich haben viele Familien in der Region – die so genannten hidden champions – in der Historie tolle Unternehmen aufgebaut, die teilweise Weltmarktführer sind und nun vor der Gefahr stehen, dass ihnen die Mitarbeiter abwandern. Doch man kann aktiv etwas dagegen tun. Wenn man Talenten heute die Möglichkeit gibt, in bestimmten Grenzen autonom über Arbeitszeiten und -orte zu entscheiden, wenn man die Arbeitsmodelle generell modernisiert und mehr auf Ergebnisorientierung als physische Präsenz setzt, dann kann man sicherlich erfolgreich gegen Abwanderungstendenzen arbeiten. Wichtig ist – und das gilt ebenso wie für unser Thema Innovation – dass man sich nicht auf Lorbeeren ausruht, sondern sich immer wieder in Frage stellt und besser werden will.



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