Innovation startet in den Köpfen: Von großen Erwartungen und europäischen Lösungen

In Zeiten der Digitalisierung und zunehmender globaler Krisen wie dem Klimawandel steht Deutschland als Hochtechnologienation unter großem Druck: Will es langfristig wettbewerbsfähig bleiben und zugleich eine Vorreiterrolle in der Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit einnehmen, muss es deutlich innovativer werden – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Die ökonomischen Erfolge der vergangenen Jahrzehnte dürfen nicht zum Ausruhen auf dem technologischen Status Quo verleiten, während sich Innovationszyklen zusehends beschleunigen. Schon heute zeigt sich ein beeindruckendes Innovationstempo der USA und insbesondere Chinas bei einigen Schlüsseltechnologien, welches die Konkurrenzfähigkeit und Gestaltungsmacht Europas über kurz oder lang auf eine harte Probe stellen wird.

Um diese zu bestehen, bedarf es nicht mehr nur in erster Linie unternehmerischer Kreativität und individuellen Erfindertums. Vielmehr ist heute auch eine moderne Innovationpolitik gefragt: Sie muss deutlich mehr investieren, die Rahmenbedingungen für Austausch und Vernetzung, für Start-ups und Gründungsdynamik, für Sprunginnovationen kontinuierlich verbessern. Insgesamt sollte sie sich künftig auch nicht mehr allein am wirtschaftlichen Erfolg orientierten, sondern zugleich stärker missionsorientiert auf die Lösung drängender gesellschaftlicher Problagen ausgerichtet werden. Und: sie muss europäischer werden. Nicht nur, da Innovationsanstrengungen kaum noch alleine finanzierbar sind und nur eine geeinte EU als globale Wirtschaftsmacht bestehen wird (Stichwort: Technologiesouveränität), sondern auch um den Innovationen einen verbindlichen Rechtsrahmen und ethischen Kompass zu geben, der sie nötigenfalls von jenen in den USA oder China abhebt.

Offenheit und Akzeptanz als wichtige Erfolgsfaktoren

All dies bedarf eines entsprechenden Mindsets der beteiligten Entscheider:innen und natürlich der Bevölkerung, die sich bestenfalls der großen Potenziale von Innovationen, aber auch der internationalen Konkurrenzsituation bewusst sind. Eine gewisse Offenheit gegenüber technologischem Fortschritt ist Grundvoraussetzung dafür, dass politische Initiativen die nötige Unterstützung erfahren. Umgekehrt sollten Ziele und Missionen in der Innovationspolitik transparent erarbeitet werden und einen inklusiven Anspruch haben, um auf möglichst große Akzeptanz zu stoßen. Nur wenn die Bevölkerung auch hinter der europäischen Zusammenarbeit steht, wird die EU effizient funktionieren und einen ökonomischen Mehrwert erzeugen können. Heterogene Präferenzen, politischer Dissens und nationale Alleingänge würden das Innovationstempo in Europa hingegen bremsen und damit sowohl der globalen Wettbewerbsfähigkeit schaden als auch der Kapazität, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Ein Defizit, welches sich Wirtschaft wie Gesellschaft in Europa kaum mehr leisten könnten.

Doch wie steht es um die Einstellung der Deutschen und Europäer zu Innovationen? Bisher galten zumindest die Deutschen oftmals als eher skeptisch gegenüber technologischem Fortschritt. Tatsächliche Evidenz dafür findet sich jedoch kaum. Vielmehr wurde dieses Klischee häufig bedient, wenn es um große Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 oder umstrittene Technologien wie etwa Atomkraft oder Gentechnik ging, deren Anwendung zu größerem Protest führte. Doch zeugt das von grundlegender Skepsis oder doch von einer begründeten und eher differenzierteren Betrachtungsweise einschneidender technologischer Neuerungen?

