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Wie produktiv sind Städte und Regionen?

Blickt man in Bezug auf Produktivität auf die einzelnen Regionen, zeigt sich immer wieder ein Stadt-Land-Gefälle.

 

Wenn es um Unterschiede zwischen Regionen geht, spielen auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland eine große Rolle. Und in der Tat findet auch unsere Studie ein deutliches Gefälle zwischen beiden Landesteilen. Das gilt für die Arbeitsproduktivität ebenso wie für die Totale Faktorproduktivität (TFP). Die Arbeitsproduktivität bezeichnet hierbei das Verhältnis von realer Bruttowertschöpfung zur Erwerbstätigenstunde. Die TFP berücksichtigt neben dem Arbeits- auch den Kapitaleinsatz und gilt als Maß für die Gesamteffizienz der Produktion. Hier zeigt sich beispielsweise, dass die mittlere TFP der Industrie in Ostdeutschland im Jahr 2014 nur etwa 80 Prozent des westdeutschen Niveaus erreicht, wie Abbildung 1 verdeutlicht.

 


Abbildung 1: Durchschnittliche TFP der Industrie in Ost-und Westdeutschland; Quelle: AFiD-Panel Industrieunternehmen; Berechnungen des DIW Berlin.

 

Insgesamt wird der Ost-West-Unterschied jedoch überschätzt. Viel wichtiger ist der Unterschied zwischen den städtischen und den ländlichen Regionen, so eines der zentralen Ergebnisse unserer Studie „Produktivitätsentwicklung in Deutschland: Regionale und sektorale Heterogenität“. Dieses und weitere zentralen Ergebnisse stellt unser interaktives Produktivitätsbarometer dar. Es zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in Raumordnungsregionen der Jahre 2000-2017.

Dargestellt wird jeweils die Stundenproduktivität in Euro je Erwerbstätigenstunde zu Preisen von 2010 für die Industrie und für die marktbestimmte Wirtschaft. Diese besteht aus den Wirtschaftsbereichen Ressourcen, Industrie, Bau, Mobilität, Finanzen und Beratung.

 

Industrie

2000 2017

 

Marktbestimmter Bereich

2000 2017

 

Hier ergibt sich folgendes Bild: Die städtischen Regionen verfügen über eine im Durchschnitt höhere Produktivität als die ländlichen Regionen. Die mittlere Arbeitsproduktivität der städtischen Regionen liegt im Jahr 2017 11 Prozent über dem Durchschnitt aller Regionen, in der Industrie sogar fast 20 Prozent. Dieser Punkt muss auch in Ost-West-Vergleichen berücksichtigt werden. Ostdeutschland ist deutlich stärker ländlich geprägt als Westdeutschland. Deshalb ist der Ost-West-Unterschied in erheblichem Maße ein Stadt-Land-Unterschied.

Vergleicht man nur die ländlichen Regionen in Ost- und Westdeutschland miteinander, sind die Produktivitätsunterschiede viel kleiner, wie Abbildung 2 verdeutlicht. Die mittlere TFP der Industrie der ländlichen Regionen Ostdeutschlands liegt nur knapp unter der in den ländlichen Regionen Westdeutschlands.

Abbildung 2: Durchschnittliche TFP der Industrie in ländlichen Regionen in Ost-und Westdeutschland; Quelle: AFiD-Panel Industrieunternehmen; Berechnungen des DIW Berlin.

 

Der Produktivitätsvorsprung Westdeutschlands ist überwiegend durch die Produktivität der städtischen Regionen zu erklären, die nun einmal fast alle in Westdeutschland liegen. Die Städte profitieren von Agglomerationsvorteilen, einer guten Infrastruktur und Vernetzung zum Umland. So ziehen sie innovative und produktive Unternehmen an. Einige Zentren – die Superstars – setzen sich zudem immer mehr von anderen Regionen ab. Hierzu zählen Großstädte wie München und Hamburg, wie auch die Zentren der Automobil- und Chemiekonzerne. Auch diese Leuchttürme fehlen in Ostdeutschland.

Die ostdeutschen und ländlichen Regionen holen jedoch langsam auf. Der Abstand der mittleren TFP in der Industrie ist zwischen 2003 und 2008 um über 10 Prozentpunkte gesunken. Auch die Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestätigt diesen Trend. So liegen die zehn Regionen mit dem höchsten Zuwachs der Arbeitsproduktivität in den Jahren 2000-2017 mit Ausnahme von Ingolstadt alle in Ostdeutschland. Seit 2008 geriet der Aufholprozess jedoch ins Stocken, wie in Abbildung 1 zu erkennen ist. Der Abstand der mittleren TFP der Industrie zwischen West- und Ostdeutschland liegt seitdem stabil bei etwa 20 Prozent.

Daraus ergeben sich mehrere Aufgaben für die Politik. Zunächst gilt es, die Wachstumsdynamik über alle Regionen hinweg wieder in Gang zu bringen. Vor allem die Superstar-Regionen zeichnen sich durch eine im Durchschnitt höhere Kapitalintensität aus als die restlichen Regionen. Daher spielen Investitionen in die Kapitalausstattung der Unternehmen eine entscheidende Rolle. Die Politik sollte daher das Investitionsklima und Investitionsanreize für deutsche Unternehmen verbessern und sich dabei nicht auf klassische Investitionsgüter beschränken. Es sind insbesondere die Investitionen in wissensbasiertes Kapital – von Softwarelösungen über Forschung und Entwicklung bis zu Organisations- und Humankapital – die als Treiber des Produktivitätswachstums gelten. Dies kann durch eine verstärkte Förderung der betrieblichen Weiterbildung, eine Ausweitung des steuerlichen Investitionsbegriffs und durch eine verstärkte Forschungsförderung erreicht werden.

Insgesamt sollte die Anschlussfähigkeit der ländlichen Regionen gestärkt werden, um die positiven Entwicklungen weiter zu fördern. Das gilt gleichermaßen in Ost- und Westdeutschland. Auch in Westdeutschland gibt es strukturschwache Regionen, wie unser Barometer zeigt. Schlusslichter im Westen sind die Pfalz und Oberfranken. Hierfür ist ein gezielter Infrastrukturausbau in den strukturschwachen Gebieten notwendig. Wie genau? Dafür gibt es kein Patentrezept, wie der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum anmerkt. Zum einen gehört aber der flächendeckende Ausbau der Breitbandinfrastruktur dazu. Zum anderen zeigen viele internationale Erfahrungen, dass die Fokussierung auf Bildungseinrichtungen und Wissensinfrastruktur Erfolg verspricht. Die Ansiedlung von Fachhochschulen abseits der Zentren kann hierfür ein geeignetes Mittel sein. Diese können eng mit der lokalen Wirtschaft kooperieren, die Diffusion von Wissen fördern und somit die Produktivität in diesen Regionen stärken. Die ländlichen Regionen aufzugeben – im Osten wie im Westen – und sich nur auf die Städte zu konzentrieren, wie derzeit diskutiert, ist der falsche Weg. Ganz im Gegenteil: Der ländliche Raum muss gezielt gefördert werden. Andernfalls droht eine negative Abwärtsspirale, die im Sinne eines inklusiven Wachstums und einer stabilen Gesellschaft nicht wünschenswert sein kann.



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