Wechselkurs und Produktivität

Wechselkursschwankungen beeinflussen nicht nur den Außenhandel eines Lands, auch der Anreiz zur Steigerung der Produktivität in den Unternehmen hängt unmittelbar von der Stärke der heimischen Währung ab. Dieser Umstand wird oftmals übersehen – und damit auch der Einfluss von Auf- und Abwertungen auf die Investitionen, den technologischen Fortschritt und die Produktivität in einer Volkswirtschaft. Die Wirkungsrichtung von Wechselkursschwankungen ist jedoch keinesfalls eindeutig, da sich eine Vielzahl von produktivitätssteigernden und -senkenden Effekten gegenüberstehen.

Aufwertung als Produktivitätspeitsche

Ein erster Wirkungskanal einer Wechselkursänderung betrifft die damit verbundene veränderte Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Unternehmen. So macht es beispielsweise eine Aufwertung für Unternehmen schwieriger, Produkte im Ausland zu verkaufen. Als Folge wird weniger exportiert. Aber auch auf dem heimischen Markt sinken die Absatzchancen: Spiegelbild der eigenen Aufwertung ist eine Abwertung der ausländischen Währungen. Damit werden Auslandsprodukte preiswerter. Verbraucher konsumieren dann verstärkt diese Produkte anstelle von einheimischen. Um die eigenen Absatzchancen wieder zu verbessern, sind technologisch bedingte Kostensenkungen erforderlich. Der Einsatz entsprechender Produktionstechnologien erhöht die Produktivität der inländischen Unternehmen. Die Aufwertung der eigenen Währung wirkt so gesehen wie eine Produktivitätspeitsche.

Unter dem verschärften Wettbewerbsdruck leiden vor allem die ohnehin schon wenig produktiven Anbieter. Bei einer dauerhaft starken Währung verschwinden sie vom Markt. Dieser Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ beschleunigt den Strukturwandel, was sich langfristig ebenfalls positiv auf die Produktivität auswirkt.

Aufwertung als Produktivitätsbremse

Die Aufwertung der eigenen Währung muss nicht für alle inländischen Unternehmen ein Wettbewerbsnachteil sein. Das Spiegelbild einer Aufwertung des Euros ist eine Abwertung des Dollars. Für europäische Unternehmen, die Vorleistungen aus dem Ausland beziehen, ist dies ein Vorteil: Eine zehnprozentige Abwertung des Dollars bedeutet, dass alle aus dem Dollarraum bezogenen Vorleistungen – in Euro gerechnet – zehn Prozent billiger werden. Für ein deutsches Unternehmen, das viele Vorleistungen aus dem Dollarraum bezieht und seine Produkte in der Euro-Zone verkauft, bedeutet dies eine Gewinnsteigerung: Die in Euro ausgedrückten Produktionskosten sinken. Der nachlassende Wettbewerbsdruck verringert daher den Anreiz, kostensenkende technologische Innovationen durchzuführen. Die Aufwertung der heimischen Währung wirkt in diesem Fall als Innovations- und Produktivitätsbremse.

Produktionsrückgang reduziert Produktivität

Kurzfristig ergibt sich aus der Aufwertung ein zweiter produktivitätssenkender Effekt: Ein stärkerer Euro verteuert die einheimischen Produkte im Rest der Welt. Damit sinken die Exporte, während die Importe zunehmen. Im Ergebnis verringert sich die Nachfrage nach den im Inland hergestellten Gütern und Dienstleistungen. Unternehmen passen sich daran an, die Produktion im Inland sinkt. Zumindest der Kapitalbestand kann nicht mit der gleichen Geschwindigkeit reduziert werden. Wenn der Output der Unternehmen sinkt, aber der eingesetzte Kapitalstock mehr oder weniger konstant bleibt, verringert sich die Produktivität des Faktors Kapital. Das Gleiche gilt für die Arbeitsproduktivität, wenn Unternehmen die eigentlich nicht benötigten Arbeitskräfte im Betrieb behalten.

Aufwertung als Investitionsbremse

Ob Unternehmen erforderliche Innovationen – also vor allem die damit verbundenen Forschungs- und Entwicklungsausgaben sowie Investitionen – tatsächlich durchführen können, ist häufig auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Eine zentrale Finanzierungsquelle sind die Unternehmensgewinne. Wenn ein exportorientiertes Unternehmen wegen der Aufwertung der heimischen Währung einen Umsatzrückgang erleidet, geht dies auch zu Lasten des Gewinns. Geringere Gewinne verschlechtern die Finanzierungsmöglichkeiten für Investitionen sowie Forschung und Entwicklung. Die zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit erforderlichen Produktivitätssteigerungen können folglich nicht realisiert werden, was sich negativ auf die Produktivität auswirkt.

