Wir brauchen Fortschritte in der physischen Welt – nicht mehr Speicherplatz im Datenraum

Es wird seit vielen Jahren diskutiert, dass für die Konkurrenzfähigkeit Europas in der Welt einer der belastenden Faktoren das zu geringe gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum ist. Das ist natürlich auch ein Problem für Deutschland mit großen Konsequenzen für den zukünftigen Wohlstand.

Die Arbeitsproduktivität korrespondiert letztlich eng mit den Einkommen. Das lässt sich gut an den vergleichsweise hohen Löhnen im Metall- und Automobilbereich in Deutschland erkennen. Dort haben wir weltweit führende Positionen inne. Arbeitsleistung von Menschen korrespondiert dort mit hohen Gewinnen aus (internationalen) Verkäufen der eigenen Leistung. Ganz anders sieht es bezüglich der Löhne und Gehälter in Gewerben und Branchen aus, in denen keine vergleichbare Wertschöpfung erzielt werden kann.

Produktivität steigern – alles andere als einfach

Die Produktivität zu steigern, ist aber alles andere als einfach. Sonst hätten wir, ebenso wie andere, das ja immer wieder gerne gemacht. Es hat in der Historie Situationen gegeben, in denen es ganz offensichtlich möglich war, kurzfristig große Sprünge zu bewirken. Das gilt z. B. in Zusammenhang mit den bahnbrechenden Erfindungen und neuen Anwendungen in den Bereichen Elektrizität, Automobile oder Flugzeuge. Das waren Erfindungen, mit deren Hilfe weltweit ganz neue Koordinationsmöglichkeiten, Mobilitätslösungen und Marktgegebenheiten geschaffen werden konnten. Diesen Effekt haben wir in jüngerer Zeit zum Beispiel auch mit den enormen Fortschritten in dem Bereich der Digitalisierung und der dadurch induzierten Globalisierung erlebt.

Trotzdem stellt sich gerade auch im IT-Bereich die Frage, warum diese mächtigen Werkzeuge unsere Produktivität nicht in so extremem Maße gesteigert haben, wie das z. B. mit den Automobilen und der Elektrizität früher passiert ist. Der tiefere Grund liegt wahrscheinlich darin, dass diese neuen Technologien auch viele Möglichkeiten bieten, die eigene Tatkraft auf „Nebenkriegsschauplätzen“ zu verbrauchen bzw. sich „smart“ selber zu Lasten anderer zu versorgen.

Wenn also über eine neue Technologie der eine das Geschäft des anderen übernehmen kann, sich damit aber der Charakter des Geschäftes nicht wesentlich ändert, erleben wir eher Umverteilung. Die einen profitieren oft in monopolartigen Strukturen, während andere im selben Umfang verlieren. Viele der „Gewinne“ für die Kunden, die erzielt werden, sind auch ökonomisch weniger wert, als es zunächst erscheint.

Man kann jetzt überall am Smartphone Spiele spielen, Filme schauen, Nachrichten versenden. Das mag Wertschöpfung sein, ist aber auch Ablenkung, kann sogar süchtig machen und führt ökonomisch manchmal zu Verlusten an Potential statt zu Zugewinn. Produktive Arbeitszeit geht verloren, die Produktivität im ökonomischen Sinne wird nicht erhöht. Geld, Zeit und Aufmerksamkeit werden nur anders verteilt.

Zuwachs an Bürokratie

Augenöffnend ist zum Beispiel der unglaubliche Zuwachs an Bürokratie-, Transparenzund Dokumentationsanforderungen, mit denen wir ständig konfrontiert werden, weil eben all diese Anforderungen mit Hilfe der IT-Technologie umgesetzt werden können. Früher wäre das einfach nicht möglich gewesen. Alleine schon im Umfeld Detailierung von Teil-Aspekten von Hotelrechnungen ist viel an Komplexität hinzugekommen, bis hin zur obligatorischen Aufspaltung der Rechnung zwischen dem Hotelbetrieb einerseits und andererseits der Benutzung eines Wellness-Bereiches in eben diesem Hotel.

Das gilt ebenso für unterschiedliche Mehrwertsteuersätze, beispielsweise in Bezug auf die Unterbringung in einem Hotel und das Frühstück. Man wundert sich, womit sich moderne Gesellschaften beschäftigen. Wir haben immer mehr Informationen, sehen aber vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Wir kommen nicht mehr zur eigentlichen Arbeit, werden stattdessen von immer mehr Kontrollen verfolgt. Viele neue Jobs entstehen dabei, oftmals aber nicht wertschöpfend, eher wertvernichtend.