Umfrage zeigt positive Zukunftserwartungen in Deutschland und Europa

Eine neue Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass von einem generellen Fortschrittspessimismus auch im europäischen Vergleich jedenfalls keine Rede sein kann: So erwarten 65 Prozent der Deutschen in den kommenden 15 Jahren positive Auswirkungen durch Innovationen und technologischen Fortschritt auf ihr Leben, während nur ein Fünftel eher negative Zukunftserwartungen hat. Damit erweisen sich die Deutschen auch nur geringfügig weniger innovationsfreundlich als die Europäer insgesamt (Abbildung 1).

Die positiven Erwartungen der Deutschen richten sich dabei vor allem auf fünf Innovationsfelder: So setzt die Hälfte der Bundesbürger im Bereich Mobilität und Transport auf Innovationen. 33 Prozent rechnen mit Vorteilen bei der Energieversorgung, 31 Prozent im Gesundheitswesen und der Pflege, 28 Prozent beim Umweltschutz sowie 26 Prozent im Bildungssektor. Eine eher deutsche Besonderheit ist dagegen das hohe Maß an Sensibilität für den Datenschutz: 45 Prozent der Deutschen erwarten diesbezüglich negative Effekte durch fortschreitende Technologie und Digitalisierung. Diese Sorge steht bei den möglichen Bedenken hierzulande an erster Stelle und ist deutlich stärker ausgeprägt als im europäischen Durchschnitt (36 Prozent). Weitere tendenziell negative Effekte bei Innovationen sehen 41 Prozent der Deutschen für die Schaffung neuer Arbeitsplätze, eine auch in ganz Europa verbreitete Befürchtung.

Innovationsförderung sollte sich an gesellschaftlichen Zielen orientieren

Das zeigt, dass Ängste insbesondere dort bestehen, wo individuelle Nachteile etwa durch den Missbrauch persönlicher Daten bei digitalen Dienstleistungen oder den Verlust des Arbeitsplatzes infolge der Automatisierung drohen. Positive Innovationseffekte werden hingegen deutlich häufiger in eher abstrakten Bereichen wie dem Klimaschutz oder in der Energieversorgung gesehen. Wenn es also um eine breite Unterstützung in der Bevölkerung geht, sollten Innovationen nicht gänzlich ungeregelt erfolgen oder maximaler Wirtschaftlichkeit unterworfen werden, sondern möglichst einen Mehrwert in wichtigen gesellschaftlichen Feldern entfalten. Entsprechend sehen auch über die Hälfte der Befragten einen Förderbedarf bei Innovationen zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Das ist mit großem Abstand der zweithöchste Wert nach dem Gesundheitswesen, für das der Wunsch nach Innovationsförderung coronabedingt nun am größten ist (Abbildung 2).

Breite Unterstützung für ambitionierte europäische Innovationspolitik

Zudem gibt es einen deutlichen Rückhalt für eine engere Zusammenarbeit europäischer Staaten bei der Innovationspolitik: Fast zwei Drittel der Deutschen und Europäer befürworten eine stärkere EU-Kooperation zur Schaffung einer innovativen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft (Abbildung 3). Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich die Mehrheit sowohl der deutschen als auch europäischen Bürger darüber einig ist, dass die USA und insbesondere China bei einigen Schlüsseltechnologien wie KI vorne liegen. Diese Ergebnisse sollten die deutsche und europäische Politik darin bestärken, eine neue Offensive in der Innovationspolitik zu starten. Insbesondere bestehende Ansätze wie etwa der Green Deal oder die Digitalstrategie mit erheblichem supranationalen Mehrwert können auf eine große Unterstützung bauen. Als Rechtfertigung einer zögerlichen Politik und eines langsamen Innovationsprozesses dienen die Befunde jedenfalls nicht.

Dieser Blogbeitrag basiert auf den Ergebnissen einer repräsentativen, europaweiten eupinions-Umfrage der Bertelsmann Stiftung unter rund 12.000 EU-Bürger:innen, die im detailliert analysiert werden.



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