Auch der Rückgriff auf Kredite, um Innovationen zu finanzieren, ist dann möglicherweise keine Alternative: Wenn Banken feststellen, dass sich die Umsatzerwartungen eines Unternehmens verschlechtern, wirkt sich das negativ auf die Kreditwürdigkeit des Betriebs aus.

Aufwertung verbilligt importierte Investitionen

Neben dem Finanzierungsaspekt hat die Aufwertung der heimischen Währung auch einen investitionsfördernden Effekt: Bei einer Aufwertung werden importierte Investitionsgüter billiger. Für sich genommen kann dies einen Produktivitätsanstieg bewirken.

Aufwertung schwächt den Wirtschaftsstandort

Eine aufwertungsbedingte Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft bedeutet eine Schwächung des Wirtschaftsstandorts. Damit nehmen die Investitionstätigkeiten ab:

  • Für ausländische Investoren verliert das Land an Attraktivität. Ausländische Investitionen, die in das Land fließen, sinken.
  • Gleiches gilt für einheimische Investoren. Auch für sie ist es ökonomisch sinnvoller, ihr Kapital im Ausland zu investieren.

Die Folge dieser Investitionsentscheidungen ist ein Nachlassen der Investitionstätigkeiten. Ohne diese Investitionen unterbleiben jedoch auch die mit ihnen verbundenen produktivitätserhöhenden Innovationen.

Was überwiegt?

Bei so vielen Wirkungskanälen ist nicht vorhersehbar, welche Auswirkungen eine Wechselkursänderung per Saldo auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität eines Landes hat. Der Gesamteffekt hängt ab von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft: Wie groß ist der Exportanteil des Landes an der gesamten Produktion? Wie stark sind die inländischen Unternehmen auf importierte Investitionsgüter angewiesen? Wie schwer ist es für Unternehmen, Kredite für Forschungs- und Entwicklungsausgaben zu erhalten?

Etwas klarer werden die Gesamtwirkungen, wenn zwischen der kurzen und der langen Frist unterschieden wird:

  • Kurzfristig haben die investitions- und produktivitätshemmenden Effekte ein größeres Gewicht. Bei einer Aufwertung der heimischen Währung sind dies vor allem die nicht genutzten Teile des Kapitalbestands und der Belegschaft bei einer sinkenden Produktion und die nachlassenden Gewinne zur Finanzierung produktivitätssteigernder Maßnahmen.
  • In der langen Frist gewinnen jedoch die produktivitätssteigernden Effekte an Bedeutung. Zu nennen sind hier vor allem der Zwang zur Kostensenkung und die Beschleunigung des strukturellen Wandels der Volkswirtschaft. Beide Entwicklungen sind langfristiger Natur und wirken erst mit zeitlicher Verzögerung.

Zwei Studien bestätigen diese Überlegungen zu den kurz- und langfristigen Effekten einer Wechselkursänderung exemplarisch:

  • Die starke Aufwertung des Schweizer Frankens 2015 hat kurzfristig die Ausgaben der schweizerischen Unternehmen für Investitionen, Forschung und Entwicklung verringert und damit auch deren Gesamtproduktivität. Wie sich diese Aufwertung jedoch langfristig auf die Produktivitätsentwicklung auswirkt, bleibt unklar.
  • Richard Harris untersuchte die Auswirkungen der Abwertung des kanadischen Dollars auf die Produktivität zu Beginn der 1990er Jahre. Er betrachtet explizit die langfristigen Effekte und kommt zu der Einschätzung, dass diese Abwertung langfristig negative Auswirkungen auf das kanadische Produktivitätswachstum hatte.

Wie gezeigt, können Wechselkursschwankungen sowohl fördernd als auch hemmend auf Produktivität wirken. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen – und damit deren Anreiz, in Forschung und Entwicklung zu investieren – hängt unmittelbar von der Stärke der heimischen Währung ab. Auch wenn der Wechselkurs nur eine von vielen Determinanten der Produktivität ist, so kann er durchaus einen wichtigen Beitrag zum Strukturwandel und der Produktivitätsentwicklung in einer Volkswirtschaft leisten.



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