Komplexe Ausdifferenzierung einer Gesellschaft

Anders ausgedrückt: Wir differenzieren in höchster Komplexität eine Gesellschaft unter Nutzung der Möglichkeiten neuer Technologie aus. Das, was eigentlich zum Fortschritt der Produktion im Sinne einer vermehrten Bereitstellung benötigter Güter und Dienstleistungen sein könnte, wird zum Schluss zum Auslöser eines enorm elaborierten Dokumentations- und Nachweisapparates, den man ohne eben diese neuen Technologien gar nicht haben könnte.

Manchmal sind wir heute mit den vielen Vorgaben und Regelungen in Situationen, in denen im rechtlichen Sinne eigentlich jedes Tun mit Risiko behaftet ist, und wir immer mehr Spezialisten beschäftigen müssen, um so etwas wie Rechtssicherheit herzustellen.

Dazu müssen dann die Menschen vor jedem Geschäft (etwa ein Kleinkredit bei einer Sparkasse oder einer Genossenschaftsbank) seitenlange Dokumente unterschreiben, die sie von der zeitlichen Lage her gesehen nicht lesen können und vom Sachinhalt her ohnehin nicht verstehen würden. Alternativangebote gibt es auch nicht. Man unterschreibt dann eben.

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Leistungsverluste und Informationsflut

Hinzu kommt gerade im IT-Bereich folgendes: Installation und Betreuung dieser Technik ist selber enorm aufwendig. Es funktioniert ganz vieles immer wieder nicht. Viele Nutzer verzweifeln. Dies passiert so, weil am Markt diverse IT-Anbieter mit immer neuen Modellen und Systemen gegeneinander konkurrieren, dies mit unterschiedlichen Release-Ständen bei benötigten Softwarekomponenten, mit ständigen Wechseln der Systeme und fehlender Interoperabilität.

Während wir also über neue Technologien verfügen, die uns enorme Produktivitätszuwachse bringen könnten, erzeugen die Marktverhältnisse bei den raschen Innovationen im IT-Bereich permanente Leistungsverluste in der Nutzung dieser Technik.

Dasselbe gilt natürlich auch für eine nie endende Flut von Emails und Informationen, denen wir heute ausgesetzt sind („information overload“). In ihrer schieren Menge sind diese Informationen von niemandem mehr nachvollziehbar. Schon die Entscheidung über „Ansehen“ oder nicht ist ein hoher Aufwand, selber oftmals wieder Blindleistung, wobei Fehler in diesem Umfeld aber rechtliche Konsequenzen haben können.

Mittlerweile helfen Coaches uns dabei, das Smartphone temporär auszustellen, Unternehmen machen sich Sorgen um den Burn-out von Mitarbeitern und stellen Regelungen für einen verantwortlichen Umgang mit der E-Mail-Flut auf. Und natürlich muss man sich gegen die rechtlichen Konsequenzen von ungenügendem Umgang mit Blindleistungen schützen, was in einem gewissen Sinne nur die nächste Dimension der Vernichtung von Arbeitsproduktivität ist.

Ressourcen klüger nutzen

Nun kann man sich in diesem Kontext fragen, ob nicht an anderer Stelle Möglichkeiten bestehen, solche Defizite zu kompensieren, zum Beispiel mit einer klugen Nutzung der vielen Informationen, die wir heute zur Verfügung haben. Hier wird gerne nach einer klügeren Ressourcennutzung gefragt. Dies ist ein Thema, mit dem sich der Club of Rome schon sehr lange beschäftigt (Ressourceneffizienz/Decoupling/Faktor 5 oder 10).

Natürlich muss es das Ziel sein, zumindest eine gewisse Entkoppelung des Wohlstandszuwachses vom Ressourcenverbrauch zu erreichen. Das entspricht so auch dem historischen Prozess. Die Betrachtung ist dabei allerdings immer auf einzelne Güter oder Dienstleistung gerichtet.

Dabei sind wir aber gleichzeitig damit konfrontiert, dass sich bei einer rasch wachsenden Weltbevölkerung und wachsendem Wohlstand natürlich die Anzahl der Güter und Dienstleistungen ständig vergrößert, dies selbst dann, wenn sich pro Kopf nur wenig Zuwachs einstellen sollte.

Wir haben tatsächlich in einer pro Einheit-Betrachtung deutliche Verbesserungen auf der Seite der Ressourcenproduktivität. Aber auch hier wirken Bumerangeffekte, Reboundeffekte von der Art, dass der Gesamtumfang an Güter und Dienstleistungen schneller wächst als wir pro Einheit besser werden.

Das heißt, dass wir mit immer effizienteren Mechanismen in der Summe doch höhere Belastungen erzeugen, also beispielsweise Fortschritte bezüglich der relativen CO2-Intensität pro eingesetztem Kilogramm Kraftstoff im Auto überkompensiert werden durch die ständig erweiterten Funktionalitäten und das ständig höhere Gewicht eben dieser Automobile.

Ähnlich ist die Erfahrung, dass immer neue Schnellstraßen durch Städte nicht zu einer Entlastung im Verkehr führen. Viel mehr kann jetzt nur mehr latenter Verkehr erfolgen, der früher aus kapazitiven Gründen nicht umsetzbar war.

Probleme der vollen Welt

Da das Beschaffen der entsprechenden Ressourcen teilweise schwierig ist, auch die Substitution nicht immer einfacher ist, und wir insbesondere bei manchen Ressourcen, im Besonderen natürlich aktuell bei dem Nutzungspotential der Atmosphäre als Deponie für Klimagase, gegen Grenzen laufen, kommen ganz neue Probleme auf uns zu. Probleme der sogenannten vollen Welt.

Wir müssen dazu Nutzungsgrenzen durchsetzen, entweder aus Einsicht, oder wegen der tatsächlichen Nicht-Verfügbarkeit bei immer mehr Nachfrage. Der Umbau in eine Richtung mit weniger Ressourcenverbrauch ist selber wieder teuer und schränkt sofort das erreichbare Produktivitätswachstum ein.

Der Weg in die moderne Welt ist insofern auch ein Weg, in dem wir mit einem ziemlich hohen Aufwand versuchen, für immer mehr Menschen mit tendenziell weniger Ressourcenaufwand den angestrebten größeren Wohlstand zu erreichen. Dieses Programm läuft aber an vielen Stellen gegen Grenzen. Die Perspektive auf Wachstum ist dadurch begrenzt.

Anders ausgedrückt: Wenn wir wirklich mehr Wohlstand für viel mehr Menschen auf dieser Erde wollen, müssen wir uns einiges einfallen lassen. Dies auch deshalb, weil noch am ehesten Wohlstand die bisherige Dynamik der Bevölkerungsentwicklung ab 2050 bei dann 10 Milliarden Menschen vielleicht beenden wird. Wenn das unser Programm ist, wir dazu neue Energiesysteme brauchen und Klimaneutralität anstreben und Milliarden weiterer Menschen aus der Armut herausholen wollen, dann werden wir fundamentale neue Technologien und Technologiedurchbrüche brauchen und zwar solche von anderer Art als heute im IT-Bereich.

Der IT-Bereich erlaubt uns insbesondere, alles, was wir tun, mit enorm großen Datenwolken zu versehen als ein Zusatzangebot, das aber materiell oft keinen wirklichen Wohlstandszuwachs darstellt, oft Probleme vergrößert, etwa in Form der „Echokammern“ und Hasswelten in den fälschlicher Weise als „Soziale Netzwerke“ bezeichneten Systemwelten.

Fortschritte in der physischen Welt nötig

Nötig ist etwas anderes – Fortschritte in der physischen Welt, also zum Beispiel in der Nahrungsmittelproduktion oder in der Erzeugung von klimaneutraler Energie zu günstigen Preisen, nicht mehr Speicherplatz im Datenraum.

Zentral wäre unter anderem der Übergang zu einem neuen Energiesystem. Wir sollten beispielsweise in den Sonnenwüsten der Welt Photovoltaikstrukturen organisieren, die fast so etwas sind, wie eine „zweite Haut“ der Welt und ihrer Oberfläche. Vielleicht können wir Wüsten partiell in eine neue technische Struktur verwandeln, die die Qualität einer technischen Photosynthese besitzt.

Das alles hat eine viel größere Nähe zur physischen Welt als der moderne Plattformkapitalismus und seine Beiträge. Solche Fortschritte wären eher vom Typ der Innovationen in der Vergangenheit, die oben erwähnt wurden, als Elektromobilität, Auto und Flugzeug. Vielleicht werden wir dann ein größeres Potenzial zu Produktivitätsfortschritt sehen.

Es kann aber auch sein, dass der Weg dahin nicht erfolgreich sein wird, sogar zu Konflikten führt, die viel zerstören werden, statt neue Werte zu schaffen. Die Lage der Menschheit ist aktuell alles andere als komfortabel.



Kommentare

  1. / von Folkert Herlyn

    Danke, das ist ein sehr ausgewogener und konstruktiver Blick auf z. B. Produktivität mittels IT und Zukunft!

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